Kultur : 15 Jahre nach Tschernobyl: Leben mit dem Gau

Dagmar Röhrlich

Kiefern und Fichten wachsen rechts und links der breiten Straße. Die Straße ist gut gestreut, das Fahren trotz des Schnees kein Problem. "Der schlimmste Feind für den Wald ist das Feuer" - steht in riesigen Lettern am Waldrand. Die Radiologen fürchten Waldbrände: Mit ihrem Rauch könnte Radioaktivität aus der Zone herausgetragen werden. Denn im Boden der 30-Kilometer-Zone um das Lenin-Kernkraftwerk wartet immer noch ein strahlendes Erbe: die bei der Havarie freigesetzten Radionuklide. Ein falsch geplantes Experiment beim Herunterfahren und menschliches Versagen hatten am 26. April 1986 zur größten Nuklearkatastrophe geführt. Zehn Tage lang schleuderte der geschmolzene Reaktorkern hohe Mengen radioaktiver Stoffe in die Luft. Erst dann konnte er abgeschottet werden.

Außer Edelgasen gelangten vor allem Radio-Jod und strahlendes Cäsium in die Umwelt, daneben aber auch radioaktives Strontium und Plutonium. Der Wind trieb die Rauchfahne übers Land - und wohin er wehte, dort rieselten Radionuklide auf die Böden und Menschen. Ein kompliziertes Patchwork-Muster entstand. Der Einfachheit halber wurde eine kreisförmige 30-km-Sperrzone um den Reaktor gezogen, aus der eilends die Menschen evakuiert wurden. Seit mehr als 14 Jahren verfallen die Kühltürme und Reaktorgebäude. Aber ganz in ihrer Nähe drehen sich jetzt wieder die Baukräne, Beton wird gegossen. Hier entsteht ein Zwischenlager, das 2002 die 25 000 Brennelemente der drei stillgelegten Reaktoren aufnehmen soll. Baufirmen haben Hochkonjunktur in Tschernobyl. Im Bau ist auch eine Anlage zur Behandlung von flüssigen radioaktiven Abfällen. Sie entsteht auf dem Werksgelände direkt neben großen Tanks, in denen strahlende Betriebsabwässer gesammelt worden sind. Ab 2002 sollen die Abwässer direkt in die Anlage gepumpt, eingedampft und mit Zement vermengt werden. Das Ganze wird anschließend in ein zweites Zwischenlager geschafft.

Der Rückbau ist für die Ukraine zu teuer. "Die Außerbetriebnahme des Tschernobylkomplexes - ohne den Sarkophag - beläuft sich auf 650 bis 700 Millionen Dollar. Seitens der Weltgemeinschaft haben wir Zusagen in Höhe von 200 Millionen", so Präsidentenberater Valerij Kukhar. Die Kosten sind nur geschätzt, denn noch nie ist ein Druckröhrenreaktor zurückgebaut worden. "Wir wissen nicht, wie wir das machen sollen", stellt Andrej Schatzmann fest, der stellvertretende Hauptingenieur in Tschernobyl.

Die Ukraine ist noch immer angewiesen auf ihre Kernkraft. Wenn der Block 3 in Tschernobyl nicht am Netz ist, beispielsweise wenn wegen Vereisung die Überlandleitungen gerissen sind, bleiben 4000 Orte ohne Wärme und Strom. Georgij Kopchinskiy, Leiter der Abteilung für Kernenergie im Ministerium für Brennstoff und Energie, sagt: "Wir kämpfen mit unseren letzten Kräften, um das Energiesystem auf einem minimal annehmbaren Niveau zu halten."

Man steht mit dem Rücken zur Wand, erklärt Valerij Kukhar: "Es ist paradox: Einerseits haben wir sehr viele Kraftwerke, die theoretisch sogar genug für den Export liefern könnten. Aber die Effizienz der veralteten Kohle-Kraftwerke ist sehr niedrig, und sie liegen oft still. Auch unsere Gaskraftwerke mussten wir einmotten, weil wir den Brennstoff nicht bezahlen konnten." Das Rückgrat ist derzeit die Kernenergie - doch bei der könnte der chronische Geldmangel zu ernsten Problemen führen. Ohne Geld ist auch das 800-Millionen-Dollar-Regierungsprogramm zur Erhöhung der nuklearen Sicherheit Makulatur. Man arbeitet mit veralteten Systemen zur Reaktorsteuerung. "Und deshalb", sagt Nicolaiy Steinberg, Leiter von Atomaudit, dem ukrainischen Nuklear-TÜV, "musste Tschernobyl abgeschaltet werden."

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