"24 h Berlin" : Station 18b, Zimmer 12

"24 h Berlin" in einem Multimediaprojekt – David Wagners Geschichte ist einer von 15 Beiträgen aus dem Buch „24h Berlin – ein Tag im Leben“. Wir drucken ihn hier in gekürzter Version.

David Wagner
297667_0_e7172728.jpg Foto: Olaf Schulz
Am Tropf. Rauchzeichen vor dem Krankenhaus. Das Foto stammt aus dem Band »24 h Berlin« der Agentur Ostkreuz. -Foto: Olaf Schulz

Ich habe Krankenhauslangweile, schon früh am Morgen. Ich halte das nicht mehr aus, denke ich, halte es dann aber doch wieder aus. Was bleibt mir anderes übrig. Eigentlich ist es gar nicht so schlimm. Das Essen kommt pünktlich, alle paar Stunden. Und manchmal kommt Besuch. Und Ärzte kommen auch.

Die Visite beginnt schon um kurz nach sieben, ich liege noch verschlafen im Bett. Die Ärzte haben heute drei Studentinnen dabei, zwei von ihnen tragen Turnschuhe, die dritte hat Ballerina-Slipper an den Füßen. Ich sehe das, weil ihnen unter den Arztkitteln ein Stück Bein und die Schuhe und also ein Stück Privatleben herausragen. Ärzte tragen nicht selten Gesundheitsschuhe, nur der Oberarzt hat Schuhe mit Ledersohlen an.

Auf dem Flur, ich bin unterwegs, um mir Kaffee zu holen, nicken wir Patienten uns zu. Wir sind einander morgenmantelbekannt. Es gibt Privatschlafanzug- und Krankenhausnachthemdträger, es gibt die, die Bademäntel überwerfen und Jogginghosen- und Trainingsanzugspatienten, die so, halb oder ganz angezogen, auf oder im Bett liegen, weil sie jede halbe Stunde nach unten, vor die Tür, rauchen gehen müssen. Mit Hausschlappen, Flip Flops, Pantoffeln oder Turnschuhen an den Füßen. Nur Hüttenschuhe sehe ich keine.

Auf dem Frühstückstablett hinterlasse ich wieder, ich bin schon einmal ermahnt worden, das morgendliche Schlachtfeld. Wieder habe ich, als müsste ich hier einem Kind Brot machen, die Rinde an den Brotscheiben abgeschnitten. Ich esse, bis ich satt bin. Das dauert nicht lange. Den Rest der Marmelade, der noch in einem der Päckchen steckt, esse ich so.

Ich habe Zeit, das rauchgrau-blaumelierte Linoleum auf dem Boden zu betrachten. Ich muss daran denken, wie oft Serienepisoden in Krankenhäusern spielen. Nate Fisher in „Six Feet Under“ liegt und stirbt schließlich im Krankenhaus. Tony Soprano liegt und fantasiert, nachdem er angeschossen wurde, im Krankenhaus und Bree van der Kamps Mann trägt in der ersten Staffel der „Desperate Housewives“ das gleiche Krankenhausnachthemd wie ich jetzt. Ich denke an die Krankenhausrückblenden in „Lost“ und erinnere mich an „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“, eine tschechische, damals noch tschecheslowakische Serie aus der Urzeit meiner Fernsehbiografie. Spielte da nicht immer jemand mit, den ich aus „Pan Tau“ oder „Die Märchenbraut“ kannte?

Die Schwester fühlt mir den Puls und misst den Blutdruck. Fühlt sich an, als gehöre mein Körper ihr, sie hat alle Zugriffsrechte. Als sie meinen Arm nimmt, sie nimmt ihn, als wäre es ihrer, fange ich an darüber nachzudenken, wer im Laufe meines Lebens so alles an meinem Körper herumgefummelt hat. Meine Mutter, mein Vater. Meine Kinderärztin Frau Dr. Hungerland. Andere Ärzte. All die Zahnärzte, die ich hatte, in meinem Mund. Friseure und Friseusen auf dem Kopf. Die, mit denen ich ins Bett gegangen bin. Personen des uneingeschränkten Vertrauens, die mir die Pickel auf dem Rücken ausgedrückt haben. Hautärzte, die Physiotherapeutin, die mir die Schulter massiert hat. Die Kinder, mit denen ich auf dem Teppich herumgebalgt habe. Die, mit denen ich mich geschlagen habe. Das war’s dann aber auch. Die meiste Zeit hat man sich allein.

