Kultur : 1968 und die Folgen: Die Wiederholer

Stefan Reinecke

In Deutschland ist eine Art Kulturkampf um 1968 und die Folgen ausgebrochen. Auslöser ist Joschka Fischers militante Vergangenheit. Doch im Hintergrund kündigt sich etwas anderes an: ein Versuch, das bundesrepublikanische Geschichtsbild neu zu malen. "1968" war, wenn man den Deutungen von Thomas Schmid in der "FAZ" (5.1.) und von Götz Aly in der "Berliner Zeitung" (8.1) folgt, beide früher Akteure der Revolte, eine totalitäre Sackgasse. Mehr noch: Es war der Versuch von Nazi-Kindern, wieder mal eine deutsche Demokratie in Stücke zu hauen.

Das ist erstaunlich. Vor gut zwei Jahren, zum 30-jährigen Dienstjubiläum der Revolte, klang das noch ganz anders. Damals schien das Datum endgültig zur bundesrepublikanischen Folklore zu werden. Sogar manche braven CDU-Leute adelten sich zu 68ern. So wie 1954 "Wir sind wieder wer" symbolisierte, schien "68" im kollektiven Gedächtnis zum Zeichen zu werden, dass wir Deutsche auch rebellieren können.

Als linksliberale Analyse las sich das so: Die Post-68er haben ihre, teils antidemokratischen Ziele (zum Glück) verfehlt - und doch sorgte der Geist der Rebellion für eine "Zivilisierung des Teutonischen" (Antje Vollmer). Durch 1968 geschah die gesellschaftliche Nachgründung der Republik. Die ödipale Revolte gegen die Nazi-Eltern ermöglichte die Verwandlung des postfaschistischen Staates in eine echte Demokratie.

Dieses Geschichtsbild hat sich langsam durchgesetzt. Manche frühere Köpfe der Bewegung nahmen als geläuterte Demokraten auf der Regierungsbank Platz. Und vom guten Ende her gesehen, ist das Licht immer mild. Niemand verkörpert diesen Wandel perfekter als Joschka Fischer. Daher seine Beliebtheit, daher sein Charisma, das es ohne eine Biografie, in der sich ein historischer Prozess abbildet, nicht gibt. (Deswegen war Willy Brandt so populär und nicht, sagen wir, Gerhard Stoltenberg.)

Fundamental gegen diese Deutung waren in den Neunzigern eigentlich nur noch der "Bayernkurier" und die "Neue Rechte". Zitelmann & Co hielten 1968 unbeirrt für den Sündenfall, der die Deutschen aus dem Adenauer-Paradies vertrieben und ihnen Ausländern, Feminismus, sexuelle Befreiung und andere Schrecken beschert hatte. Aber dieser Blick war nie mehr als exotisch.

Um so interessanter, dass Thomas Schmid ein ähnliches Fass aufmacht: "Die Republik ist geworden, was sie ist, weil sie den Ansturm der neuen Barbaren überlebte." In dieser Lesart war die deutsche Demokratie der sechziger Jahre in Ordnung, dann tauchten die "68er" auf, gewalttätig und totalitär wie ihre Nazi-Eltern. Dem Historiker Götz Aly zufolge hat man sich die 68er ungefähr so vorzustellen wie "nationalsozialistische Studenten in ihrer Kampfzeit 1930 bis 1933." Nazi-Studenten, Barbaren und Ströbele als Schönhuber der 68er - der Sound ist überhitzt. Irritierend ist diese schrille Abrechnungsrhetorik vor allem, weil sie mit dem Unwillen einher geht, Ich zu sagen. Schmid und Aly sind ja Veteranen einer Bewegung, die einst immerhin die Formel von der "Politik in der ersten Person" entworfen hatte. Alles vorbei, alles vergessen. Heute schreiben Schmid und Aly über damals in einem Gestus, als hätten sie die siebziger Jahre in der Toskana verbracht. Die militanten, totalitären 68er, das waren immer die anderen. Dabei gewesen zu sein und heute im Leitartikel-Jargon des "man" von Joschka Fischer zu fordern, endlich richtig Ich zu sagen, das ist eher komisch.

Es bleiben zwei Fragen: Wie nah waren sich 68er und Nazieltern? Und brauchen wir deshalb eine Umschreibung der Historie?

