2010 : Alles wird wieder mal anders

Warum man alle guten Vorsätze fürs neue Jahr am besten schon vorher über Bord wirft.

Andreas Schäfer
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Erleuchtung und Erwartung. Chinesische Lichtspiele zum Neuen Jahr, in einem Park in Peking. Foto: Imago/Xinhua

Mit geradezu unwiderstehlicher Wucht laden die Tage am Jahresende zu Veränderungsfantasien ein, fordern zu Wandlung auf und versprechen, im Windschatten eines anderen Zeitgefühls, die Möglichkeit von Transformation und persönlichem Wachstum. Anfangs sind diese Aufforderungen noch fundamentaler Natur. Lass dich verwandeln, sagt der Pfarrer im Weihnachtsgottesdienst. Später, je näher das neue Jahr rückt, werden die Veränderungswunschbrötchen etwas kleiner und profaner, nennen sich gute Vorsätze und betreffen klar umrissene Alltagsbereiche oder Gewohnheiten: Statt rauchen lieber mehr joggen! Statt mit dem Auto nur noch mit dem Fahrrad ins Büro fahren! Statt fernsehen nur noch lesen!

Profaner, aber deshalb nicht unbedingt leichter zu realisieren. Denn die nüchterne Erfahrung lehrt, dass nach wenigen Wochen des neuen Jahres in der Regel alles wieder beim Alten ist. Oder fast. Den Fernseher, den man stolz in den Keller getragen hat, schleppt man verschämt wieder in die Wohnung zurück. Wegen der Nachrichten, behauptet man. Und wegen des Tatorts. Ein-, zwei-, dreimal springt man, in eigens angeschafften Regenkleidern, bei stürmischem Wetter aufs Fahrrad, doch wenn am vierten Morgen der Blick aus dem Fenster wieder nur auf ungemütliches Nieselgrau trifft, fällt die Motivation wie ein Kartenhaus in sich zusammen, und ehe man papp sagen kann, hat die Hand schon den Autoschlüssel in der Hand. Es ist schlimm, wirklich.

Dabei tut Veränderung bitter not! Umso mehr, wenn man den Blick von seinem kleinen persönlichen Alltag hebt und aufs große Ganze richtet. Die Rettung des Weltklimas wurde mal wieder vertagt, ein südeuropäischer Staat nach dem anderen steht vor dem Bankrott. Hunger, Wasserknappheit, neue Kriege statt Deeskalation, das ganze letzte Jahrzehnt, schrieb kürzlich der „Spiegel“, sei für die Katz gewesen, Probleme nicht gelöst, sondern verdrängt worden. Und dann hatte – als Superzeichen der Verdrängung – die UNO das zu Ende gehende Jahr auch noch zum „Jahr der Astronomie“ erklärt, also zum Jahr des Hans-guck-in-die-Luft.

Immerhin, das kommende Jahr nennt sich „Jahr der Biodiversität“, womit das Bewusstsein für die Gefährdung von Ökosystemen, die Abholzung von Wäldern und die Überfischung der Meere geschärft werden soll. Auch wenn ein geschärftes Bewusstsein nicht automatisch zu Verhaltensänderung führt – ohne geschärftes Bewusstsein passiert gar nichts. Aber wie funktioniert das überhaupt mit der Veränderung, mit ernsthafter, nachhaltiger Veränderung, die nichts mit wohlfeilen Lippenbekenntnissen zu tun hat?

Heerscharen von Therapeuten, Coaches, Unternehmensberatern und Change-Managern können ein Lied von der hochgradigen Komplexität dieses Vorgangs singen. Es beginnt wohl mit der ehrlichen Antwort auf die Frage: Will ich Veränderung tatsächlich oder tue ich nur so? Der FC Bayern München zum Beispiel hat, als er Jürgen Klinsmann als Trainer engagierte, behauptet, er wolle sich verändern und in der Gegenwart des modernen Fußballs ankommen. In Wahrheit war dem FC Bayern Veränderung schnuppe. Er wollte nur, wie immer, Erfolg. Für Jürgen Klinsmann war diese Erkenntnis, wie neulich in einem Interview mit der „FAZ“ zu lesen war, ein Schock. „Es gibt zwei Kategorien von Menschen“, analysierte der gescheiterte Trainer: „Die einen sind bestrebt, ständig zu wachsen. Die anderen treibt das Gefühl, ihren Status und die Dinge zu verteidigen, die sie aufgebaut haben. Im Englischen nennt man das growth mindset oder fixed mindset. In der deutschen Sprache fällt mir kein besserer Begriff ein. Ich bin beim FC Bayern in dieser Beziehung an meine Grenzen gestoßen. Ich hatte zu viel damit zu tun, an Besitzständen zu rütteln und sie einzureißen, anstatt ruhig an der Weiterentwicklung der Mannschaft zu arbeiten.“

Das klingt, als hätte Jürgen Klinsmann seine Einschätzung direkt aus der „Psychologie der Veränderung“ entnommen, die wir auf der Website des Change-Managers Winfried Berner gefunden haben. Auf Dutzenden Seiten beleuchtet Berner alle Facetten rund ums Verändern, entwickelt eine „Stufenpyramide der Veränderungsmotivation“ und widmet sich mit beharrlicher Ausdauer der scheinbar unendlichen Vielfalt von Widerständen, die Veränderungen torpedieren. Hauptmotive des Widerstands sind nach Berner zum einen Eigeninteresse und Besitzstandswahrung, zum anderen Ängste. Das Raffinierte an den meisten Widerständen ist, dass sie nicht offen zutage treten, sondern sich gern hinter der Maske von Sachargumenten verstecken. Oder hinter Trotz, Aggression und allgemeiner Genervtheit. Denn für gewöhnlich gesteht man Eigennutz und Angst nicht gern ein, nicht vor anderen und erst recht nicht vor sich selbst. Veränderung bedeutet als Erstes: Bedrohung. Und solange man dieser Tatsache nicht ins Auge sieht, kann sie nicht wirken. Der FC Bayern wollte keine umwälzenden Änderungen, weil er nicht wirklich etwas ändern musste. Er änderte nicht sich, sondern wechselte, wie immer, einfach den Trainer aus.

Wahre Veränderung braucht Leidensdruck. Ohne Leidensdruck entsteht keine Änderungsbereitschaft. Andererseits muss mit dem Druck aber auch die Hoffnung verbunden sein, etwas ändern zu können. „Leidensdruck allein schafft keine Veränderung“, schreibt Berner. „Leidensdruck allein erzeugt lediglich Resignation und Apathie. Damit Energie zur Veränderung entsteht, muss zum Leidensdruck eine positive Perspektive kommen. Erst wenn das Leiden herausgefordert wird von der Idee, dass es auch anders sein könnte und dass diese Änderung erreichbar ist, entsteht ein Gefühl der Hoffnung, und mit ihr die Energie zur Veränderung.“

Wahrscheinlich versanden deshalb viele gute Vorsätze zum neuen Jahr schon nach wenigen Wochen. Das Verhältnis zwischen Leidensdruck und Hoffnung stimmt nicht. Denn die Hoffnung ist gewissermaßen nur geliehen. Sie entspringt keiner realistischen Lösungsperspektive, sondern vor allem dem Rausch des Anfangs, der simplen, aber eben euphorisierenden Tatsache, dass eine Zählung neu beginnt.

Ändern wir unsere Gewohnheiten also, indem wir als Erstes alle guten Vorsätze über Bord werfen und – sobald der Rauch der Neujahrsfeierlichkeiten verzogen und der Blick wieder klar ist – tun, was zu tun ist.

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