18. Jüdisches Filmfestival : Von Katern und anderen Kämpfern

Am heutigen Montag startet das Jüdische Filmfestival in Berlin und Potsdam. Bis zum 17. Juni präsentiert es knapp 30 Produktionen, aus Israel, Deutschland oder den USA. In vielen davon geht es um die Zumutungen der Religion und die surreale Unüberschaubarkeit der Welt.

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Katastrophe! In „Footnote“ muss Professor Shkolnik (Shlomo Bar-Aba) es ertragen, dass nicht er, sondern sein Sohn von Israels Akademie der Wissenschaften geehrt wird. Foto: Filmfestival
Katastrophe! In „Footnote“ muss Professor Shkolnik (Shlomo Bar-Aba) es ertragen, dass nicht er, sondern sein Sohn von Israels...

Wenn Katzen Papageien fressen, beginnen sie zu sprechen. Um es mit dem Scharfsinn einer Papageienkatze aufzunehmen, die noch dazu begonnen hat, den Talmud zu studieren, muss man schon Rabbi sein: Seit 2002 berichtet der Franzose Joann Sfar in fünf Comics über die theologischen Abenteuer des agnostischen Katers aus Algier. 2011 kam „Le Chat du Rabbin“ ins Kino und hatte eine halbe Million Zuschauer, eine Zahl, die das Jüdische Filmfestival zu vergrößern gedenkt.

Der größte Talmudexperte unter der Sonne ist jedoch Professor Eliezer Shkolnik aus Jerusalem. Alljährlich wird er bei der Verleihung des „Israel“-Preises von der Akademie der Wissenschaften übergangen. Das Genre des Professorenfilms ist im Kino so unterrepräsentiert wie Professor Shkolnik in der Israelischen Akademie der Wissenschaften, ein Umstand, den dieser originelle, böse, virtuose Film nun ändert: „Footnote“ von Joseph Cedar („Beaufort“) beginnt mit dem finstersten Tag im Leben von Eliezer Shkolnik, dem Tag der Aufnahme seines Sohnes Uriel Shkolnik in die Akademie. Der Film, uraufgeführt in Cannes 2011, begründet das Genre der akademischen Tragödie.

Das Jüdische Filmfestival, das heute in Potsdam eröffnet wird und im Berliner Arsenal sowie im Potsdamer Filmmuseum bis zum 17. Juni knapp 30 Produktionen präsentiert, ist eine großartige Gelegenheit, sich von den Zumutungen des Glaubens zu erholen. Und natürlich ist es schon eine Zumutung, wenn andere glauben. So muss der kleine Daud in Joel Fendelmans wunderbarem Film „David“ ein entfernter Verwandter des algerischen Katers sein. Aber während die Gottesskepsis des knochigen Tiers mit den viel zu großen Ohren noch im letzten Barthaar vibriert, ist an diesem Jungen aus Brooklyn (Muatasem Mishal) alles rund vor Beflissenheit, nirgends Anstoß zu erregen. Daud, der Musterschüler, Sohn des Imams. Ein Onkel hat ihm den FamilienKoran geschenkt; keiner lernt so schnell wie er. Als Daud beobachtet, wie drei Jungen ihr Gebetbuch auf der Parkbank vergessen, wird er starr vor Erstaunen. Es ist kein Koran, es ist eine Thora, er läuft den Achtlosen hinterher.

Und dann passiert es: Der alte Synagogendiener packt ihm beim Kragen und schickt ihn hinauf in die Klasse, als sei er derjenige, der das Heiligste im Park liegen gelassen hat. Ein kleiner Widerspruch erlischt in Dauds Augen. Er ist es nicht gewohnt, Einwände gegen Erwachsene zu erheben. Und intelligent genug für zwei Religionen. David-Daud, vielleicht ist er der Sohn, den sich Professor Shkolnik gewünscht hätte. In seiner ersten Thorastunde erfährt er, dass Tradition das ist, was sich unter keinen Umständen ändern lässt: Namen, Sprache, Kleidung, abgesehen von der Religion. Wenn man, wie der Amerikaner Joel Fendelman in seinem Spielfilmdebüt, allen arabisch-jüdischen Zwist auf die Schultern eines kleinen Brooklyners legt, muss man es mit besonderer Zärtlichkeit tun. Fendelman ist das gelungen.

Auch das Filmen selber ist eine Art Zärtlichkeit, wenn es Zeugnisse eines Lebens auffindet und zum Bild eines Menschen fügt. So porträtiert der Amerikaner Peter Rosen den Geiger Jascha Heifetz („God’s Fiddler“), und Duki Dror, Sohn irakischer Juden aus Tel Aviv, begibt sich mit „Mendelsohn’s Incessant Visions“ auf die Spuren des Architekten Erich Mendelsohn aus Allenstein, dessen erste Kritiker meinten, seine Entwürfe hätten mit Architektur nichts zu tun. Waren es nicht in der Tat aberwitzige Zusammenfaltungen des Raums, AmphibienBehausungen?

Das Festival ist auch das der Großmütter und ihrer Enkel. Wenn Muatasem Mishal das junge Gesicht dieses 18. Jahrgangs ist, dann gehört Miriam Weissenstein, 96 Jahre, das schönste alte. Sie besitzt das älteste Fotogeschäft Tel Avivs, hat mit ihrem Mann auf über einer Million Bilder die Geschichte Israels dokumentiert. Doch nun soll ihr Photohouse einem sechsstöckigen Neubau weichen, Miriam Weissenstein und ihr Enkel wehren sich dagegen. „Life in Stills“ heißt Tamar Tals schönes, sehr intimes Porträt von Großmutter und Enkel.

Und noch ein Großmutter-Enkel-Film: Man braucht nur bedingt Pelzmäntel in Tel Aviv, aber Gerda Tucher hat sie trotzdem aus Berlin mitgebracht, wie alles andere auch. Schon als Kind besuchte Arnon Goldfinger seine Großmutter gern. Zwar sprach sie kein Hebräisch und er kein Deutsch, doch was sie nicht erzählen konnte, erzählten die Dinge, die sie umgaben. Der Junge tauchte ein in eine andere Welt, in ein Stück Berlin mitten in Israel. Mit 98 Jahren ist Gerda Tucher gestorben, der Enkel muss ihre Wohnung auflösen, er findet einen Artikel aus Goebbels’ „Der Angriff“, der sein Familien- und sein Weltbild auf den Kopf stellt. Seine Großeltern kamen in Begleitung eines prozionistischen SS-Offiziers nach Palästina. Und sie haben dem Mann noch nach dem Krieg geschrieben, ihn besucht, waren mit ihm befreundet?

Ordnung macht das Leben leichter, darum reagieren wir gereizt auf Komplexitätszuwächse. Vielleicht macht dies den Charme des jüdischen Kinos aus, so verschieden seine Filme auch sind: Es versucht erst gar nicht, Ordnung zu schaffen, sondern überlässt sich lustvoll dem Unbeherrschbaren. Wie oft scheint jüdische Existenz geradewegs den Tatbestand des Surrealismus zu erfüllen: Zwei einander wesensfremde Realitäten begegnen sich auf einer für diese Begegnung offenkundig ungeeigneten Grundlage. Was dabei entsteht, ist neben anderen Kollateralschäden auch jener, den wir Poesie nennen.

Eröffnung am heutigen Montag im Potsdamer Hans Otto Theater mit „Max Raabe in Israel“ (19.30 Uhr), Raabe und sein Palastorchester treten auf. Festival: bis 17. Juni im Berliner Arsenal und im Filmmuseum Potsdam. Infos unter www.jffb.de

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