Die Revolte war zwiespältig: Auflehnung und Wiederholung, Befreiung und Imitation in einem. Sie war so widersprüchlich wie der Prozess deutscher Vergangenheitsbewältigung wohl sein musste. Angestoßen wurde der Protest, neben dem Vietnam-Krieg, von der Erkenntnis, dass man in einer Republik lebte, die die Nazi-Elite ziemlich bruchlos übernommen hatte. Allerdings flüchtete sich die Bewegung rasch in einen abstrakten Antifaschismus. Die Nazi-Vergleiche wurden inflationär und beliebig: mal war es Chile, mal Spanien, mal ausgerechnet die USA. In Rudi Dutschkes Denken kam der Holocaust nicht vor. In den Siebzigern gab es so gut wie keine konkrete Forschung über die NS-Geschichte (aber immerhin 68er-Lehrer, die Faschismus-Theorien auf den Stundenplan setzten). Nicht zufällig erwärmten sich viele Linke gerade für die PLO. Die Kinder der Nazis hatten die Anklägerrobe übergestreift - und wähnten sich im Besitz eines moralischen Bonus. Unbewusst wiederholten sie manche Muster der Eltern, am krassesten die RAF, die die Todes- und Opferlogik der Nazis nachspielte. Aber all diese Fehler 30 Jahre später vom Podest später Erkenntnis aus zu geißeln, ist keine Heldentat. Wichtiger ist: Warum war es so?

Psychologisch war die Flucht ins Abstrakte, in den Ableitungs-Marxismus, in die möglichst drastische Abgrenzung von der Eltern-Welt, ein Vermeidungsverhalten. Die Weigerung, mit der Eltern-Gesellschaft noch etwas zu tun zu haben, spiegelte das bleierne Schweigen, das in den bundesdeutschen Wohnzimmern der fünfziger Jahre geherrscht hatte. Viele bezogen eine blanke Anti-Position zum Offiziellen. Klug war das nicht, aber nützlich. So beförderte man sich auf die vermeintlich sichere Seite. Nur wenige blickten dem familiären Schrecken direkt ins Auge - und zerbrachen daran wie Bernward Vesper, Sohn des Nazidichters Will Vesper und Mann von Gudrun Ensslin.

Politisch spiegelte sich die Anti-Haltung in einem reflexhaften Nein. Die Linke war, grob gerastert, anti-israelisch, weil der Staat offiziell pro-israelisch war. Sie war antiamerikanisch, weil der Staat pro-amerikanisch war. Jan Phillip Reemtsma hat dieses Zusammenspiel vor zehn Jahren hellsichtig analysiert: "Die Linke blieb den Inhalten des sozialen Unbewussten der BRD verhaftet, und zwar als abhängige Variable." Ist es nicht eine naive Vorstellung, dass ausgerechnet die Kinder der Nazi-Eltern unbefangen und ohne blinde Flecken einfach das Richtige hätten tun können?

Die Geschichte muss nicht umgeschrieben werden. Das Rätsel der Bundesrepublik lautet noch immer, wie aus dem autoritären Postfaschismus der Fünfziger eine offene, einigermaßen freundliche Demokratie werden konnte. Die konservative Antwort, dass gerade das "kollektive Beschweigen" in den 50ern die Verwandlung ins Demokratische ermöglichte, ist unrealistisch, weil verschwiegene Schuld sich nicht rückstandslos in Schweigen auflöst. Und keine lebendige Demokratie wächst auf Verdrängung. Die linksliberale Antwort ist noch immer besser: die widersprüchlichen Befreiungs- und Modernisierungsimpulse von "68" waren der Motor der Liberalisierung. Das hat die "Neue Rechte" schon ganz richtig missverstanden.

Natürlich war es dumm, "USA-SA-SS" zu skandieren. Und dennoch war die Revolte auch für die Faschismus-Bewältigung ein produktiver Schub (man denke nur an Klaus Theweleits "Männerphantasien"), allerdings ein kurven- und irrtumsreicher. "68" geht nicht in der Formel-Politik auf - viel wichtiger war das Lebensweltliche. Die Wohngemeinschaften. Andere Arbeitsweisen. Die Lockerung der Geschlechterverhältnisse. Und, ganz was Neues in Deutschland, die Idee, Kinder ohne Schläge groß zu ziehen.

Als der Kosovo-Krieg Joschka Fischer in Erklärungsnot brachte, erklärte der Außenminister, es gelte, ein zweites Auschwitz zu verhindern. Seine Gegner munitionieren heute ihre Abrechnung mit koketten Anspielungen darauf, wie Nazi-like die Rebellen damals waren. Dabei hätte man aus den eigenen Irrungen doch lernen können, die rhetorische Wunderwaffe "Nazi-Vergleich" lieber ganz, ganz selten zu zünden. Doch da sind sich Joschka Fischer, Thomas Schmid und Götz Aly noch immer im Falschen einig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben