200. Todestag von Jane Austen : Im Zeichen der Grübchensätze

Vor 200 Jahren starb Jane Austen, die bedeutendste Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts. Noch heute werden ihre Klassiker oft adaptiert, verfilmt - und doch nie erreicht.

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Kostüme und Kulissen waren nicht ihre Welt. Jane Austen, geboren am 16. Dezember 1775 in Steventon, gestorben am 18. Juli 1817 in Winchester. Foto: imago/Leemage
Kostüme und Kulissen waren nicht ihre Welt. Jane Austen, geboren am 16. Dezember 1775 in Steventon, gestorben am 18. Juli 1817 in...Foto: imago/Leemage

In England gilt Jane Austen, die 1775 geboren wurde, mit ihren sechs vollendeten Romanen seit Langem als bedeutendste Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts. In Deutschland dagegen blieb sie erstaunlich lang eine Unbekannte. Ein Aufmerksamkeitsschub setzte erst ein, als sich Christian und Ursula Grawe um Austens Werke zu kümmern begannen: 1977 erschien ihre maßgebliche Übersetzung von „Stolz und Vorurteil“ als Auftakt zu einer Werkausgabe beim Reclam Verlag. Seit gut zwei Jahrzehnten ist Austen nun auch für deutsche Leserinnen und Leser das, was die hiesige Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts nicht hergibt: eine Romanklassikerin, die nicht nur für Literaturwissenschaftler interessant ist, sondern deren Werke sich auch nach zweihundert Jahren einem großen Lesepublikum empfehlen durch ihre Frische, Unterhaltsamkeit und Menschenkenntnis.

Ironischer Stil, subtile Dialoge, scharfe Beobachtung sozialer Interaktionen sind Jane Austens Markenzeichen. Figuren wie Elizabeth Bennet im Roman „Stolz und Vorurteil“ mit ihrer sprühenden Intelligenz und Schlagfertigkeit. Zur Hochform läuft sie in den Streitgesprächen mit Lady Catherine auf, die sie von der Heirat ihres Neffen Darcy abhalten will. In diesen verbalen Gefechten erweist sich Elizabeth als starke, selbstbewusste Frau, wie sie heute das Ideal des Kulturbetriebs und der Drehbuchmanufakturen ist. Ein kleiner Schönheitsfehler vielleicht nur, dass auch Lady Catherine eine starke Frau ist, wenn auch eine Schreckgestalt, eine Karikatur des von Standesdünkel geprägten alten Adels.

Verfilmungen verbiedermeiern oder romantisieren Austen zu sehr

Inzwischen sind die Austen-Adaptionen in Film und Fernsehen kaum noch zu überschauen. Diese Popularisierung ist ein Katalysator für die zahlreichen Neuauflagen und Neuübersetzungen auf dem Buchmarkt. Leider verfehlen die meisten Verfilmungen den Geist der Romane. Nicht nur, weil sie Austen zu sehr verbiedermeiern oder romantisieren oder auch zu viel heutigen Feminismus hineinlegen. Sondern vor allem deshalb, weil Jane Austens Welt eben keine der Kostüme und Kulissen ist. Äußere Beschreibungen gibt es in ihrem Werk kaum, und wenn, sind sie karg, ohne Opulenz. Der nostalgische Augenschmaus von Adelssitzen auf englischem Rasen, spitzengesäumten Gewändern und intimen Szenen im Kerzenschimmer hat deshalb etwas prinzipiell Unrichtiges.

Viele der Verfilmungen setzen auf weibliche Identifikation, aufs Mitschmachten. Die Schriftstellerin ist selbst nicht ganz unschuldig daran. Mit dem legendären Mr. Darcy hat sie einen Urtyp des romantischen Kinos geschaffen: jenen unerhört gutaussehenden, unerhört reichen Supergentleman, der hinter zunächst abweisend-arrogantem Verhalten die allerbesten Eigenschaften und eine große Liebesfähigkeit verbirgt. Elizabeth, die seinen ersten Antrag stolz ausschlägt, darf ihn am Ende doch heiraten, aber erst, nachdem sich ihr die Vorzüge seines Innenlebens offenbart haben.

Jane Austens zentrales Thema ist die Geschlechterordnung. Aber auch wenn es unaufhörlich ums Verkuppeln und „vorteilhafte Partien“ geht – eigentliche Liebesszenen wird man in ihren Werken nicht finden. Hitzig oder sentimental geht es nie zu. Erotische Ausstrahlung ist eher verdächtig; sie verbindet sich regelmäßig mit charakterlicher Unzuverlässigkeit. Musterbeispiel ist Willoughby in Austens Debütroman „Vernunft und Gefühl“, der jetzt in der gelungenen, die Dialoge auffrischenden Neuübersetzung von Andrea Ott vorliegt.

Willoughby betört Marianne und lässt sie dann sitzen, um wegen seiner desolaten Finanzen eine andere, reichere Frau zu heiraten. Zuvor hatte er bereits ein Mädchen geschwängert und im Stich gelassen, ein smarter Schuft.

