Kultur : 14. Jüdischen Kulturtage: Konkurrenz am Himmelstor

Thomas Lackmann

Wandlungen. Verwandlungen. Der Saal des Gemeindezentrums in der Fasanenstraße: ein Schmelztiegel. Zur Eröffnung der Jüdischen Kulturtage, die unter dem Motto "Piazza Italia" stehen, mischen sich Milieus und Generationen, Communities der Einwanderer, die Repräsentativ-Interessen der Honoratioren und die Amüsierbestrebungen des Fußvolkes. Unter der Kuppel: zum Davidsstern verschlungene Stoffbahnen in den Farben der italienischen Trikolore. Fotowandkulissen holen Farben und Patina mediterranen Straßenlebens hinein in den dicht besetzten Ballroom, wie dieser Entertainment-Ort der Kulturtage auch in diesem Jahr genannt wird. Der Gemeindevorsitzende wirbt für das sieben Tage geöffnete, "Arche Noah" genannte Hausrestaurant: "Wir haben hier, obwohl Zäune und Polizisten vor der Tür sind, immer ein offenes Haus."

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden Italiens radebrecht erfrischend, nicht ohne Konflikte zwischen Minorität und Majorität jenseits und diesseits der Alpen zu erwähnen: "Europa war nie ein stetiges, monolithisches Wesen mit einer Leitkultur," - heftiger Applaus - "sondern ein dynamisches Wesen... Ich denke Ihnen!" Italiens Botschafter dagegen quält sich, voller Bedauern vom Blatt lesend ("es würde sonst ein trapatonisches Deutsch sein"), unter dem Mitgefühl des Auditoriums durch einen ihm vom Redenschreiber eingebrockten Historien-Diskurs.

Berlins Kulursenator wiederum setzt das rhetorische Glanzlicht - und selbst Eingeweihte durch seine Bilocations-Praxis in Erstaunen: wurde er doch eben noch in der Oper gesichtet und eilt nun hier, im genauen Moment und mit festlicher Fliege, ans Podiumsmikro. Er erinnert sowohl an Europas christlich-jüdische Kultur wie auch an Mozarts Librettisten Lorenzo da Ponte, der jüdischer Herkunft war, um zuletzt ernst ein Missverständnis aufzuklären: Bei aller Freude über jüdisches Leben in Deutschland, über Gründungen wie die einer jüdischen Lehranstalt in Potsdam an diesem Wochenende, könne von einer "Rekonstruktion" der "zerbrochenen" jüdischen Kultur nicht gesprochen werden. Das Neue sei etwas Neues. Es führe kein Weg zurück.

Wie klingt jiddische Nostalgie?

Es gehört zur herausfordernden Tradition dieser Kulturtage, dem schwierigen November-Gedenken die trotzig-festliche Selbstbehauptung entgegenzusetzen: So wurde der Ballroom oft zum Forum der Conference und Komik, der Sentimentalität und jener leichten Muse, die - wo sie ins Herz gehen soll - so schwer zu machen ist. Moni Ovadia, der mit seinem TheaterOrchestra den Eröffnungsabend bestreitet, muss diesen Stimmungskontext falsch verstanden haben. Aus dem reichen europäischen Repertoire seiner poetischen Möglichkeiten hat er nur sein Klezmer-Material ausgewählt: eine Fixierung aufs angeblich Authentische, die weniger Italien zum Klingen bringt als jene Klischees, mit denen hierzulande jiddische Nostalgie produziert wird. Seine angegraute Combo reicht an das Alterslevel weder der legendären Epstein Brothers noch der Senioren vom Buena Vista Social Club, ist dabei leider gleichermaßen weit vom Selbstbewusstsein und von der Kommunikationslust dieser vergnügten Greise entfernt. Immerhin versucht der introvertierte Star aus Mailand, durch eingestreute Witze Brücken zu schlagen. Seine Geschichte vom Rabbi und Busfahrer am Himmelstor wird in vielen Glaubensgemeinschaften überliefert und variiert: Der Busfahrer darf ins Paradies, weil die Leute bei ihm immer beteten, während der Geistliche seine Schäfchen lediglich zum Einschlafen brachte. Aber Ovadias feierlicher Folklore-Show hätte ein bisschen routinierter Rabbinercharme, in allen Ehren, noch gut getan.

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