Kultur : 17. Juni: Eine Welt ohne Anführungsstriche

Kerstin Decker

Sitzen wir also direkt im früheren Todesstreifen. Friedrich-Ebert-Straße am Reichstag. Hier stand die Mauer. Über fünf Stunden schon währt das, was die Veranstalter "Geschichte life und draußen" nennen. Und jetzt sind die Bürgerrechtler dran.

Mitte Juni vor vierzig Jahren sprach Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz den bemerkenswerten Satz: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Fast dreißig Jahre später übertraf Schabowski Ulbricht mit der Auskunft, dass fortan jeder fahren dürfe, wohin er wolle. Dann sein suchender Blick auf ein Stück Papier: "Meines Wissens gilt das ab sofort. Ja, es ist sofort." Und jetzt, noch mal zwölf Jahre später, will ein später Nachfahre der Mauerbauer Regierender Bürgermeister von Berlin werden. Jedenfalls halten ihn manche dafür. Diese historischen Abstände gilt es auszumessen.

Mit den Bürgerrechtlern kommt der Regen. Auch er also ein Gysi-Sympathisant? Doch Ulrike Poppe und Markus Meckel sprechen gar nicht über Gysi, sondern erklären in den Regen hinein ihren Weg des politischen Widerstands gegen die DDR. Das Auditorium hat sich unter den Ost-Eingang des Reichstags zurückgezogen. Dann kommen Günter Nooke und Schröders Staatsminister Rolf Schwanitz. Drei Mann mit Trillerpfeife postieren sich vor der Bühne, um jeden Schwanitz-Einsatz sofort zu unterbinden. Wahrscheinlich haben sie gar nichts gegen den Staatsminister, nur gegen die SPD und ihre Haltung zur PDS. Sowas nennt man eine Aufladung der Atmosphäre. Der Himmel über Berlin entscheidet sich für Gewitter. Nooke diagnostiziert eine neue Teilung der Stadt: keine Zukunft mit der alten Diktatorenpartei! Berlin dürfe nicht Herrn Gysi in die Hände fallen! Das Drei-Mann-Trillerpfeifen-Kommando jubelt. Es ist wie absurdes Theater. Und alle geschichtlichen Feinbestimmungen von mehr als sechs Stunden sind wie weggeschwemmt.

Wie sehr Nooke doch an die alten Männer vom Politbüro erinnert. Dem Gestus nach. Ein seitenverkehrter Dogmatiker. Was ist denn der krude Antikommunismus anderes als das bloße Spiegelbild des Kommunismus? Zwei feindliche Metaphysiken, eingemauert in ihre jeweiligen Abstraktionen. Die Mauern der Abstraktion abzutragen, genau darin aber liegt die Chance eines Gedenkens, wenn es mehr sein soll als Ritual der Selbstbestätigung. Natürlich ist das gefährlich, man steht plötzlich in ungesichertem Terrain, prallt unversehens ab an den eigenen Gewissheiten. Jürgen Engert erklärt, wie sehr die DDR 1961 mit dem Rücken zur Wand stand. - Ja, dann konnte sie doch gar nicht anders, als die Mauer zu bauen?, fragt ein Moderator aufrichtig erstaunt zurück. - Engert lächelt nachsichtig: Das sei nun aber eine sehr philosophische Frage!

Vielleicht kommt es darauf an, das Unvereinbare zu denken: Die Mauer als das durch nichts entschuldbare Monument des Inhumanen schlechthin und zugleich als letzte Notwehr eines Staates, wenn man voraussetzt, dass einfache Selbstaufgabe von keinem Staatswesen zu verlangen ist. Welche Legitimität hat Notwehr? Das müssen die Politikwissenschaftler entscheiden. Und vorauszusetzen ist, dass Krieg war, wenn auch ein kalter. Gibt es A-priori-Urteile über Barrikaden- und Mauerbauten zu Kriegszeiten? Natürlich war das für alle, die DDR schon immer in Anführungsstrichen geschrieben haben, oder einfach nur "Zone" sagten, noch nie ein Problem. Kriege sind da, um sie zu gewinnen. Der Journalist Claus Detjen outet sich als bekennender Gänsefüßchenbenutzer. Und Engert als Sympathisant. Aber in Thomas Krügers Blick auf Detjen liegt schon der Abstand einer ganzen Generation und der von Ost und West gleich mit, als wollte er fragen: Bin ich denn in Gänsefüßchen zur Welt gekommen?

Vielleicht hat die Thomas-Krüger-Generation im Osten an diesem einzigen Punkt die lächerlichen alten Männer vom Politbüro verstanden: ihren Stolz der Schwäche. Man operiert hier direkt am Nerv der deutsch-deutschen Verhältnisse, und der ist empfindlich, noch immer. Das wird spürbar in der Aufforderung sogar von einstigen Mauerflüchtlingen, die DDR nicht monolithisch zu sehen. Auch Jürgen Engert weiß, dass die innere Einheit erst gelingen kann, wenn der Westen bereit ist, die DDR-Geschichte als Teil seiner eigenen zu begreifen. Da aber stehen wir noch ganz am Anfang. Denn dafür braucht es ein anderes Vokabular. Weil die Dinge sich mit den Sprachen wandeln, in denen sie erscheinen. Die Nooke-Sprache jedenfalls ist die der neuen Ewig-Gestrigen.

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