Kultur : 19. Münchner Filmfest: Her mit den deutschen Meisterwerken!

Julian Hanich

Der Sommer hat ein Dauerlächeln aufgesetzt. Auf dem Weg zum nächsten Film strecken die Sonnenbadenden am Isar-Ufer dem Cineasten ungeniert ihre Bäuche entgegen. Doch der Mann aus Berlin ist nicht wegen des Münchner Sommers hier; bei seiner ersten Dienstreise für den neuen Job hat er selbst viel zu tun. Alfred Holighaus, ehemals Journalist und Filmproduzent, ist seit ein paar Tagen der offizielle Spürhund der Berlinale auf der Suche nach deutschen Wettbewerbsbeiträgen. Das ist, wie man weiß, nicht ganz einfach. Glaubt man älteren Kollegen, steckt der deutsche Film mindestens seit der Schlacht im Teutoburger Wald in der Krise. Deshalb wird Holighaus künftig durchs Land reisen, wird in Filmhochschulen stöbern, die Förderanstalten aufsuchten, bei Produzenten und Regisseuren nachfragen. "German Relations" steht auf seiner Visitenkarte; links oben streckt der Berlinale-Bär seine Tatzen aus: Her mit den deutschen Meisterwerken!

Dass Holighaus seine Fährte in München aufgenommen hat, ist kein Zufall. Hier werkelt ein beträchtlicher Teil der Filmbranche; in den Schaufenstern des Filmfests wird jedes Jahr im Juli die neueste deutsche Sommerkollektion präsentiert. Darunter der neue Film von Oskar Roehler, an den sich nach dem Erfolg von "Die Unberührbare" enorme Erwartungen knüpften. Auf den ersten Blick ist "Suck My Dick" von seinem Vorgängerfilm gar nicht weit entfernt, geht es doch in beiden Fällen um Schriftsteller, die ins psychische Ungleichgewicht kippen. Doch während "Die Unberührbare" eine dichte Charakterstudie zeichnet, pinselt Roehlers "Dr. Jekyll & Mr. Hyde"-Paraphrase eine groteske Karikatur.

Erfolgsautor Jekyll (Edgar Selge) wird von der Midlife-Crisis gepackt und dabei buchstäblich dekonstruiert: Penis, Haare, Vorderzähne, alles weg. Seine Romanfigur Hyde (Ralf Richter) materialisiert sich unterdessen mit eben diesen Körperteilen; als personifzierte Wiederkehr eines verdrängten Schuldkomplexes. Freud light. Doch der Film riskiert mehr: Er versucht sich an einem Gesellschaftsbild, das von der Allgegenwart des Sex sowie der Selbstumkreisung der Egomanen geprägt ist und in dem Katja Flint als geile Künstlerschickse überzeugt. Roehler gelingen ungewöhnliche, teils virtuose Arrangements, die manchmal an den expressionistischen Film erinnern. Doch seine hyperventilierende Farce verscherzt es sich durch billige Drogengags und Schwanzwitzeleien.

Was Oskar Roehler dennoch von den meisten anderen deutschen Beiträgen unterscheidet, ist seine Angriffslust - und der Wille, sich an der Gesellschaft zu reiben. Die türkisch-deutsche Regisseurin Buket Alakus wagt sich in ihrem Debütfilm "Anam" immerhin ein paar Schritte hinaus in die Kälte des sozialrealistischen Films: Eine türkischen Putzfrau in Hamburg macht sich auf die Suche nach ihrem drogenabhängigen Sohn und befreit sich langsam aus der Unklammerung der islamischen Tradition. Am Ende flüchtet sich der Film jedoch in den behaglichen Schoß des Melodrams.

In "Thema Nr. 1" und in "Mondscheintarif" geht es dagegen um das Immergleiche: geschlechtsreife Großstädterinnen zur Paarungszeit. Maria Bachmann hat in ihrem Regiedebüt eine witzige Idee - und sonst nichts: "Thema Nr. 1" ist ein 87-minütiger Klatschtratsch-Quatsch, in dem vier Frauen nur über ein höchst bedeutsames "Stückchen Knorpel mit Haut drumherum", ohne dass je ein Mann ins Blickfeld geriete. Ralf Huettners "Mondscheintarif" wiederum ist eine charmante Stilübung in Pastellfarben. Der Film handelt von einer verliebten Endzwanzigerin, die in ihrer Berliner Altbauwohnung voller Designermöbel auf den Anruf ihres Traumtyps wartet und uns dabei ihr Liebesleid ausschüttet. Herausgekommen ist das erste Hochglanz-Magazin über Frauenprobleme im Filmformat.

