150 Jahre Alois Alzheimer : Vorwärts und vergessen

Wer hat nicht schon mal gesagt, „ich glaub, ich hab’ Alzheimer“, nur weil er die Schlüssel nicht findet? Der Begriff Alzheimer zählt längst zum Alltagswortschatz. Die Krankheit betrifft derzeit 15 Millionen Menschen. Als erster beschrieben hat sie Alois Alzheimer, der vor 150 Jahren zur Welt kam.

Volker Hagedorn
Ein Pionier der geriatrischen Medizin: Alois Alzheimer.
Ein Pionier der geriatrischen Medizin: Alois Alzheimer.Foto: epd

Wer denkt bei Ferrari noch an Enzo, den Rennfahrer? Es gibt Personennamen, die Begriffe wurden. Sie haben sich losgelöst von ihren Trägern und stehen nur noch für bestimmte Errungenschaften. Den Arzt Alois Alzheimer, der am heutigen Samstag vor 150 Jahren in Unterfranken zur Welt kam, muss man schon fast dafür bedauern, dass er als Erster jene Erkrankung beschrieb, die derzeit 15 Millionen Menschen betrifft und zum Alltagswortschatz zählt. Wer hat nicht schon mal gesagt, „ich glaub, ich hab’ Alzheimer“, nur weil er die Schlüssel nicht findet?

Das ist nicht zynisch. Wir malen diesen Teufel an die Wand, um ihn zu bannen. Je mehr man sich merken muss – Pincodes, Passwörter, Infoflut, hunderte E-Mails, und hatte ich dem Smartphone schon gesagt, dass es die Kaffeemaschine anstellen soll? –, desto mehr vergisst man. Gemessen an den Anforderungen sind wir alle defizitär, und vielleicht tröstet es dabei, dass Alzheimer auch ein Name für ein fränkisches Bier sein könnte. So wie Barre in Ostwestfalen, nach Brauereigründer Ernst Barre benannt. Dass man auch ohne Alkohol und Alzheimer den Kopf verlieren kann, motivierte 1789 den Revolutionspolitiker Joseph-Ignace Guillotin zur Einführung eines Geräts, in dessen Schatten er seither steht. Dagegen leistete der Engländer Charles C. Boycott unfreiwillig einen Beitrag zu gewaltfreier Politik. Als Gutsverwalter in Irland unangenehm aufgefallen, wurde er 1880 von allen Pächtern gemieden. Seither heißt jede Ächtungsaktion Boykott. Ein solcher könnte die Bahn dazu bringen, den „Wuermeling“ wieder einzuführen.

Franz-Joseph Wuermeling setzte als Minister unter Adenauer anno 1956 eine Fahrpreisermäßigung bei Bahnreisen für Familien mit mindestens drei Kindern durch. Der Volksmund machte aus der Bescheinigung wahlweise „Karnickelpass“ oder eben „Wuermeling“. Und noch bis 1999 reisten Kinder von 10 bis 18 für die Hälfte, es gab sogar eine „BahnCard Wuermeling“. Das haben die Bahnchefs längst vergessen. Kinderreiche Familien sind in der geriatrischen Festung Europa ohnehin selten geworden. Alzheimer selbst gründete noch eine. Nachdem sein erster Patient der neurodegenerativen Erkrankung erlegen war, verliebte er sich in dessen Witwe und bekam mit ihr drei Kinder. Das war nicht wirklich ein Triumph der Medizin, aber immerhin vorweg eine Entschädigung für den schaurigen Ruhm, den sein Name heute genießt.

Die Nachrichtenagentur epd fasst Alzheimers Biografie folgendermaßen zusammen: Vor 150 Jahren, am 14. Juni 1864, wurde Alois Alzheimer in Marktbreit in Bayern geboren. Der Medinziner legte die Grundlagen der modernen Demenz-Forschung. Noch heute beruht die klinische Diagnose der Krankheit auf seinen Untersuchungsmethoden aus dem Jahr 1906. Doch zunächst hat die Fachwelt den Forscher ignoriert. Alzheimer begegnet der Patientin Auguste Deter erstmals im Jahr 1901 in Frankfurt am Main. Die 51-Jährige ist ungewöhnlich verwirrt und kann sich an fast nichts erinnern. Alzheimer steht vor einem Rätsel. Eine Diagnose kann er nicht stellen. Als die Frau im April 1906 stirbt lässt er sich das Gehirn der Toten nach München schicken. Belächelt als "Irrenarzt mit Mikroskop" fertigt er dort eingefärbte Hirnschnitte an. Er stellt fest, dass die Hirnrinde stark verändert ist. Und er stößt unter dem Mikroskop auf ungewöhnliche Fibrillen und Eiweißablagerungen in Form von Plaques. Alzheimer ist überzeugt, dass die seltsame Krankheit organischen Ursprungs ist. 1906 geht er an die Öffentlichkeit und schildert seine Forschungsergebnisse unter dem Titel "Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde" auf der "Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte" in Tübingen. 1909 benennt der Münchner Kollege Emil Kraepelin die damals noch seltene Krankheit des "senilen und präsenilen Irreseins" in seinem Lehrbuch "Allgemeine Psychiatrie" als die "Alzheimer-Krankheit". Unter dem langsamen Absterben von Nervenzellen leiden heute bundesweit über 1,4 Millionen Demenzkranke. Zwei Drittel von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen.

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