200. Todestag : Kleist: Wir leben in entsicherten Zeiten

Großes Finale im Kleist-Jahr: alle Stücke im Maxim Gorki Theater – und im Neuen Museum tanzen die Puppen

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Feuer und Flamme. Joachim Meyerhoff als Wetter vom Strahl und Anne Müller als Käthchen von Heilbronn.
Feuer und Flamme. Joachim Meyerhoff als Wetter vom Strahl und Anne Müller als Käthchen von Heilbronn.Foto: L.Grün/K. Strempel

Es geht in die letzte Runde der Festivitäten, die 200 Jahre nach dem Selbstmord Heinrich von Kleists des größten preußischen Dichters gedenken. „Kleist lebt!“ ist das Unsterblichkeitsmotto, unter dem das Berliner Maxim Gorki Theater mit der Premiere von Jan Bosses Inszenierung des „Käthchens von Heilbronn“ am heutigen Freitagabend einen dreiwöchigen Zyklus sämtlicher Kleist-Dramen startet. Doch Kleists Geister spuken auch in Kellern, Gängen, Gärten im und ums Maxim Gorki sowie auf vielen anderen Bühnen, Podien und Promenaden. Ein Schwerpunkt heißt gar „Kleist, der Ungar“, und eine Hochburg der allgemeinen Bekleisterung ist ab heute auch das direkt hinter dem Maxim-Gorki-Theater in Berlins Mitte gelegene Collegium Hungaricum.

Am 21. November 1811 hat der 34-jährige Heinrich v. K. am Kleinen Wannsee erst seiner Freitodgefährtin Henriette Vogel ins Herz und sich dann in den Kopf geschossen. Vorher hatten die zwei dort noch gezecht und gescherzt, nahe dem See im Freien. „An einem ungewöhnlich warmen Novembertag“, klimatisch auch 200 Jahre später verblüffend passend, heißt nun die Ausstellung der Konzeptkünstler Dávid Szauder und János Can Togay zum sonderbar euphorischen Ende von Dichter und Dame, die im Collegium Hungaricum heute um 17 Uhr 30 noch vor dem „Käthchen“ eröffnet wird.

Kleist als Dichter des Krieges

Ab 5. November geht es dann Schlag auf Schlag. „Tropen des Krieges“ lautet der Titel der Installation von Antje Ehmann und Filmemacher Harun Farocki im Maxim Gorki, die wohl auch mit „Kleist in Kundus“ korrespondiert: einem „doku-fiktionalen Audiowalk“ durch Potsdam, organisiert von der „Agentur Kriwomasow“. Kleist, der mit 15 Jahren und dann für „sieben verlorene Jahre“ im Potsdamer Garde-Regiment Soldat (und Offizier) gewesen war, gilt auch als wieder aktueller „Dichter des Krieges“. Die „Hermannsschlacht“, sein zwischen antinapoleonischem Furor und schwarzer Ehekriegskomödie changierendes Guerilla-Stück, hat etwa die Gruppe Rimini Protokoll zu ihrer Performance „Hermann’s Battle“ angeregt (ab 14. 11. im Berliner HAU 2).

In der Akademie der Künste kann man am morgigen Samstagabend Edith Clever die Novelle um „Die Marquise von O.“ vortragen hören; den gleichnamigen Film von Eric Rohmer mit der jungen Clever und Bruno Ganz in den Hauptrollen gibt es in diesen Wochen verschiedentlich wiederzusehen. Und das Neue Museum wird ab dem 9. November mit seinem monumentalen Treppenhaus gar zur Bühne für eine von Puppenspielern begleitete „Penthesilea“-Performance der Schauspielerin Anna Stieblich.

Ein neues Grab zum Todestag

Zum Finale am 20./21. November veranstaltet auch das Berliner Ensemble ein Kleist-Festival, zumal am 20.11. im BE der diesjährige Kleist-Preis an die Berliner Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff verliehen wird (Laudatio: Martin Mosebach). Im Deutschen Theater wiederum führt Ulrich Matthes am 200. Todestag seine anrührend wunderbare Version von „Kleist – Geschichte seiner Seele“ auf. Am Vormittag des 21.11. wird zudem mit einem Festakt von Senat und Bundesregierung das neu gestaltete Kleist-Grab am Kleinen Wannsee eingeweiht.