Und Männerprobleme? Auf dem Niveau von Pubertäts-Fantasien bewegen sich zwei Buddy-Movies mit der Männlichkeitstrias Frauen-Fußball-Vollrausch. Simon Verhoeven lässt in "100 Pro" zwei Kerle durch die Münchner Bussibussi-Welt torkeln. Dabei handeln sie sich ein Türsteher-Trauma und ein paar Narben ein - sehr witzig, großmäulig, harmlos. Die beiden Hauptfiguren aus Christian Züberts "Lammbock" organisieren einen Pizzaservice, der unter der Salami das Cannabis mitliefert. Dabei gibt es Probleme mit Mädels und der Polizei - sehr harmlos, großmäulig, witzig. Beide Debüts funktionieren eher als unvollständiges Puzzle; für einen Kassenerfolg in der Teenager-Popcorn-Schiene könnte das genügen.

In gewissem Sinne ist auch "Nichts bereuen" ein Buddy-Movie. Doch Regisseur Benjamin Quabeck weicht dem wahren Leben nicht mit Gagmanövern aus, sondern schaut sich die Probleme seiner Hauptfigur etwas genauer an. Im Mittelpunkt steht der 19-jährige Daniel (Daniel Brühl), der sich nach dem Abi als zivildienstleistender Altenpfleger im Spiel der Liebe verheddert. Eine einfühlsame Initiationsgeschichte über eine Zeit, in der die Gefühlsamplitude häufig in den Extrembereich ausschlägt. Der Abschlussfilm der Ludwigsburger Filmakademie erhielt zu Recht den Nachwuchspreis der HypoVereinsbank.

Der aufregendste deutschsprachige Film kam aus Österreich: "Lovely Rita" von Jessica Hausner; wegen einer deutschen Ko-Finanzierung war er im Rahmen des Münchner Nachwuchswettbewerbs zu sehen. Rita (Barbara Osika) trägt noch Mickey-Mouse-Hemden, legt sich aber den Lidschatten bereits zu dick auf. Ihre Spießereltern und die katholische Schule schnüren ein enges Konventionenkorsett. Der Film zeigt, wie Rita ihre Fesseln löst und dabei geradewegs auf eine Katastrophe zusteuert. Ein leiser Film von dröhnender Intensität, der bereits in Cannes zu sehen war, aber auch in einem Berlinale-Wettbewerb seine Berechtigung gehabt hätte.

Damit wären zwei andere deutsche Produktionen womöglich überfordert gewesen. Ihr Wagemut wurde trotzdem gefeiert. Stefan Krohmers "Ende der Saison" wurde fürs Fernsehen gedreht und ist vielen Kinoproduktionen dennoch weit überlegen. Er portraitiert die sympathische Clarissa (Anneke Kim Sarnau), die ihre todkranke Mutter (Hannelore Elsner) pflegt und dabei eine Affäre mit deren Lebensgefährten (Christian Brückner) beginnt. Der Film hält sich weitgehend an das Dogma-Gelübde, wirft einen fast dänisch differenzierten Blick auf die Probleme von Familienverstrickungen - und versammelt obendrein hervorragende Darsteller.

Übrigens: Wer glaubt, dass in München die Angst vor Alfred Holighaus und der Berlinale ausgebrochen ist, täuscht sich. Ein Aderlass deutscher Filme wird schon deshalb nicht befürchtet, weil der Abstand von fünf Monaten zwischen Berlinale und Münchner Filmfest groß genug ist für den Produktionsnachschub. Andererseits hätten die Münchner auch kein Problem damit, wichtige Filme an Berlin abzutreten. Schließlich gehe es einzig um den Erfolg des deutschen Kinos, sagt Festivalchef Eberhard Hauff. "Konkurrenzdenken gibt es nicht. Die Berlinale bleibt unser nationales Schaufenster!" Im Februar werden wir sehen, wie sich die Frühjahrskollektion des deutschen Films darin ausnehmen wird.

P.S.: Den mit 50 000 Mark dotierten Produktionspreis "High Hopes Award" erhielt zum Filmfest-Abschluss die koreanische Großstadtkomödie "Hunde, die bellen, beißen nicht" des 32-jährige Regisseur Jun-ho Bong.

0 Kommentare

Neuester Kommentar