Kultur : 2 x 45 Minuten

Dramen der WM: Fußballfotos im Deutschen Historischen Museum Berlin

Axel Vornbäumen

Es gibt eine Szene, und diese Szene ist wunderbar. Didier Deschamps, Kapitän der französischen Fußballnationalmannschaft, hat sein Trikot ausgezogen, er hat ein Frotteehandtuch über dem Kopf und beugt sich über den in der Kabine des Stade de France am Boden liegenden Zinedine Zidane. Es ist Halbzeit. Frankreich führt 2:0 im 98er WM-Finale von Paris gegen den Favoriten Brasilien. 45 Minuten sind es bis zum Fußball-Olymp, exakt die halbe Ewigkeit also. Wie ein Magier hat Deschamps zuvor die Seinen beschworen, hat Lilian Thuram ermahnt, „Lass Roberto Carlos in Ruhe!“, nun aber wendet er sich, fast zärtlich, an Zidane, den wie in Trance auf dem Rücken liegenden Weltstar. „Wenn ich den Ball habe“, flüstert Deschamps, „spiele ich ihn zu Dir“. Was Deschamps da sagt, ist so banal wie rührend, und wahrscheinlich wird sich Zidane schon wenige Minuten später auf dem Platz an kein einziges Wort erinnert haben – aber wer je einen Begriff von der Intensität des Augenblicks und von der Anspannung, unter der Athleten bei sportlichen Großereignissen stehen, erhalten will, der muss diese Szene aus dem Film „Les yeux dans les bleus“ von Stéphane Meunier gesehen haben.

Dabei haben, streng genommen, die kurzen Ausschnitte in der straff durchchoreografierten Berliner Ausstellung „Das Spiel. Die Fußballweltmeisterschaften im Spiegel der Sportfotografie“ nichts zu suchen. Sie sind nur Ergänzung und – Platzhalter. Denn in dreijähriger Vorbereitungszeit haben die Ausstellungsmacher des Deutschen Historischen Museums zwar Abertausende von Fotos sämtlicher Weltmeisterschaften von 1930 bis 2002 gesichtet, dabei aber auch die Grenzen der Sportfotografie entdeckt: Keines der Bilder hätte zur Kategorie „Pause“ gepasst. Normalerweise ist die Kabine tabu. Mit der Einteilung – Vor dem Spiel, Erste Halbzeit, Pause, Zweite Halbzeit, Verlängerung, Elfmeterschießen, Nach dem Spiel – „wollten wir das Ritual Fußball nachzeichnen“, sagt Dieter Vorsteher vom Deutschen Historischen Museum. So ist die kleine Lücke auch ein Hinweis auf den Verdrängungswettbewerb der Bilder und die wachsende Bedeutung von Fernsehübertragungen bei Großereignissen. Sportfotografie ist längst nur noch Ergänzung. Noch bei den Weltmeisterschaften 1930, 1934 und 1938 waren Fotos bis auf wenige Filmaufnahmen die einzigen visuellen Zeugnisse.

Doch das tut der Faszination Sportfoto keinen Abbruch. Viele Bilder sind längst zu Ikonen geworden, und einige davon finden sich auch in der Ausstellung im Pei-Bau: Lothar Emmerichs Schuss aus spitzem Winkel, 1966 in England, beim 2:1-Vorrundensieg gegen Spanien beispielsweise, Maradonas „Hand Gottes“ , 1986 beim 2:1 der Argentinier gegen England oder Frank Rijkaards Spuckattacke gegen Rudi Völler, 1990 im Achtelfinale in Italien. Zu jedem dieser Bilder gibt es eine Geschichte, die die Sportfotografie alleine niemals liefern könnte. Jedes einzelne Bild aber, sagt der Generaldirektor des DHM, Hans Ottomeyer, „hält die Erinnerung des Verlaufs fest und überlagert es letztlich“.

Und so wird sich womöglich tatsächlich das Bild des im Entengang jubelnden Fabien Barthez (nach dem entscheidenden Elfmeter im Viertelfinale gegen Italien) festsetzen als dasjenige, das den WM-Erfolg Frankreichs symbolisiert. Und nicht die Szene, die einen völlig aufgelösten Barthez am Ende der Halbzeit am Kabinenausgang zeigt, dabei hektisch um zwei Flaschen Wasser bittend.

„ Das Spiel. Die Fußball-Weltmeisterschaften im Spiegel der Sportfotografie“ ist bis 30. Juli im Deutschen Historischen Museum zu sehen ( Pei-Bau , Hinter dem Gießhaus 3, Berlin-Mitte). Gezeigt werden rund 150 Fotos der WM-Turniere von 1930 bis 2002. Der Katalog mit Beiträgen u.a. von Horst Bredekamp, Vinzenz Hediger/Markus Stauff und Christian Eichler (208 S., ca. 160 Abb.) kostet 25 Euro.

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