20 Jahre Britpop : Der große Bluff

Seit die Beatles die Welt eroberten, gilt britische Popmusik als die bessere. Und hatten sie auf der Insel nicht auch Punk erfunden? Doch die Weltherrschaft ging verloren. Bis im August 1994 "Definitely Maybe" von Oasis erschien. Was 20 Jahre später von der ganzen Aufregung um Britpop geblieben ist

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Englands Größe. Noel und Liam Gallagher (von links) können sich kaum ertragen, doch mir ihrer Band Oasis lassen sie ihr Land noch einmal von einer einheitlichen Kultur träumen.
Englands Größe. Noel und Liam Gallagher (von links) können sich kaum ertragen, doch mir ihrer Band Oasis lassen sie ihr Land noch...Foto: Mike Clarke / AFP (Montage Tsp)

Wo es Gewinner gibt, da muss es Verlierer geben. Doch als im Sommer 1994 das Album „Definitely Maybe“ erscheint, fragen sich viele, warum es ausgerechnet die Gallaghers sein müssen, die triumphieren? Warum diese beiden hirnlosen Rüpel und ihre Band Oasis? Mit nur einer Platte machen sie allem anderen den Garaus.

Noch zwei Jahre zuvor war ein ganz anderer Männertypus als Rockstar glorifiziert worden. Kurt Cobain. Nirvana, seine Band, beeinflusste eine Generation weißer Mittelstandskinder mit schmerzverzerrtem Gitarrenlärm und selbstquälerischer Agonie. Lange Haare, zerschlissene Jeans und ausgebeulte Second-Hand-Shirts trug Cobain, und Rockstar wollte er gar nicht sein. Er verabscheute die Posen und das Geld. Seine Botschaft an die Welt lautete: „Here we are now, entertain us.“ Was eine sehr defensive Art war zu sagen, das Leben ist nicht fair.

Vor allem war es ein Verrat an den Idealen des Rock’n’Roll, einer aufrührerischen Musik der Selbstermächtigung, die sich wenig darum schert, was andere von ihr halten, und noch weniger, was andere von einem wollen. Cobain, der in einem Trailer-Park zur Welt gekommen und in zerrüttete Familienverhältnisse hineingeboren worden war, wollte zwar auf der richtigen Seite stehen. Aber er fand es nicht fair, dass Punk schon vorbei war, dass er Hardcore verpasst hatte, die Beatles sowieso. Nun versuchte er das Kunststück fertig zu bringen, die rohe Energie des Gitarrenlärms zu erhalten und trotzdem den Zweifel junger Menschen zu erfassen, sich nicht stark genug für dieses Leben zu fühlen. Es sollte für ihn selbst nicht gut ausgehen.

In dieser Zeit hatte die britische Popmusik, die immer ein bisschen schlauer, gewitzter, abgeklärter als die amerikanische gewesen war, dem düsteren Krach des Grunge nichts entgegenzusetzen. Cobains Heimat Seattle im Nordwesten der USA war Pop-Hauptstadt der Welt; in Berlin gewann das Bumm-Bumm-Bumm der Techno-Bewegung mit der Love-Parade an Kraft. Aber England? Ein paar verschrobene, bleiche Burschen, die beim Gitarrespielen auf die eigenen Schuhe starrten.

Blur, eine Band von Londoner Kunststudenten, hatte 1991 einen ersten bescheidenen Hit gelandet. Die vier wurden auf eine Konzerttour durch 44 US-Städte geschickt und waren schockiert. Niemand nahm Notiz von ihnen. Schlimmer. Selbst in England ergingen sich Bands in US-Rock-Verherrlichung. Wieder in der Heimat schworen Blur-Sänger Damon Albarn und seine Mitstreiter deshalb, „Grunge loszuwerden“ und „Amerika den Krieg zu erklären“. Fortan galt: Sich auf die glorreichen britischen Wurzeln, auf den Sixties-Pop der Beatles, Rolling Stones, Kinks und The Who zu besinnen.

Wie Blur dachten Anfang der 90er Jahre viele Musiker. Neben ihnen gab es Suede, Pulp und eben Oasis, Letztere hatten von allen die schlechtesten Voraussetzungen.