Seit wenigen Tagen ist dort auf der Baustelle im leicht waldigen Winkel zwischen Königstraße und Bismarckstraße in Berlin-Zehlendorf (gegenüber dem S-Bahnhof Wannsee) der Grabstein wieder gesetzt worden. 1941 hatten die Nazis auf Weisung von Gobbels’ Propagandaministerium den alten Grabstein mit einem Spruch des jüdischen Dichters Max Ring entfernt. Seitdem gab es einen neuen Stein, der unter Kleists Namen aus dem „Prinz von Homburg“ das Dictum „Nun / o Unsterblichkeit, bist du ganz mein“ zitierte.

Jetzt ist dieser Stein neu bearbeitet und umgedreht worden, und auf der bisher leeren, nunmehr nach vorne gewendeten Seite steht erstmals auch Henriette Vogels Name, die 1811 gemeinsam mit Kleist dort bestattet wurde. Und darunter wieder der aus dem Jahr 1862 stammende (poetisch etwas schlichte) Vierzeiler Max Rings: „Er lebte, sang und litt / in trüber, schwerer Zeit. / Er suchte hier den Tod / und fand Unsterblichkeit.“

Skandalöse Widrigkeiten

Über die ganze Grabgestaltung mit allerlei skandalösen Widrigkeiten wird noch zu reden sein. Die Berliner Verlegerin Ruth Cornelsen, die das alles mäzenatisch großzügig mit ursprünglich einer halben Million und nun gar 700.000 Euro finanziert, hat die Kleist-Hauptstadt jedenfalls vor einer Blamage bewahrt; und der rührige Bezirk Steglitz-Zehlendorf sorgt zusammen mit dem Landesdenkmalamt schon ab 14. November für eine neue Info-Stele vor dem Grabgelände und einen Audio-Walk durch die neue Promenade vom S-Bahnhof zur Grabstelle.

Günter Blamberger hätte sich dort am Kleinen Wannsee eigentlich eine große, für den Weltpoeten weltläufige Gestaltung gewünscht: ein Kunstwerk wie Dani Karavans Memorial für Walter Benjamin an dessen Grabstätte im spanisch-französischen Grenzort Portbou. Blamberger, der gerade 60 gewordene Kölner Literaturwissenschaftler, Direktor eines internationalen Wissenschaftskollegs, Präsident der Kleist-Gesellschaft, Verfasser der dieses Jahr bei S. Fischer erschienenen, bisher wohl besten Kleist-Biografie, pendelt derzeit zwischen Kleist-Kongressen in China, Neuseeland, USA und zahlreichen europäischen Städten. Er ist so etwas wie der Mastermind dieses Jubiläumsjahres, für das er 2,3 Millionen Euro von der Bundeskulturstiftung und noch etliche Hunderttausend beim Lotto und Wissenschaftsförderern eingeworben hat. Von ihm stammt wesentlich das Konzept der noch laufenden Doppelausstellung „Kleist: Krise und Experiment“ im Berliner Ephraim-Palais und in Kleists Geburtsstadt Frankfurt/Oder.

Kleist, der Ungar

Am heutigen Freitagabend diskutiert er mit den Berliner Professorenkollegen Herfried Münkler und Joseph Vogl über den politischen Kleist und den „Warteraum Deutschland“ in der Humboldt-Uni, vier Tage später mit Bundestagspräsident Norbert Lammert über Kleist und die Bürokratie im Collegium Hungaricum , wo auch vom 17. bis 19. 11. ein Internationaler Kongress der Kleist–Gesellschaft zum Selbstmord-Thema „Ökonomie des Opfers“ stattfindet.

Kleist, der Ungar? Blamberger lächelt und verweist darauf, dass Ungarn neben Frankreich und erstaunlicherweise Japan das einzige Land mit einer Kleist-Gesamtausgabe ist. Nach der Wende 1989 wurde er dort zum meistgespielten ausländischen Dramatiker. Günter Blamberger: „Vielleicht liegt dieModernität Kleists darin, dass er Figuren in Erdbeben, Kriegen, Krisen immer auf der Kippe zeigt. Auch wir leben wieder in entsicherten Zeiten, und Kleist, der so gerne ein planvolles Leben geführt hätte, ist der Autor der absoluten Unberechenbarkeit.“ Bis in den Tod – und die Unsterblichkeit.Jetzt gibt es am Todestag einen weltweiten „Kleist Reading Day“. Auch in Neuseeland.

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