Kultur : 2004 – Odyssee im Schauraum

Der imposante Nachlass des Film-Genies Stanley Kubrick kommt zuerst nach Deutschland – in einer großen Doppelausstellung nach Frankfurt am Main

Jan Schulz-Ojala

Wie groß Meister sind, erkennt man unter anderem daran, wie große Meister über große Meister reden. Steven Spielberg zum Beispiel sagte über Stanley Kubrick: „Viele Künstler malen auf eine leere Leinwand erst zaghaft dünne Bleistiftstriche. Stanley klatschte seine Ideen mit dickem Pinsel in Primärfarben drauf.“ Oder Martin Scorsese: „Manchmal wünschte ich mir, Stanley hätte mehr Filme gedreht. Aber nein, es waren genug. Es steckt so viel in jedem einzelnen.“ Oder Woody Allen: „Beim ersten Mal mochte ich ,2001’ gar nicht. Dann, ein paar Monate später, schon mehr. Als ich den Film nach Jahren wieder sah, fand ich ihn sensationell. Kubrick ist einer der ganz wenigen, bei denen ich mir eingestehe: Dieser Künstler ist mir weit voraus.“

Solch besonders schöne, weil neidlose Bewunderung, festgehalten in Jan Harlans Dokumentarfilm „Stanley Kubrick – A Life in Pictures“, schürt, da nun das Frankfurter Filmmuseum und das unmittelbar benachbarte Deutsche Architekturmuseum fünf Jahre nach Kubricks Tod eine Ausstellung zu Ehren des Titanen ausrichten, die Erwartung auf Großes. Zumal wenn die weltweit erste umfassende Schau aus Kubricks riesigem Nachlass anzuzeigen ist – ein Sichtungs- und Sammelwerk, das Anfang 2005 nach Berlin und erst später in die Kubrickschen Lebensheimaten Großbritannien und Amerika wandern wird. Eine solche Premiere zieht zwangsläufig den cineastischen Pilger an. Und sollte doch auch den Zufallsbesucher hungrig auf ein Werk machen, das sich, ob mal 20 oder mal 40 Jahre alt, wundersamerweise nicht verbraucht. Also her mit jenen brisanten zweidimensionalen Fundstücken, die Museumsleute liebevoll salopp „Flachware“ nennen; her aber vor allem mit Inszenierungen, die einen in die unverwechselbaren Kubrickschen Räume ziehen. Denn auf Raum- und Traum- und Zeitreise gehen will man mit Kubrick allemal.

Zum Beispiel die zwölf Meter hohe Raumschiff-Zentrifuge, in der der schrecklich gefühlsbegabte Computer HAL 9000 mal eben ein paar Astronauten in den ewigen Schlaf schickte: Sie einmal in einem nachgebauten Kino-Karussell zu begehen wie die Raumfahrer aus „2001“, das wäre so ein Traum. Oder einmal, als sei man die Kamera, vom bösen Alex-Auge rückwärts gleiten in die Totale der pop-art-verkunsteten und atemberaubend rüden Macho-Fantasie namens Korova-Milchbar: noch so ein Nachspieltraum, die furiose Eingangs-Kamerafahrt aus „Clockwork Orange“ im extra nachgebauten Arrangement. Oder, warum nicht, in einer von Einzelbildern durchzuckten Blackbox stehen, die vom schauerlichen Unterordnungsgebell der frisch geschorenen „Full Metal Jacket“-Rekruten widerhallt: Auch das wäre doch was. Kubricks Wahnsinnsseelenkorridore mögen, schon recht, unrettbar bigger than life gewesen sein: Aber sollte eine hochkarätige Ausstellung sich nicht einmal selber hineinzaubern in die ausnahmsweise dreidimensionale Kubrick-Vision?