Rock'n'Roll Star. Liam Gallagher (hier 1997) wurde zum Posterboy des Britpop, denn ihn kleideten schnell die Insignien britischer Mode.
Rock'n'Roll Star. Liam Gallagher (hier 1997) wurde zum Posterboy des Britpop, denn ihn kleideten schnell die Insignien britischer...Foto: AFP

Zunächst gelang Suede 1993 mit ihrem ersten Album ein Nummer-eins-Hit. In der „Schlacht für England“, wie das Musikmagazin „Select“ titelte, galt Suede-Sänger Brett Anderson mit seiner androgynen Erscheinung als schönster Mann des Landes. Sein Song „Stay Together“, mit dem er seinen Ruf als Pop-Naturtalent weiter festigte, war eine Hymne in vollendeter Eleganz. Aber Anderson wird bald zur tragischen Figur. Erst verliert er seine Freundin an Blurs Damon Albarn. Dann setzt Blur mit „Parklife“ auch musikalisch neue Maßstäbe. „Am Anfang las ich Nabokov“, sagt Albarn, „und nun begeistern mich Fußball, Hunderennen und Essex-Girls.“

„Plötzlich begann jemand“, berichtet Britpop-Chronist John Harris, „über die schäbigen Vororte Englands zu singen oder wie es ist, sein Geld in Glücksspielautomaten und schlichten Imbiss-Restaurants zu verbraten. Da dachte ich, ,Aha, ja, das kapier’ ich’.“ Popmusik hatte wieder etwas mit dem Alltag zu tun. „Das erinnerte die Menschen sowohl an ihr eigenes Leben als auch an den nichtssagenden Soundtrack, der dieses Leben die vergangenen zehn Jahre begleitet hatte.“

Musik für Kerle, für die absolut nichts läuft, weil sie keine Kohle haben

Obwohl „Parklife“ eine Sozialstudie ist, wie sie nur Kunststudenten zustande bringen, rosig, romantisierend und überbelichtet – wie die Farbtableaus des englischen Fotografen Martin Parr – wird die Platte ein durchschlagender kommerzieller Erfolg. Dabei sind Oasis viel näher dran an dieser grell-tristen Wirklichkeit. Aber sie singen nicht darüber, sondern davon, im Bett zu liegen und die Zeit mit Tagträumen vom eigenen Ruhm zu verdaddeln. Andere Bands zählen für sie nicht. Nur Blur macht ihnen Schwierigkeiten. Nicht, dass sie es mit Musikern zu tun zu haben glauben, die mehr können als sie selbst. Aber die reden Cockney, die harte Sprache von Londons Arbeitervierteln, dabei handelt es sich doch um Studenten. Das bringt Oasis-Frontman Liam Gallagher richtig gegen sie auf. Für seinen fünf Jahre älteren Bruder Noel ist nur die Musik wichtig. Aber Liam weiß, dass es auch eines Images bedarf, eines wasserfesten, hitzebeständigen, luftdichten Images. Blur benutzt die Sprache, die ihm, Liam, gehört. Gossensprache.

In einem Pub in Camden stoßen die Gallagher-Brüder auf Albarns Bandkollegen Graham Coxon, bauen sich vor ihm auf und grölen „Bluuur are cocknee, cocknee cunts!“ Coxon lässt sie hinauswerfen, so dass sie in einem Pub gegenüber eine Schlägerei anzetteln. Herrlich. „Blur sind Cockney-Fotzen!“ Das klingt lange nach.

Oasis stammt aus Burnage, einem Vorort von Manchester. Aus der alten Textilmetropole war schon länger nichts von Belang mehr hervorgegangen. Man wurde dort entweder Fußballer, sagte Noel Gallagher einmal, oder Industriearbeiter. „Obwohl, so viel Industrie gibt es nicht mehr.“ Was wäre für ihn übrig geblieben? Die so genannte „Madchester“-Szene, die sich auf den Club Hacienda gestützt hatte und durch Gruppen wie The Stone Roses und Happy Mondays kurz aufgelebt war, hatte sich wieder zurückgezogen. Die „Goldene Generation“ der Fußballer um David Beckham und Paul Scoles hatte mit Manchester United zwar den FA Youth Cup gewonnen, aber sie war noch nicht so weit, sich in der ersten Mannschaft des Vereins durchzusetzen. Schließlich sprach bei den Gallaghers selbst einiges dafür, dass sie Hilfsarbeiter bleiben würden. In England gelangt man als Schulversager, Raufbold und Sozialfall nicht mal so eben in den Pop-Olymp. Wenn Noel und Liam von der heimischen Musikpresse als Schwachköpfe verhöhnt werden, so gibt es Mitte August 1994 keinen Grund, daran zu zweifeln.

„Wir schreiben Musik für Typen“, lässt Noel Gallagher seine Landsleute kurz vor Veröffentlichung des Debütalbums wissen, „die jeden Tag zum Laden an der Ecke laufen, um sich einen Scheiß ,Daily Mirror' zu kaufen und ein paar Kippen, und für die gar nichts läuft, die absolut keine Kohle haben. Selbst wenn solche Leute es sich nicht leisten können, unsere Platte zu kaufen, wenn sie aber das Radio einschalten, während sie zuhause aufräumen, mitpfeifen und dann sagen, ,Mann, hast du den Song gehört?’, dann ist es genau das, was wir erreichen wollen.“

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