Die Ehe als Transaktion der höheren Gesellschaft

Die Ehe erscheint bei Jane Austen als fundamentale Transaktion der höheren Gesellschaft. Es geht für die jungen Frauen um den Geschäftsabschluss fürs Leben. Sie stehen unter hohem Verheiratungsdruck, denn nur die standesgemäße Ehe sichert Auskommen und gesellschaftlichen Rang. In einem knappen Zeitkorridor – schnell droht das Schicksal der alten Jungfer – muss der richtige Bewerber von den falschen unterschieden werden. Heute pflegen wir eine Sprache der Liebe, die nicht auf Verhandlungsgeschick, sondern auf Spontaneität setzt, nicht auf Argumente, sondern auf das „authentische“ Gefühl. Deshalb hat die Rhetorik der Ehe-Anbahnung, wie sie Austen in Szene setzt, inzwischen eine manchmal fast kafkaeske Komik (man lese die Antragsszene zwischen Mr. Collins und Elizabeth Bennet!). Aber gerade durch diese Befremdlichkeit gewährt die Austen-Lektüre zugleich reizvolle Aufschlüsse über das Zusammenwirken von Kalkül und Gefühl in Beziehungen.

„Mansfield Park“ ist der thematisch reichste Austen-Roman

Um 1810, mitten in der Romantik, hat die Schriftstellerin, die selber lieber unverheiratet blieb, ihre innovative Form des sozialen Realismus entwickelt. „Das Sensationelle in Jane Austens Romanen war, dass darin nichts Sensationelles geschah“, schreibt Christian Grawe. Zeitlos ist die Typenkomik: Verschwender und Geizhälse, Heuchler und Aufschneider, Kupplerinnen und Tratschtanten – nach zweihundert Jahren haben viele dieser Figuren immer noch hohen Wiedererkennungswert, so wie Mrs. Norris aus „Mansfield Park“, nach der J.K. Rowling die fiese Katze des Hausmeisters Fitch in „Harry Potter“ benannt hat. „Mansfield Park“ ist der hintergründigste, thematisch reichste Roman Austens. Sehr erfreulich deshalb, dass pünktlich zum Jubiläum eine geschmeidige Neuübersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié erschienen ist.

Die Autorin lebte in der aufgewühlten Epoche der napoleonischen Kriege, aber die südenglische Provinz ihrer Romane erscheint meist wie aus der Welt gefallen. In „Mansfield Park“ bricht diese Abgeschlossenheit ein wenig auf. Die Hauptfigur Fanny Price entstammt prekären Verhältnissen, geprägt von Alkohol und Kinderreichtum, und wächst als Adoptivkind in der Familie ihres wohlhabenden Onkels Sir Thomas Bertram auf, der zwischenzeitlich länger abwesend ist. Er muss seine Plantagen in der Karibik inspizieren; man bekommt eine Ahnung, welche kolonialen Hintergründe sein Reichtum hat. Als die kluge Fanny allerdings eine Frage nach der Sklaverei stellt, herrscht am Familientisch ein tödliches Schweigen, das mehr sagt als viele Worte.

Anrührend wird Fannys Zuneigung zu ihrem älteren Bruder William geschildert, einem Leutnantsanwärter bei der Royal Navy. Eine Hommage auf die britischen Seemänner – sofern es sich nicht um tätowierte Leichtmatrosen, sondern um Gentlemen zur See handelt – bietet auch Austens letzter vollendeter Roman „Überredung“. Warum hatte Jane Austen ein so positives Bild der Marine? Zum einen feierte sie wie die ganze britische Nation die Verdienste der Seeleute, die die französische Invasion abgewehrt und Napoleons Eroberungsdrang Richtung Russland gelenkt hatten. Zum anderen hatte sie sechs Brüder, von denen zwei hoch dekorierte Marineoffiziere waren.

Das Lachen über die menschliche Komödie hallt durch die Jahrhunderte

Vladimir Nabokov, der eine seiner legendären Vorlesungen „Mansfield Park“ gewidmet hat, schätzte neben der Charakterisierungskunst und der artistischen Motivstruktur Austens „Grübchensätze". Er meinte jene kleinen Pointen, bei denen sich ein ironisches Grübchen auf der Wange der Autorin abzeichnet – so stellte es sich Nabokov vor. Andere Zeitzeugen haben überliefert, dass Jane Austen oft nachdenklich, im Kopf die Formulierungen wägend, über einer Handarbeit saß, um dann plötzlich mit einem Auflachen zu ihrem Schreibpult zu eilen und den gefundenen Satz niederzuschreiben. Dieses Lachen über die menschliche Komödie hallt durch die Jahrhunderte.

Neue Jane-Austen-Bücher im Überblick:

Jane Austen: Die sechs Romane. Übersetzt von Ursula und Christian Grawe. Reclam Verlag, Stuttgart 2017. Sechs Bände in einer Kassette, 2500 Seiten, 34,95 €.

Jane Austen: Mansfield Park. Roman. Neu übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, 576 Seiten, 22 €.

Jane Austen: Vernunft und Gefühl. Roman. Neu übersetzt von Andrea Ott. Manesse, München 2017, 412 Seiten, 26,95 €.

Christian Grawe: Jane Austens Romane. Ein literarischer Führer. Neuauflage. Reclam, Stuttgart 2017, 232 S., 12,95 €.

Christian Grawe: Darling Jane. Eine Biografie, Reclam 2017, 256 S., 9,95 €.

Holly Ivins: Jane Austen. Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt. DVA, München 2017, 238 Seiten, 14,99 €.

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