Die Ärztin nimmt mir Blut ab, die Schwester hängt mich wieder an den Tropf. Und sagt wieder, Sie müssen trinken. Trinken wird im Krankenhaus zur Aufgabe. Wie viel haben Sie getrunken? Wie viele Becher? Die Anzahl wird aufgeschrieben. Hier wird Buch geführt über jedes Glas Wasser, jeden Stuhlgang, jede Temperaturveränderung. Die Mappe, in der alles notiert wird, heißt die Kurve.

Die Schwester geht und kommt wieder und sagt, der Transport ist da. Das Krankenhausbett ist eigentlich ein Fahrzeug, es hat vier Räder. Ich liege und gleite sanft dahin. Ich werde über lange Flure gefahren und in einen Aufzug geschoben. Ich denke an einen Einkaufswagen, dann an meinen Kinderwagen, an den ich mich natürlich gar nicht erinnern kann.

Es geht zum Röntgen. Heute schiebt mich ein Afrikaner. Er singt vor sich hin. Ich frage ihn, was er singe und was das für eine Sprache sei. Eine Sprache der Elfenbeinküste, sagt er, und als ich weiter nachfrage, erzählt er, dass er in Paris geboren sei, Frankreich und die Franzosen könne er aber, obwohl er selbst Franzose sei, nicht leiden. Er habe da achtzehn Jahre gelebt, das reiche ihm, für immer.

Als ich wieder im Zimmer bin, wird der Tropf wieder angehängt. Ich höre ihn nicht, ich sehe ihn bloß tropfen. Ich sehe nicht nur meinen Tropf, ich sehe auch wieder aus dem Fenster und in viele andere hinein. Ich sehe OP-Vorbereitungen im ersten Stock, zwei Frauen in grünem OP-Gewand stehen dort in einem Raum mit gekachelten Wänden, eine der beiden streift sich Gummihandschuhe über. Hinter dem Vorhang irgendeines dieser offenen Fenster stöhnt ein Mensch. Zehn Minuten später hört das Stöhnen wieder auf.

Die Studenten kommen um kurz vor halb zwölf. Ich liege in einem Universitätsklinikum, hier werden Ärzte ausgebildet. Kommt her und schaut mich an. Zukünftige, was lernt ihr heute? Was darf ich euch verraten? Die Studenten lernen Tasten und Klopfen, lernen, sich ein Bild zu machen, ohne Ultraschall und Röntgen. Sie sind sehr höflich und fragen immer wieder, ob sie hier und auch hier noch mal dürften. Ich lasse sie.

Dann kommt das Mittagessen. Sich über das Essen zu beklagen, gehört zur Krankenhausfolklore. Hier zu sagen, das hat aber gut geschmeckt, ist für die Schwester eine Sensation, die sie gleich als gute Nachricht in die Küche hinuntertelefonieren will. Sie sagt, da freut sich der Koch, so was hört der nicht alle Tage.

Ich bin runter, Zeitung holen, sagt mein Bettnachbar und ist schon zur Tür hinaus. Ich hoffe, er bleibt nicht in einem vergessenen Aufzug stecken, wie der Patient in dem Neuköllner Krankenhaus, der erst nach drei Tagen gefunden wurde. Da hatte er schon angefangen seinen Urin vom Aufzugsboden aufzulecken.

Besucher bringen Blumen mit. Bald sieht es aus wie in einem Blumenladen. Der Kranke bekommt Blumen und freut sich. Heraus, auf den Flur, vor die Tür gestellt werden die Blumen zur Nacht nicht mehr. Die Schwestern haben andere Dinge zu tun. Sie sagen auch, das sei gar nicht nötig. Solange, was viel wichtiger sei, hin und wieder gelüftet werde, bekomme hier jeder Patient genug Sauerstoff. Es gibt Patienten, die bringen ihren Hausrat mit, sagt die Schwester, sie sagt das so, als mache sie sich ein wenig darüber lustig. Manche bringen ihre eigenen Kopfkissen und Handtücher ins Krankenhaus. Ich habe nicht einmal einen Schlafanzug dabei.

