25 Jahre Deutsche Einheit : Im Einklang

Die Opernsänger Katharina Kammerloher und Roman Trekel singen zusammen an der Berliner Staatsoper. Ohne die Wiedervereinigung hätten sie sich gar nicht kennengelernt.

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Roman Trekel und Katharina Kammerloher.
Roman Trekel und Katharina Kammerloher.Foto: Thilo Rückeis

Vielleicht hätten sich Katharina Kammerloher und Roman Trekel ohne die Wiedervereinigung gar nicht kennengelernt. „Wir kennen uns fast so lange wie die deutsche Einheit“, sagt der Bariton Trekel, der bereits seit 1988 Mitglied des Ensembles der Staatsoper ist, über die Mezzosopranistin. Gerne erinnern sich die international bekannten Opernsänger an ihre gemeinsamen Aufführungen zurück. „Wie viele das waren, weiß ich gar nicht mehr“, sagt Kammerloher.

Ein Abend ist ihnen besonders im Gedächtnis geblieben: „Così fan tutte“ von Wolfgang Amadeus Mozart. „In einer Szene musste ich ein Butterbrot für meinen Geliebten schmieren, das Roman mir dann aus der Hand nahm“, sagt Kammerloher. „Einmal haben wir uns einen Scherz erlaubt und das Papier von den Käsescheiben nicht entfernt – Roman hat herzhaft hineingebissen. Sein Gesichtsausdruck war ein Bild für die Götter.“ Weil das Ganze bei einer Vorstellung passierte, war es umso komischer. „Wir Sänger mussten uns umdrehen vor Lachen und brauchten eine Weile, bis wir wieder singen konnten. Der arme Dirigent!“

In den 60er Jahren nach Ost-Berlin

Als „große Familie“ beschreibt Kammerloher die Staatsoper. Die gebürtige Münchnerin studierte Oboe und Gesang in Detmold und wurde nach einem Hochschulwettbewerb in Berlin zum Vorsingen eingeladen. Hier konnte sie nicht nur den langjährigen Intendanten Georg Quander, sondern auch Chefdirigent Daniel Barenboim überzeugen. „Als ich 1993 nach Berlin kam, beäugten mich vor allem die Kolleginnen aus dem Osten noch etwas“, sagt Kammerloher. „Da wurde schon geschaut: Wie ist die eigentlich so? Kann man der trauen? Ist die normal oder doch ein blöder Wessi?“

Skepsis, die schnell verflog, erinnert sich Kammerloher. „Es gab damals schon viele internationale Gäste, die gemeinsam mit uns auf der Bühne standen. Die Frage nach der Herkunft spielte überhaupt keine Rolle“, sagt sie. „Gerade beim Theaterspielen kommt man sich sehr nah und macht sich keine Gedanken darüber, woher der andere kommt“, pflichtet der in Pirna bei Dresden geborene Roman Trekel ihr bei. Unterschiede in der Art und Weise, wie Theater gespielt oder gemeinsam geprobt wurde, können die beiden Sänger nicht ausmachen.

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1 von 63Foto: Mike Wolff
04.04.2014 17:37Ab demnächst gibt es für Leute mit Staatsoperentzug Baustellenbegehungen.

Trekel kam schon als Kleinkind in den 60er Jahren nach Ost-Berlin. Zunächst wohnte die Familie in Friedrichshain, später in Lichtenberg am Tierpark. „Ein Riesenplattenbau mit einem tollen Blick auf das Bärengehege“, sagt Trekel. Im Haus wohnte auch der Dramaturg und Autor Heiner Müller, letzter Präsident der Akademie der Künste der DDR und ehemaliger Intendant des Berliner Ensembles.

Fixierung auf Geld gab es nicht

„Den haben wir immer wieder im Fahrstuhl getroffen.“ Die Sechszimmerwohnung bekam die Familie über Beziehungen. „Meine Mutter war damals schon eine bekannte Opernsängerin, wir durften mit ihr in den Westen reisen.“ Auch als Trekel nach seiner Gesangsausbildung an der Hochschule für Musik Hanns Eisler als Sänger tätig war, bekam er einen Reisepass für sich und seine Frau. „Ich durfte dann auch für Aufführungen nach Belgien oder in die Niederlande reisen“, sagt der Kammersänger. „Ohne Beziehungen funktionierte nichts. Selbst wer viel Geld verdiente, konnte sich davon nichts kaufen“, sagt Trekel. Dadurch habe man aber eine größere innere, menschliche Freiheit erlangt als im Westen. „Das war auf eine sehr skurrile Weise schön. Diese Fixierung auf Geld, die wir jetzt ja wieder erleben, die bestand im Osten einfach nicht.“

In diesem Punkt sind sich Kammerloher und Trekel einig. „Das habe ich immer geliebt an den Leuten an der Staatsoper und überhaupt an den Menschen aus dem Osten. Es gibt eine große Hilfsbereitschaft untereinander, ohne etwas dafür zu verlangen“, sagt Kammerloher, die jetzt in Berlin-Friedrichshagen wohnt.

Vom Mauerfall nichts mitbekommen

Gänzlich unterschiedlich haben die beiden den Fall der Berliner Mauer erlebt. Während Kammerloher in Detmold bei einem Spaziergang davon erfuhr, hat Roman Trekel in Berlin vom Mauerfall nichts mitbekommen. „Wir sind am 9. November umgezogen, in der neuen Wohnung war noch nichts angeschlossen“, sagt Trekel.

„Am nächsten Tag sollten Möbelpacker kommen, aber die tauchten nicht auf. Erst als unsere Freunde uns nachmittags besuchten, erzählten sie, dass die Mauer offen ist.“ Auch an die Wohnung an der Prenzlauer Allee kam die Familie nur über Beziehungen. „Ich war bei bei jemandem vom Theater, der wusste, an wen man sich wenden muss, wenn man Unterstützung vom System braucht“, erzählt Trekel. Erst später fand er heraus, wer dem Wohnungsantrag zugestimmt hatte: SED-Funktionär Günter Schabowski, der auf der Pressekonferenz am 9. November die berühmten Worte sprach, die zum Mauerfall führten, hatte sein Schreiben an die Hausverwaltung weitergeleitet.

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