20 Jahre Berlin-Bonn-Gesetz (VIII) : Hauptstadt der Riskofreude

Teil VIII unserer Debatte: Berlin steckt voller Potenzial und Dynamik, trotz hoher Schulden.

Ingo Kramer
Ingo Kramer ist Arbeitgeberpräsident.
Ingo Kramer ist Arbeitgeberpräsident.Foto: BDA/Chaperon

Berlin ist eines der innovativen, kreativen Zentren unseres Landes. Junge Menschen aus der ganzen Welt kommen heute in die Stadt, setzen ihre Ideen um und gründen Unternehmen. Wir alle sollten ein Interesse daran haben, dass Berlin als Hauptstadt ein attraktives Aushängeschild Deutschlands im Ausland bleibt und an wirtschaftlicher Stärke gewinnt. Dafür braucht Berlin auch weiterhin Unterstützung von Bund und Ländern. Im Gegenzug muss die Stadt ihre Herausforderungen konsequent angehen.

Die Probleme, mit denen Berlin zu kämpfen hat, sind groß: Die industrielle Basis nimmt im Vergleich mit anderen Regionen Deutschlands einen geringeren Stellenwert ein. Die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise hoch, die Höhe der Verschuldung problematisch. Aber die Stadt hat Chancen, mit ihrem eigenen wirtschaftlichen Profil erfolgreich zu sein: In den letzten Jahren hat sich hier eine lebendige und internationale Start-up-Szene etabliert. Jeder zweite in Deutschland investierte Euro an Wagniskapital fließt heute in die Hauptstadt. Auch hat Berlin Benchmarks als international führender Standort der Gesundheitswirtschaft gesetzt und verfügt über eine einzigartige Forschungs- und Kliniklandschaft, die eng mit der Wirtschaft vernetzt ist. Die Hauptstadtregion ist zudem das größte Praxislabor für Elektromobilität in Deutschland. Hier sind die meisten Elektrofahrzeuge unterwegs, hier befindet sich ein großes Netz an Ladeinfrastruktur. Wachstumsimpulse kommen auch aus dem Bereich der unternehmens- und industrienahen Dienstleistungen sowie dem Tourismus.

Nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg setzt eine ausgezeichnete Bildungsinfrastruktur und gut ausgebildete Mitarbeiter voraus. Hierbei sollte Berlin nicht allein auf den Zuzug junger Menschen setzen. Auch die eigenen jungen Menschen müssen besser gefördert werden. Berlin aber belegt in Bildungsrankings regelmäßig hintere Plätze. Verbesserungsbedarf besteht insbesondere bei der Bekämpfung von Bildungsarmut sowie bei der Integration: Von 4611 ausländischen Schulabgängern im Jahr 2012 blieben 583 ohne Abschluss. Das muss sich ändern.

Berlin zieht Studierende aus aller Welt an

Ein Kernproblem bleibt die Integration von leistungsschwächeren jungen Menschen in das Erwerbsleben. Zwölf Prozent der Berliner unter 25 Jahren waren 2013 arbeitslos. Ein wichtiger Weg in den Beruf ist die Ausbildung; die Wirtschaft engagiert sich hier stark. Um kleine und mittlere Betriebe dabei zu unterstützen, gibt es seit diesem Jahr neu gegründete Verbundbüros. Unternehmen können sich mit ihrem Ausbildungsengagement zusammenschließen und Ausbildungsabschnitte untereinander aufteilen. Einzelnen Firmen wird so eine Ausbildung erstmals überhaupt ermöglicht. Ein weiteres gelungenes Beispiel: Zur Förderung der Ausbildungsreife haben die Sozialpartner der Berliner Bauwirtschaft das Projekt „Startklar für Ausbildung“ ins Leben gerufen. Junge Menschen werden hier erfolgreich an eine Ausbildung herangeführt.

Berlin hat eine ausgeprägte und vielfältige Wissenschaftslandschaft: vier Universitäten, sieben Fachhochschulen, 60 Forschungsstätten. Die Stadt zieht Studierende aus aller Welt an. Bei der Grundausstattung pro Studierendem liegt Berlin jedoch weit unter dem Bundesdurchschnitt. Die durch die neuen Hochschulverträge bewilligten Mittel von jährlich 1,1 Milliarden Euro bis 2017 müssen zu einer deutlich besseren personellen und räumlichen Ausstattung der Hochschulen führen. Viel zu viele der jährlich 37 000 Hochschulabsolventen verlassen nach ihrem Abschluss die Hauptstadtregion. Die Wirtschaft unterstützt die Berliner Career Services, die Studierende, Absolventen und Unternehmen zusammenbringen.

Zu einer Großstadt gehört eine Mentalität, die zu Veränderung bereit ist. Die Berliner haben sich hier als äußerst offen erwiesen. Die Stadt hat seit dem Mauerfall einen außergewöhnlichen Wandel durchlebt. Berlin ist zusammengewachsen, hat neue Bürgerinnen und Bürger willkommen geheißen, Zuwanderer integriert, trotz manchmal schwieriger Rahmenbedingungen. Projekte zum dringend benötigten Ausbau der Infrastruktur wurden zuletzt aber von kritischen öffentlichen Diskussionen begleitet. Bei aller gebotenen Transparenz und Bürgerbeteiligung wünsche ich mir, dass Berlin als Bundeshauptstadt mit mehr Offenheit Wege aufzeigt und vorlebt, wie auch große Vorhaben umgesetzt werden. Infrastrukturpolitik ist auch Wirtschaftspolitik. Die Wirtschaft muss sich dabei auf Berlin verlassen können. Planungssicherheit und eine moderne Infrastruktur sind essenzielle Grundlagen für erfolgreiche Unternehmen, für Wachstum und Arbeitsplätze.

Berlin wird auf absehbare Zeit weiter mit speziellen Problemen zu kämpfen haben. Aber das gesamte Land sollte die Stadt weiter unterstützen. Wir alle profitieren vom internationalen Leuchtturm und Aushängeschild Berlin. Welcher Ort könnte das vereinte Deutschland besser repräsentieren als diese wachsende und dynamische Stadt, die noch vor einem Vierteljahrhundert das Sinnbild der Teilung war?

In unserer Debatte zum 20. Geburtstag des Bonn-Berlin-Gesetzes erschienen bisher Beiträge von Rupert Scholz, Wolfgang Schäuble, Norbert Blüm, Peter Raue, Michael Naumann, George Turner und Edzard Reuter. Nachzulesen auf www.tagesspiegel.de/kultur

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