Kultur : 15 Milligramm

Rührung, Berührung: Was Tränen über den historischen Augenblick sagen

Jan Schulz-Ojala

Das Video auf Youtube ist nur eine Minute und 21 Sekunden kurz, aber es sagt alles über diese amerikanische Nacht. Großaufnahme auf einen alten Mann in der Menge, bald nimmt die Kamera andere Jubelnde ins Bild, registriert das kollektive Glücksgeschrei, und bleibt doch ganz bei diesem Mann, der da still ist mitten im Ereignis und vollkommen für sich: der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson. Und Jesse Jackson weint.

Die Tränen Jesse Jacksons, der selber zweimal – 1984 und 1988 – versuchte, als Kandidat der Demokraten ins Rennen ums Weiße Haus zu gehen und dessen Traum sich nun im 20 Jahre jüngeren Barack Obama erfüllt: Es sind Tränen eines Individuums in einer Menge, die in Tränen ausbricht. Endlich ist die Nachricht da, in der einen Zeile, die jeder Mensch versteht. Zehntausende weinen vor Freude im Grant Park von Chicago, wo Barack Obama später seine umjubelte Dankesrede hält. Und Millionen sind es, wohl Milliarden an den Bildschirmen dieser Welt. Eine Träne wiegt 15 Milligramm, sagen die Wissenschaftler. Ein Ozean des Glücks wohl ist es, den sich dieser Planet in einer Nacht zusammenweint – bevölkert von uns wunderseltsamen, zum Lachen wie zum Weinen begabten Lebewesen.

Es war eine seit Monaten erhoffte, erwartete, schließlich durch stabile Meinungsumfragen ordentlich gesicherte Nachricht: Barack Obama wird der nächste US-Präsident. Tatsächlich wäre der Sieg von John McCain eine Sensation gewesen. Und doch ist exakt diese Nachricht die Sensation: nicht nur, weil mit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten das schier Unglaubliche Ereignis wurde, so wahrscheinlich es unterdessen auch geworden sein mag. Sie ist Sensation auch im Wortsinn: Uns überläuft's. Und die Glückserschütterung löst und vervielfacht sich unmittelbar in der universalen Sprache der Tränen.

Dass das historisch Erwartete, ja Überfällige denn doch in einem umwerfenden Augenblick kulminiert: Man muss schon Generationenschritte zurückgehen, um Vergleichbares zu finden für die Nacht vom 4. zum 5. November 2008. Der Mauerfall vor 19 Jahren, den Obama in seiner Dankesrede ausdrücklich als globales Glücksereignis rühmte, gehört unbedingt dazu; ebenso, noch einmal 19 Jahre früher, Willy Brandts historisch längst gebotener und doch sensationell plötzlicher Kniefall in Warschau. Versöhnung ist das Leitmotiv solcher in großen Bildern kulminierenden Momente, die unseren rissigen Planeten für eben diesen Augenblick eins erscheinen lassen. Und dazu die immer wieder trügerische Hoffnung auf eine bessere Welt, die ihre Bewohner berührt – und rührt.

In dieser durchwachten Nacht kam als kollektiver Neurotransmitter Erleichterung hinzu. Die in jeder Hinsicht bleierne Zeit der acht Jahre unter George W. Bush, ein planetarer Alptraum, sind augenblicklich fühlbare Vergangenheit. Der schaurige Fehlstart des globalen Dorfs in das neue Jahrtausend – mit Krieg und Lügen, Zynismus und unfassbarer Ignoranz gegenüber den drängendsten Zukunftsfragen: All das weicht der Hoffnung, dass der umsichtige, immer noch junge Barack Obama mit seiner aus Idealismus gespeisten und mit sportlicher Durchsetzungsfähigkeit geerdeten Biografie das Blatt wendet und diese Aufgaben energisch anpackt.

Schon der Wahlkampf war ein Wahlkampf der Tränen. Doch stellt man sie zu Recht unter Instrumentalisierungsverdacht, wenn sie auf offener Bühne vergossen werden – anders als die unschuldigen Tränen der Anonymen? Auch Schauspieler, die beim erhofften, erwarteten, verdienten und dann doch überrumpelnden Oscar-Triumph von Rührung überwältigt werden, sind Menschen, so sehr sie Gefühle zu spielen gewohnt sind. Ebenso Politiker, die ihre Gefühle dienstlich unter Kontrolle halten müssen.

Dass Hillary Clintons Tränenausbruch im Januar ihre Nominierungschancen zwischenzeitlich verbesserte: Nur Zyniker sehen im unmittelbar folgenden Vorwahlsieg von New Hampshire mehr als ein Zeichen funktionierender Empathie. Oder dass der geradezu übermenschlich disziplinierte Obama dieser Tage angesichts des Todes seiner Großmutter Tränen in den Augen hatte, vor den Augen der ganzen Welt: Es gehört schon Sarkasmus dazu, hierin ein letztes Wahlkampfmanöver zu sehen – zumal seine Großmutter ihn aufgezogen hatte und ihm somit die lebenseigentliche Mutter war. Warum soll einem, der 21 Monate Wahlkampf mit weitgehender Familienabwesenheit hinter sich hat, dieser intime Augenblick kurz vorm Ziel nicht gegönnt sein, in aller Öffentlichkeit?

Aber um diese Angst- und Trauertränen geht es heute nicht. Sondern um eine gemeinschaftliche Glückserfahrung, der nicht zuletzt das Weinen den Weg unverlierbar ins Gedächtnis bahnt – da mag die schöne Obamania auch bald notwendiger Ernüchterung weichen. „Ich weine. Meine Träume fallen in die Welt“, heißt es in einer Gedichtzeile Else Lasker-Schülers. Obamas Träume von Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität, die er mit seinem so packenden Sinn fürs menschlich Konkrete zu formulieren weiß: Sie sind auch die unseren. Immerhin einige davon wird er erfüllen müssen, ein Mann, der unter keiner Last zusammenzubrechen scheint, schon gar nicht unter jener der ungeheuren Hoffnung, die er heraufbeschwört.

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