Kultur : 2. Berlin-Biennale: Der engagierte Künstler

Mark Terkessides

Auf der Suche nach Unterstützung für den Transfer einer großartigen Zagreber Ausstellung, die sich mit dem verdrängten Erbe des Marxismus befasste, saß ich mit serbischen Kollegen in Belgrad bei einem potenten deutschen Geldgeber. Dort teilte man uns mit, dass bereits eine Großausstellung mit Künstlern aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien geplant sei - das Thema laute "Grenze". Zudem hätte eine vergleichbare Institution aus Frankreich sich mit einem ähnlichen Projekt angeschlossen - deren Thema: "Deterritorialisierung". Wie wir denn da reinpassen würden?

Eine anwesende Belgrader Künstlerin explodierte und sprach unverhohlen von Rassismus. Sie empfand die mittlerweile gängige Praxis als Zumutung, dass westliche Förderer aus eigener Perspektive die Konzepte diktieren, in die Künstler aus Osteuropa oder dem Balkan sich einzufügen haben. Tatsächlich hat das immense Auswirkungen auf die gesamte lokale Kunstproduktion: Mancher Künstler aus peripheren Regionen Europas verbringt seine Zeit nur noch mit Warten auf das nächste Projekt - erst dann wird die Kreativitätsmaschine angeworfen.

Absurderweise geschieht dies im gleichen Moment, in dem Kunst aus Osteuropa und dem Balkan von einem sich zunehmend global gebenden westlichen Kunstmarkt begehrt wird; nicht zuletzt als Verkörperung einer angeblichen Authentizität. Freilich fragt sich, ob diese neue Form der Kolonisierung durch Großkonzepte nicht auch auf den Westen zurückstrahlt. Bekanntlich ist die Zahl der thematisch orientierten Biennalen, Triennalen und Großausstellungen im letzten Jahrzehnt sprunghaft angestiegen.

Die Kuratorin der Berlin-Biennale, Saskia Bos, war sich über dieses Problem durchaus im Klaren, als sie wiederholt betonte, der Leitgedanke "Empathie" sei nur eine Art Rahmen - schließlich könne man Künstler nicht vorgegebene Themen illustrieren lassen. Das Stichwort Illustration jedoch führt zum Kernproblem der Großausstellungen: Sind sie nicht gerade das Ergebnis eines zunehmenden Illustrations- und Repräsentationszwanges?

Bei den meisten dieser Ausstellungen liegt es auf der Hand, dass sie von Regionen, Städten oder Firmen als Gefäße für Selbstdarstellung benutzt werden. Dabei wäre es naiv, zu denken, das hätte keinen Einfluss auf die Auswahl, vor allem die Wahrnehmung von Kunst. Bei der ersten Berlin-Biennale lag diese instrumentelle Dimension von vornherein offen. Zum einen sollte das Profil von Berlin als Kunststandort geschärft, zum anderen die pulsierende Metropole dargestellt, wenn nicht gar erfunden werden. Andere Ausstellungen geben sich nicht einmal die Mühe, die Verwendung der Künstler als Material zu verbergen. Ein Paradebeispiel dafür war die Ausstellung "Heimatkunst" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, in der ein durchweg einheimisches Kuratorenteam unter dem Motto der "kulturellen Vielfalt" 43 Künstlern "ausländischer" Herkunft zusammenstellte. In der Broschüre formulierte Mitorganisator Johannes Odenthal das Leitmotiv: "Wie kann sich Deutschland künstlerisch in den nächsten Jahrzehnten international darstellen?"

In Aachen, Heerlen, Maastricht und Lüttich fand vor kurzem eine Großausstellung mit dem Titel "Continental Shift - Eine Reise zwischen den Kulturen" statt. Diese Ausstellung sollte der Selbstdarstellung der "Euregio" dienen - dem Grenzland zwischen der Bundesrepublik, Belgien und den Niederlanden, das im europäischen Wettbewerb Profil gewinnen möchte. Hier wurde viel über "Postkolonialismus" und nomadisierende Kunstproduktion gesprochen - darin sollte sich offenbar die Aufhebung regionaler Grenzen widerspiegeln. Nur ist die jeweilige Realisierung der Großausstellung unterschiedlich. Trotz aller Vorgaben gelang es den Kuratoren, mit der gezeigten Kunst umzugehen. Doch die Aporien solcher Ausstellungen vermehren sich, wenn die Kuratoren auch noch selbst besonders kritische Ansprüche mit ihrem Konzept verbinden.

Saskia Bos etwa überfrachtetet die präsentierten Arbeiten auf der Biennale mit großen Vokabeln wie "Engagierte Autonomie" oder "Gegen-Kartographien". In anderen Fällen geht es gar um "Kartographien der globalen Kultur" oder um eine "neue Ikonographie der Kontinente". Bei der Berlin-Biennale transportiert die ausgestellte Kunst dabei eher einen Expo-Eindruck - mit einer Mischung aus globalen Bezügen, einer langatmigen Dokumentationswut sowie einer quasi umgekehrten Avantgarde, die das "Leben" in die Kunst importiert.

Eine solche Mixtur ist nicht untypisch: Die Großausstellung bietet dem Besucher die Möglichkeit, in einem Event die "echte" Welt bequem und wertfrei zu goutieren. Zweifelsohne sind immer noch alle Möglichkeiten der Kunstrezeption denkbar. Doch diese Art von spektakulärer Großausstellung begünstigt letztlich den "Entdecker" und den "Flaneur", die beide verstehen, was die Ausstellungen illustrieren und repräsentieren sollen. Dennoch hinterlassen solche Schauen einen schalen Beigeschmack, weil Ansprüche und gezeigte Kunst immer weiter auseinander klaffen.

Die Künstler - insbesondere die jungen und jene von der Peripherie - sind gezwungen, solche Großausstellungen zu nutzen. Indessen wollen sich die meisten den Ansprüchen solcher Events jedoch entziehen, indem sie entweder auf der eigenen Individualität oder auf dem gesellschaftlichen Kontext ihrer Arbeiten bestehen. Doch auf das einzelne Werk und seinen Zusammenhang wirken die Ausstellungen letztlich zerstörerisch - und so beseitigen sie gerade das, was sie doch angeblich befürworten: Offenheit auf Seiten der Sponsoren und kritisches Bewusstsein auf Seiten der Kuratoren.

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