Kultur : 16 Prozent?

Heinz Holtmann, Chef des Galeristenverbandes, warnt vor einer Erhöhung der Mehrwertsteuer für Kunstkäufe

-

Finanzminister Eichel fordert die Abschaffung der ermäßigten Mehrwertsteuersätze für Kunstkäufe. Wen würde die Erhöhung von sieben auf 16 Prozent treffen?

Zuallererst Künstler, dann Sammler, Museen, Kunstvereine und Galerien. Bei der UnterschriftenAktion unseres Verbandes auf der Art Cologne haben nicht nur mehr als 300 Galerien, sondern auch Sammler und Künstler wie Katharina Grosse, Camill Leberer und Thomas Huber sowie 29 Kunstvereine protestiert. Wenn ein Künstler künftig Kunst verkauft, dann müsste er 9 Prozent mehr aus dem Verkaufserlös an das Finanzamt führen.

Welche Folgen hätte das für den Kunstmarkt? Ist es denn wirklich dramatisch, wenn jemand, der ohnehin viel Geld für ein Bild ausgibt ein paar Prozent mehr bezahlt?

Hier muss zwischen Kunsthandel und Galerien unterschieden werden: Galerien verkaufen Arbeiten von lebenden Künstlern und jungen Nachwuchs-Künstlern – mit sieben Prozent Mehrwertsteuer. 40 Prozent aller Verkäufe liegen unter 3000 Euro. Hier können die Preise nicht um neun Prozent angehoben werden. Dies gibt der Markt nicht her. Künstler und deren Galerien müssen die Belastung voll tragen. Neue Belastungen verschärfen in diesem hochpreisigen Bereich nur die Verlagerung ins Ausland, die aufgrund der Folgerechtsbelastung in Höhe von 5 Prozent des Verkaufspreises schon seit Jahren stattfindet.

Wie sind denn die Regelungen in anderen euröpäischen Ländern?

In Frankreich, Holland, Österreich, Italien, Belgien, Spanien und der Schweiz gibt es ermäßigte Mehrwersteuersätze für bildende Kunst – in der Regel zwischen sechs und zehn Prozent. Selbst für junge Künstler wäre es dann attraktiver im Ausland auszustellen als in Deutschland. Dass der Markt sehr sensibel reagiert, kann man an der Messe „Paris Photo“ ablesen. Obwohl die Fotografie international fast ausschließlich durch deutsche Künstler reüssiert, ist die wichtige Messe für Fotografie in Frankreich zu Hause, denn dort gilt für Fotografie eine ermäßigte Mehrwertsteuer, während in Deutschland bis heute Fotografie nicht als Kunst im Sinne der Mehrwertsteuer akzeptiert wird.

Zurzeit profitieren auch andere Berufsgruppen von ermäßigten Steuersätzen. Können Sie sich vorstellen, dass die Abschaffung der Ermäßigung bei Kunstkäufen erst der Anfang ist?

Kunst ist ein Kulturgut wie Bücher auch. Museen, Kunstvereine und Galerien bauen auf die Innovation von Künstlern und sind unverzichtbar für die Kulturnation Deutschland. Wenn die ermäßigte Mehrwertsteuer für bildende Kunst entfällt, ist es nur ein kleiner Schritt für das Finanzministerium, diese auch für andere Kulturgüter zu streichen. Das wäre ein großer Schritt zurück – hinter alle anderen Kulturnationen Europas!

Der Bundesrat wird am 20. November über Eichels Plan abstimmen. Setzen Sie bis dahin auf die neue Staatsministerin für Kultur?

Der rot-grüne Koalitionsvertrag gibt nach unserer Auffassung Christina Weiss das Recht, alle Maßnahmen der Bundesregierung auf Kulturverträglichkeit zu prüfen. Die Abschaffung der ermäßigten Mehrwertsteuer zu verhindern, die eindeutig nicht kulturverträglich ist, wird damit zu einem Prüfstein der neuen Kompetenzen, die der Koalitionsvertrag vor 14 Tagen geschaffen hat. Wir fordern Christina Weiss auf, standhaft zu bleiben und den Koalitionsvertrag umzusetzen – zugegeben: keine leichte Aufgabe so kurz nach dem Amtsantritt.

Das Gespräch führte Katrin Wittneven.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben