Kultur : "2001": Die Geburt des Jahrtausends

chp

Sonntagmorgens um zehn ist die Welt noch nicht in Form. Die Augen trüb, das Gemüt nicht sortiert - wie schön, in solch schläfriger Stimmung Stanley Kubricks Weltraum-Meditation wiederzusehen. Aus dem Dunkel des Kinosaals tauchen vertraute und doch unendlich fremde Bilder auf. Die zeternden Affen vor dem schwarzen Monolithen. Die Planeten, die ihre Bahnen ziehen. Die Raumschiffe, die majestätisch durchs All gleiten und einen langsamen Walzer tanzen. Das reichlich komische Pop-Interieur der Raumstation. Das Auge von HAL. Der Augenblick, in dem der Computer sagt: "Dave, ich habe Angst." Die Sphärenklänge von Ligeti, Chatschaturjan und Strauss - in der neuen Fassung um eine Ouvertüre und ein Zwischenspiel aus Ligetis "Atmosphères" erweitert. Das Gesicht von Dave hinter dem Visier des Astronautenhelms. Die Farbreflexe darauf, die sich zu kosmischen Nebeln weiten. Der hypnotische Sog der kreiselnden Space-Ships, Astralhaufen und Sternenstrudel. Die Endlosschleife des Plots. Das Kino, ein Weltenraum.

In Kubricks 68er-Trip, seiner Halluzination vom Anfang und vom Ende der Menschheit liegen das Erhabene und das Lächerliche dicht beeinander. Ursuppe und Computeranimation, Schöpfungsmythos und Technikmärchen: Je näher man hinschaut, desto ferner blicken die Bilder zurück. "2001" ist ein Solitär geblieben; wie der schwarze Monolith in der Wüste ragt der Film aus der Geschichte des Kinos heraus. Am Ende herrscht Schweigen: das Traumgesicht eines Embryos. Der Kosmos stülpt sich nach innen, hinter den Sternen trifft der Mensch auf sich selbst. Kubrick sollte recht behalten. Vor wenigen Tagen wurde seine Vision von "2001" wahr: Nicht das All hat die Wissenschaft 2001 entschlüsselt, sondern den Menschen und sein Genom. Am Donnerstag kommt "2001: Odyssee im Weltraum", der Abschlussfilm der Berlinale, wieder in die Kinos.

0 Kommentare

Neuester Kommentar