13. Gallery Weekend Berlin : Unter der Oberfläche der Werbewelt

Michel Majerus formte Popmotive zu überdimensionalen Zeichen. Die Galerie neugerriemschneider präsentiert die "aluminium paintings" des früh verstorbenen Künstlers.

Max Tholl
Maler des Remix. Der Berliner Künstler Michel Majerus 1996 in seinem Atelier.
Maler des Remix. Der Berliner Künstler Michel Majerus 1996 in seinem Atelier.Foto: Albrecht Fuchs

In den neunziger Jahren wich Nike bei seinen Turnschuhen vom schlichten Design ab und ersetzte es durch grelle Farben und futuristische Formen. Der überdimensionale Nike-Turnschuh, der in der Eingangshalle der Galerie neugerriemschneider thront, könnte glatt als Hommage an diese Zeit durchgehen, ist aber ihr Erzeugnis. Schnittpunkte zwischen Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnen die Bilder des Künstlers Michel Majerus, dessen „aluminum paintings“ derzeit in der Galerie zu sehen sind. Majerus ließ sich von den Werbe- und Popikonen des Hyperkapitalismus und den Anfangstagen des digitalen Zeitalters inspirieren.

Zu seinen Motiven zählten Videospiel-Figuren wie Super Mario oder Logos von Techno-Labels. Die Leinwand wurde bei ihm zum Bildschirm, auch die heranrückende Bilderflut des Internet ist bei seinen wuchtigen, eklektischen Arbeiten bereits spürbar. Sie sind Zeugnisse der bevorstehenden digitalen Revolution. Und doch gibt es reichlich Querverweise und Rückblenden auf die Kunstgeschichte und die von Majerus verehrten Großmeister Warhol, Basquiat oder Stella. Elemente der Pop Art oder des abstrakten Expressionismus finden sich bei ihm als visuelle Zitate wieder.

Popmotive in überdimensionalen Formen. Ein Werk aus der Ausstellung.
Popmotive in überdimensionalen Formen. Ein Werk aus der Ausstellung.Foto: Jens Ziehe/Courtey of Neugerriemschneider

Michel Majerus wollte die Malerei nicht revolutionieren, sondern Bestehendes zusammenführen – wie beim Sampling und Remixing in der Technomusik. Der Berliner Künstler, der 2002 auf einem Flug in seine luxemburgische Heimat mit nur 35 Jahren tödlich verunglückte, wollte den Rahmen ausdehnen, sowohl der Malerei als auch des Raums. Dieser Raum ist bei Majerus fast immer fester Bestandteil des Kunstwerks und wird maximal ausgelastet. Das Bild steht nicht nur im Raum, sondern verschmilzt mit ihm, weshalb Majerus’ Arbeiten eher Rauminstallationen darstellen als traditionelle Malerei. Sein Markenzeichen sind die überdimensionale Größe und die plakativen visuellen Elemente.

Genau davon will die Kuratorin Brigitte Franzen mit ihrer Ausstellung im Michel Majerus Estate, dem Nachlass des Künstlers, abrücken. Erstmals zeigt sie die frühesten Werke des so früh verstorbenen Künstlers und gibt Einblicke in seine Gedankenwelt sowie in die Schaffensprozesse. Majerus sei sehr oberflächlich rezipiert worden, da er die Oberflächlichkeit der Objekte so stark einbezogen habe, sagt Franzen. Dabei seien seine Arbeiten nur offensichtlich, aber nie oberflächlich.

Er griff die Elemente der Werbe- und Jugendkultur nicht einfach auf, sondern fragte sich, wie diese Objekte überhaupt erscheinen und welchen Wert sie transportieren. Bei näherer Betrachtung gerinnen die überdimensionalen Motive zu abstrakten Formen, diese wiederum zu Ideen und Konzepten. Das Kunstwerk bei Majerus ist mehr als die Summe seiner Teile.

Bereits 1994 hatte Majerus erstmals bei neugerriemschneider ausgestellt. Die Galerie betreut seit seinem Tod einen Teil der Arbeiten. Eines seiner bekanntesten Werke ziert der Schriftzug „Was heute gut aussieht, muss morgen nicht mehr gut aussehen“. Genau wie die Nike-Turnschuhe beweisen die Werke von Michel Majerus aber enorme Dauerhaftigkeit.

Galerie neugerriemschneider, Linienstr. 55, Fr 18–21 Uhr, Sa/So 11–19 Uhr, danach bis 26. August Di bis Sa 11–18 Uhr. Michel Majerus Estate, Knaackstr. 12, bis 3. 3. 2018, nach dem Weekend Sa 11–18 Uhr

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