Kultur : 20 Jahre Tanzfabrik Berlin

NORBERT SERVOS

Sie ist eine Berliner Institution, ihre Bilanz kann sich sehen lassen: Zwanzig Choreographen schufen in den vergangenen zwanzig Jahren insgesamt 64 abendfüllende Produktionen in der Berliner Tanzfabrik in Kreuzberg.Als Christine Vilardo - von der Zero Moving Company in Philadelphia kommend - und Reinhard Krätzig 1978 begannen, der Tanzfabrik den Weg zu ebnen, war das auch der Versuch, an eine Tradition anzuknüpfen, die in Deutschland - wie so oft - zuvor unterbrochen worden war.Zero Moving war aus der Gruppe "Motion" hervorgegangen, die in den 60er Jahren versucht hatte, das Erbe der deutschen Vorkriegsmoderne zunächst in Berlin in eine zeitgemäße Sprache zu übersetzen.Doch der erste Anlauf fand wenig Widerhall.So mußte die eigene Tanzmoderne über den Umweg USA re-importiert werden.

Die enge Verbindung zwischen Amerika und Deutschland blieb auch erhalten, als später Jacalyn Carley, Claudia Feest, Dieter Heitkamp, Helge Musial und viele andere die Arbeit fortführten.Diesmal war das Klima günstiger.Der Erfolg des Tanztheaters hatte ein keimendes Bewußtsein für den zeitgenössischen Tanz geweckt, das nun auch freie Gruppen mit einbezog.Die Tanzfabrik etablierte sich als Kind der 70er Jahre: ein Kollektiv aus Tänzern und Choreographen, das die unterschiedlichsten Stile und Techniken unter seinem Dach vereinte.Man arbeitete grenz- und spartenüberschreitend, verschränkte Leben und Arbeit und gewann aus der Reibungsenergie die Stoffe für die Stücke.Eine Pionierarbeit, die nicht nur für Berlin, sondern bundesweit Bedeutung gewann.

Finanziell steht die Tanzfabrik jedoch auch nach zwei Jahrzehnten immer noch auf den unsicheren Beinen der Projektförderung der Kulturverwaltung.Ihre Situation ist symptomatisch für den Zustand der gesamten freien Szene.Nachdem man jahrelang in einer Art Nischenförderung die freien Choreographen nach dem Gießkannenprinzip mit relativ kleinen Summen am Leben erhalten hatte, ging man in den vergangenen Jahren in einer Spitzenförderung zu einer Konzentration und Ausdünnung über."Leuchtturmdenken" nennt Dieter Heitkamp im Gespräch treffend die Strategie.Einige wenige Gruppen werden mit ausreichenden Mitteln ausgestattet, die Basis jedoch nach und nach ausgetrocknet.Dazwischen stehen Institutionen wie die Tanzfabrik, die zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel erhalten.Tatsächlich sind einige Grundfragen der freien Arbeit nach wie vor ungelöst.Wohin soll sich freie Tanzarbeit - wenn sie nicht, wie im Falle Sasha Waltz, in ein staatlich finanziertes Theater wie die Schaubühne umgebettet wird - weiterentwickeln? Lassen sich überhaupt andere Arbeitsweisen und künstlerische Vorstellungen in einem "normalen" Betrieb etablieren? Woher kommen gute Nachwuchschoreographen und wo erproben sie sich? Woher kommen zeitgenössische Tänzer, wenn nicht aus einer entsprechenden Schule? Wie bildet sich ein guter Nährboden, für ein Publikum ebenso wie für Tanzkreative?

Grund genug, 20 Jahre Erfahrung mit einem funktionierenden Modell ernst zu nehmen und auszuwerten.Denn natürlich hat sich auch die Tanzfabrik im Laufe ihrer Entwicklung gewandelt.Die anfängliche Kollektivität wurde aufgegeben - doch wo die Verschwisterung von Leben und Arbeiten sich erübrigte, Einstimmigkeit bei Beschlüssen unpraktikabel wurde, kristallisierten sich andere, vielleicht wichtigere Punkte heraus.Etwa der, daß die Arbeit, wie Claudia Feest betont, auf einer Auseinandersetzung miteinander beruht.Daß, wie Dieter Heitkamp formuliert, "eine wirkliche Verständigung stattfindet und nicht nur eine Technik vorgeführt" wird, und zwar zwischen den Tänzern und Choreographen ebenso wie zwischen Akteuren und Publikum.Das setzt einen anderen Arbeitsansatz voraus: "Ob man aus dem eigenen Empfinden heraus etwas kreiert und dann nachher in die Abstraktion geht.Oder ob man sich ein Thema wählt, das schon abstrakt ansetzt." (Feest) Solch subjektive Recherche ist an den städtischen Theatern, die auf schnellen Outpout hin organisiert sind, kaum vorgesehen."Daß freie Szene nur als Übergang zum Stadttheatersystem gesehen wird, ist ein grundlegender Denkfehler", sagt Heitkamp.

Wer aber den Schwerpunkt auf die Erforschung neuer Möglichkeiten und die Unabhängigkeit von fixierten Stilen und Techniken legt, steht schnell quer zum Betrieb.Schwer wurde es zum Beispiel, die Vielfalt von Stilen, vom Tanztheater über Postmodern bis zur Performance Art, die unter dem Label Tanzfabrik vereint sind, an den Mann zu bringen.Gewohnt, eine Kompagnie mit nur einem stilprägenden Choreographen zu assoziieren, reagierten Programmacher bei Gastspielen irritiert.Für die Initiatoren dieser unzensierten Vielfalt ist dies jedoch nur eine logische Konsequenz aus der Entwicklung im zeitgenössischen Tanz.Sowenig die Contact Improvisation Steve Paxton-Technik genannt wird, so wenig sollte die Tanzfabrik mit einem Namen verbunden sein.

Aus dem gleichen Geist heraus beharren Feest und Heitkamp noch heute darauf, es sei wichtig, daß die künstlerische Leitung auch mit organisiert.Denn nur wer weiß, was nötig ist, und die Formen der Arbeit selbst bestimmt, kann am Ende für das Resultat garantieren.Der Prozeß selbst, wie gearbeitet wird und was dabei entstehen kann, ein Leben mit offenen Fragen also und nicht mit gängigen Antworten - das ist das Entscheidende.Das zumindest hat auch das inzwischen weltbekannte Wuppertaler Tanztheater bewiesen.Zum 20.Jubiläum stellt sich die Frage, warum der Tanzfabrik nicht endlich eine institutionelle Sicherheit gewährt wird, die ihr nach der verdienstvollen Aufbauarbeit gebührte? Schließlich haben auch Leuchttürme eine Basis - selbst wenn sie unter Wasser liegt.

Ihr Jubiläum begeht die Tanzfabrik morgen mit einer Gala in der Akademie der Künste (18 Uhr), wo auch eine Ausstellung zu sehen sein wird.Außerdem erscheint "Tanzfabrik - Ein Berliner Modell im zeitgenössischen Tanz 1978-1998" im Verlag Hentrich & Hentrich Berlin, 164 Seiten, 190 Abb., bis 1.1.1999 49,80 DM, danach 58 DM.

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