Kultur : 1968 und kein Ende: Hans Christoph Buch fragt Revolte oder Revolution?

Es gibt einen Satz von Mao Tse-tung, der unwiderlegbar ist: Rebellion ist gerechtfertigt - an jedem Ort und zu jeder Zeit. Der Nachsatz stammt nicht von Mao, sondern von Albert Camus, dessen Buch "Der Mensch in der Revolte" den Umschlag von Befreiung in Unterdrückung thematisiert: Die Revolution verrät den kreativen Impuls der Revolte und münzt ihn in Gewalt und staatlichen Terror um. Hier liegt das Scheitern des Aufbruchs von 1968 begründet, der im Amoklauf der RAF explodierte und im Dogmatismus der K-Gruppen versandete: die ursprüngliche Spontaneität wurde durch rigide Organisation und militärischen Drill ersetzt, und öde Scholastik verdrängte die emanzipatorische Fantasie. Es ist richtig und notwendig, die politischen Irrtümer und ideologischen Illusionen der 70er Jahre genau unter die Lupe zu nehmen, solange die Selbstprüfung nicht zur Hexenjagd wird: Bekanntlich waren die schärfsten Kritiker der Elche früher selber welche. Nach der Methode "Haltet den Dieb" versuchen ehemalige Stasi-Spitzel und RAF-Sympathisanten von ihrer eigenen Vergangenheit abzulenken, indem sie mit spitzen Fingern auf jeden zeigen, der irgendwann mit Steinen geworfen hat. Ihre Doppelmoral erinnert an McCarthy, aber auch an die Stalinära, als man den Nachbarn denunzierte, um sich selbst zu exkulpieren. Das politische Kind wird so mit dem Bade ausgeschüttet, denn wer nie in seinem Leben gegen Eltern und Lehrer, Polizei und Staat rebelliert hat, ist ein Duckmäuser und Opportunist. Und wer nie über die Stränge geschlagen ist, hat nicht das Zeug zum Politiker, weil die Demokratie nicht die beste aller möglichen Welten, nur die am wenigsten schlechte aller schlechten Regierungsformen ist: Wer sie nie in Frage gestellt hat, kann sie nicht glaubhaft verteidigen. Eine Biographie ohne Brüche ist keine, so wie es keine Mathematik ohne Bruchrechnung gibt und keinen Fortschritt in Wissenschaft und Kunst ohne Regelverstöße und Tabuverletzungen. "Der Polizist ist der natürliche Feind des Bürgers," schreibt Camus, "und der Kritiker ist der natürliche Feind des Schriftstellers." Wenn es politisch korrekt zuginge, müssten solche Gedanken verboten werden, weil sie das Gewaltmonopol des Staates untergraben. Aber der Teufel lässt sich nicht mit Beelzebub austreiben, und wer Drachen ausrotten will, wird selbst zum Drachen. Auch dazu hat Camus das Entscheidende gesagt: "Der Totalitarismus ist schlimmer als die Übel, die er zu bekämpfen vorgibt." So besehen, war 1968 ein radikaldemokratischer Aufstand, der höchst widersprüchliche Impulse bündelte: die Abrechnung mit den Nazi-Vätern und den Abbau von Feindbildern des Kalten Kriegs, gekoppelt mit antiautoritärer Erziehung und sexueller Libertinage. Jedes dieser Motive war, für sich genommen, harmlos: Miteinander kombiniert ergaben sie ein explosives Gemisch, das schlagartig die Atmosphäre reinigte - nicht mit Bomben, sondern durch neue Ideen. Dem widersprach die Berufung auf Befreiungskämpfe der Dritten Welt: Aber Mao und Che Guevara waren Pop-Ikonen, China und Kuba lagen ferner als Märchen aus 1001 Nacht. Der Umgang der APO mit roten Fahnen war ähnlich fahrlässig wie das Kokettieren der Punk-Rebellen mit dem Hakenkreuz - umso böser das Erwachen, als die Wahrheit über die chinesische Kulturrevolution und die Umerziehungslager in Kuba durchsickerte. Trotzdem hat die 68er Revolte zur Selbstfindung der Individuen ebenso beigetragen wie zum Mündigwerden einer Generation, die den politischen Konsens der Bundesrepublik, im Guten wie im Schlechten, bis heute prägt.

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