Kultur : 17 und 5

Die Akademie der Künste erinnert sich

Andreas Schäfer

Da staunt man nicht schlecht. Die ehrwürdige Berliner Akademie der Künste hat den Boulevard entdeckt. Unter der vagen Überschrift „Mit 17“ stellt sie die wohl als Provokation gedachte Frage: „Erinnern oder Vergessen?“ Ohne Günter Grass’ spätes Bekenntnis, mit 17 Mitglied in der Waffen-SS gewesen zu sein, ließe sich dieser hinimprovisierte Abend gewiss nicht denken. Aber Grass war erwartungsgemäß – trotz Einladung – nicht anwesend.

Statt seiner sitzt – wie immer – Akademiepräsident Klaus Staeck auf dem Podium und tauscht mit den Schriftstellern Wladimir Kaminer und György Dalos, der Dokumentarfilmlegende Georg Stefan Troller und dem Theologen Friedrich Schorlemmer Erinnerungen aus – animiert von der Moderatorin Wiebke Bruns, die zum sentimentalen Warmwerden erst einmal Jugendfotos der Beteiligten an die Wand wirft. „Ich bin der, der am besten aussieht“, findet György Dalos, den man in einer Gruppe Jungs im kommunistischen Arbeitscamp sieht. Lachen im vollen Saal. Und damit ist auch schon der Ton des Gesprächs angeschlagen: pointenfixiert, selbstironisch, unernst.

Erfahrung ist hier hauptsächlich als Anekdote erwünscht. Wie ich mal meinem Gymnasialdirektor die Meinung sagte, als der mich beschimpfte (Staeck). Wie ich Mitte der 80er Jahre aus Russland in die DDR einreisen wollte, aber nicht durfte (Kaminer). Wie ich 18 Jahre in Ungarn nichts publizieren durfte, aber der Zensur heute dankbar bin, denn einige Bücher waren schlecht (Dalos). Friedrich Schorlemmer beharrt zwar darauf, dass es nicht lustig war, wenn man so wie er als Einziger in der Klasse kein FDJ-Hemd trug, aber im herrschenden Talkshowgeist wirkt seine bestimmte Haltung („ab der Konfirmation, also ab 14 ist man für sein Tun verantwortlich“) fast deplatziert. So ein fünfminütiger Kaminer-Monolog über das zerfallende Russland inklusive Großmutterwitze über antisemitische Vorurteile (Juden tragen Hörner) hat einfach höheren Unterhaltungswert.

Angemessen ernst wird die Runde nur, wenn Georg Stefan Troller von den Demütigungen erzählt, die er durch sogenannte „arische“ Mitschüler erfuhr, mit denen er vorher jahrelang Aufsätze gefälscht hatte. „Die Einfühlungsgabe, die später vielleicht meine Filme auszeichneten, waren reine Notwehr. Ich habe sie entwickelt, um zu wissen, was in Hirnen von Verrückten vorgeht.“ Lockeres Parlando ohne Zentrum tut dem Gebäude im Hanseatenweg mit seinem knöchernen Charme eigentlich ganz gut. Für vollendete Behaglichkeit fehlt nur noch untermalende Klaviermusik.

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