• 15 Jahre nach Tschernobyl: "Wir können nicht gleich weg von der Atomenergie" - der ukrainische Botschafter im Gespräch

Kultur : 15 Jahre nach Tschernobyl: "Wir können nicht gleich weg von der Atomenergie" - der ukrainische Botschafter im Gespräch

Braucht die Ukraine auch weiterhin humanitäre

Braucht die Ukraine auch weiterhin humanitäre Unterstützung?

Ja, und wir sind sehr dankbar für die Unterstützung. Deutschland leistet von allen EU-Ländern die meiste Hilfe. Was wir aber auch brauchen, das ist weitere technische und finanzielle Hilfe des Westens.

Hat der Westen nicht schon sehr viel getan?

Die Staaten des Westens haben uns sehr geholfen, Deutschland zuletzt beim Bau des neuen Sarkophags über den Unglücksreaktor. Aber nicht alle Verpflichtungen wurden erfüllt, die die G-7-Staaten, die EU und die Ukraine in Ottawa 1996 eingegangen sind. Mit der Abschaltung von Tschernobyl im Dezember 2000 hat die Ukraine ihren Teil geleistet. Nun brauchen wir Ersatz für die Kapazität von Tschernobyl. Es geht um den Fertigbau zweier neuer Atomreaktoren des Typs R4H2. Zwar haben die Deutschen selbst einen Atomausstieg beschlossen, aber sie sollten die Verpflichtung von Ottawa erfüllen und sich an den Kosten von 1,4 Milliarden Dollar beteiligen.

Die Bundesregierung will aber kein Geld für Atomtechnik geben.

Richtig, das gilt für die heutige Bundesregierung. Die vorige aber hatte sich dazu verpflichtet. Wir haben einen Kompromiss gefunden: Deutschland hat nichts dagegen, wenn die Europäische Bank für Wiederaufbau die neuen Kernkraftwerke durch Kredite finanziert. Deutschland wird an einem anderen Projekt teilnehmen, der Stilllegung von weiteren Atomkraftwerken und der Milderung von sozialen Folgen.

Deutschland gibt keine Hermesbürgschaften mehr für den Export von Nukleartechnologie.

Für den Aufbau von Atomreaktoren in China wurden solche Bürgschaften gegeben.

Berlin will solche Garantien für Nukleartechnik künftig nicht mehr gewähren.

Es kann keine verschiedenen Standards geben, also sollten solche Bürgschaften auch für die Ukraine übernommen werden.

Wie steht die Ukraine zum deutschen Angebot, ihr bei der Umstellung auf eine weniger risikoreiche Energieversorgung zu helfen, etwa durch Gaskraftwerke?

Im Prinzip sehr positiv. Das Problem ist nur: Wer soll das bezahlen? Deutschland hat andere finanzielle Möglichkeiten. Die Umstellung aller Kraftwerke auf Gas würde unsere Abhängigkeit von Russland vergrößern. Das ist nicht unser Interesse. Für die Alternative, Steinkohlekraftwerke zu bauen, brauchen wir teure Umwelttechnik. Wir können nicht gleich weg von der Atomenergie.

Wie stehen die Ukrainer zur deutschen Entscheidung, künftig auf Nuklearenergie zu verzichten?

Auch die Mehrheit der Ukrainer ist für den Atomausstieg. Aber wenn Deutschland mit seinen im Vergleich zur Ukraine großen finanziellen Möglichkeiten 35 Jahre für den Ausstieg braucht, dann brauchen wir vielleicht 70 Jahre.

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