Ich betrachte wieder den Krankenhausboden. Kommt mir vor, als gäbe es in seinem Muster nun ganz andere Dinge zu sehen als heute Vormittag. Dabei ist es doch der gleiche rauchblaue Farbteich aus Linoleum und mein Bett das Floß, das auf diesem See treibt. Das Wasser ist spiegelglatt, still und klar. Bis mein Bettnachbar wieder hustet. Der Boden ist in Bahnen zu einszwanzig verlegt, seine Farbe wiederholt sich in den Kopf- und Fußteilen der Betten. Am Fuß der Wand ist der Belag über die Wand-Boden-Kante hinaufgezogen, was den meist sehr freundlichen Frauen (einmal nur in Wochen ist es ein Mann) das Wischen in den Ecken erleichtert. Ein kleines Stück Wand wird einfach immer mitgewischt. Die Reinigungskräfte haben fast alle schwarze Haare, das passt gut zum Pistazientürkis ihrer Kittel. Die Frauen leeren auch die Mülleimer, die ich mit der kaum gelesenen Zeitung fülle und legen neue Müllbeutel ein. Sie wischen auch über den Tisch, den Lampenschirm, der dann meist noch eine gewisse Zeit hin und her pendelt, und über den Nachttisch. Was da steht, heben sie kurz hoch und fahren mit dem Lappen darunter hindurch. Manchmal, wenn zu viele Bücher auf dem Klapptablett liegen, beschweren sie sich. Leere Wasserflaschen, das gehört nicht zu ihrem Aufgabenbereich, nehmen sie nicht mit. Manchmal macht das die Schwester am Abend, bei ihrem letzten oder vorletzten Gang durch die Zimmer, bevor sie an die Nachtschwester übergibt. Nicht ohne die Bemerkung, dass wer sich volle Flaschen hole, die leeren wohl auch zurücktragen könne. Ich liebe diese Erziehungsversuche. Ich bin wieder acht Jahre alt. Gleich rufe ich nach meiner Mami.

Ich habe keine große Lust zu telefonieren. Telefonieren fällt mir schwer. Jemanden anrufen macht ja nur Spaß, wenn es einen Anlass, eine Neuigkeit, eine Geschichte zu erzählen gibt. Oder eine Frage. Ich aber habe gerade gar keine Frage. Und habe auch keine Neuigkeiten. Die Temperatur heute morgen war 36,1, der Blutdruck niedrig. Die Werte schlecht wie immer. Ich war beim Röntgen und beim Sono. Toll. Zum Frühstück gab es Aprikosenmarmelade.

Die Kastanien an den Ästen vor dem Fenster sind dicker geworden. Ich habe sie hier knospen, dann blühen sehen. Zum wievielten Male bin ich hier? Zum fünften? Sechsten? Siebten Mal?

Im Krankenhaus sind alle Menschen auf einmal Menschen. Das klingt ganz banal, ist aber deshalb nicht weniger wahr. Draußen ist der Mensch ja immer schön verpackt, Status, Bildung, Klasse und Kleidung umhüllen ihn. Im Krankenhaus aber, im Flügelhemdchen, spielt all das, was man sonst so um sich hat, erst mal keine ganz so große Rolle mehr. Hier zählen Körperfunktionen. Die Werte. Hier liegen bloß Leiber, mit denen etwas nicht stimmt.

Eigentlich ist es eine absurde Situation, zwei Männer liegen in einem Zimmer, und in regelmäßigen Abständen schauen Frauen herein und fragen, wie der Stuhl war, ob wir die Essenskarten ausgefüllt und unsere Medikamente genommen hätten.

Die Kastanien in ihrer Stachelschale sind jetzt kinderfaustgroß und die Blätter am Rand schon braun. Das muss die Schuld der Miniermotte sein. Eine müde Wespe fliegt immer wieder von innen ans Fenster und klopft an die Scheibe. Sie klopft mit ihrem ganzen Körper an. Sie will hier raus und kommt nicht weiter. Mir geht es eigentlich nicht anders. Oben im Himmel leuchtet ein Flugzeug, kommt mir vor, als könnte ich es berühren, ihm ans Fenster klopfen. Kann ich dann aber, ich strecke die Hand aus, doch nicht.

Die gefangene Wespe kriecht nur noch über die Scheibe. Sie sucht einen Weg in den Himmel hinter der Wand aus Glas. Ich überlege, ob ich sie mit einem Schlag der halb eingerollten Zeitung töten soll. Mein Vater hat das früher so gemacht, er musste das tun, weil meine Mutter panische Angst vor diesen Tieren hatte und schrie, wenn sie nur eine Wespe sah. Ich könnte den Wirtschaftsteil zusammenlegen und zuschlagen, ich müsste mich nicht einmal besonders schnell bewegen, die Wespe ist schon ganz matt. Ich will dann aber doch lieber kein Tier töten. Heute nicht.

David Wagners Geschichte ist einer von 15 Beiträgen aus dem Buch „24h Berlin – ein Tag im Leben“. Wir drucken ihn hier in gekürzter Version. Am 18. September kommt im Rowohlt Verlag außerdem Wagners neuer Roman „Vier Äpfel“ heraus.

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