Unbezahlbar, wahrscheinlich. Und, was schon die erste Annäherung schmerzhaft belegt, in den vorhandenen Räumen auch nicht darstellbar – trotz der für dieses Projekt verbundenen benachbarten Museen. Stattdessen gibt es Modelle. Liebevoll (nach-)gebaute Modelle, keine Frage. Etwa das „Shining“-Labyrinth, wie Jack Nicholson es gesehen hat, bevor das Adlerauge namens Kamera auf Frau und Kind hinabstieß, mitten in den immergrünen Irrgarten hinein. Oder Gerald Narrs detailliert nachkonstruiertes „2001“-Raumschiff-Inneres im Maßstab 1:20 – inklusive Endoskop-Kamera, die auf Knopfdruck Bilder aus der Mini-Zentrifuge auf einen Monitor überträgt.

Wunderbar anschauliche Spielereien sind das – und doch belegen sie unfreiwillig, dass die Frankfurter es sich mit Kubrick in der Welt der Miniaturen arg gemütlich machen. Oder sperrt sich da etwa ein Genie gegen die nachgetragene Vereinnahmung, mit unserer retrospektiven Fantasie tückisch im Bunde? Schnell wirkt da sogar vieles bloß niedlich, das sich im Maßstab 1:1 auf der sicheren Seite wähnt. Die im Film so albtraumhaft faszinierende Korova-Milchbar: In der Ausstellung steht eine Kuschel-Koje, ein harmloses Kabinett. Auch die Kostüme aus „Barry Lyndon“, aus „Spartacus“ und, natürlich, aus „2001“, vom Affen bis zum Astronauten; die venezianischen Masken aus der Orgie in „Eyes Wide Shut“; die Zeiss-Kamera mit hineinoperiertem Super-Objektiv, das „Barry Lyndon“ so genial fürs Kino ausleuchtete, dass man selber im kerzenlichtwarmen und doch eiskühlen 18.Jahrhundert zu leben meinte: alles wichtige Accessoires. Und doch scheinen auch sie den Mangel an gestalterischer Vision, wie sie im Zusammenspiel der Experten aus Film und Architektur doch zu erwarten gewesen wäre, sonderbar zu akzentuieren.

Es ist im sachte labyrinthischen Gang durch das gute Dutzend Filme dann die gern geschmähte „Flachware“, die mit manchem versöhnt. Da sind die skrupulösen Notizhefte und Drehbuchentwürfe, die vom Perfektionswahn des Meisters zeugen. Oder das Foto der „Spartacus“-Statisten auf kahlem Hangl, allesamt mit teils dreistelligen Nummernschildern versehen, damit der Tyrann vom Feldherrnhügel immer auch individuell rüffeln konnte. Dann wieder erstaunlich Hin-und Hergekliertes – etwa Kubricks Einladung an Oskar Werner, die Hauptrolle in seinem nie verwirklichten „Napoleon“ zu übernehmen; oder eine mit Filzfüller hingehuschte Absage Audrey Hepburns für dasselbe Projekt. Was wäre dieser Kubricksche Liebling „Napoleon“ für ein fantastischer Film geworden – wenn die Hollywood-Bosse das Projekt nicht kurzerhand im Blick auf billiger zu habende Erfolge wie „Easy Rider“ gekippt hätten! Doch einen expliziten Hinweis auf die Tragik allzu langsamen Tüftelns – ein Trauma, das Kubrick bis zu seiner letzten Befreiungstat „Eyes Wide Shut“ verfolgen sollte – sucht man vergebens.

Damit wir uns recht verstehen: Sie haben alles korrekt beschafft und versorgt in Frankfurt. Nur getraut haben sie sich nicht. Es ist ein im Einzelnen schwer zu belegender Zauber, der dieser respektablen Kuratorenarbeit fehlt – etwas, das den kenntnisreichen und auch den unvorbereiteten Betrachter magisch in das unvergleichliche Werk Stanley Kubricks zieht. Die Berliner Filmmuseumsmacher, die mit dem Franklfurter Material im kommenden Januar in den Gropiusbau locken wollen, sollten sich da noch einiges einfallen lassen. Um es mit Spielberg zu sagen: Dickere Pinselstriche können nicht schaden.

Deutsches Filmmuseum und Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, bis 4. Juli.

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