Die Zeit ging nicht spurlos an dem Sammlerpaar vorbei.

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250 Jahre Albertina in Wien : Die Geschichte von Mimi und Berti
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Und dennoch gingen die dramatischen Veränderungen der Zeit an dem begüterten Sammlerpaar keineswegs spurlos vorüber. Unter Jubelrufen waren die beiden 1781 als Statthalter der Österreichischen Niederlande in Brüssel eingezogen, mit Ausbruch der Revolution und nach verlorenem Kampf gegen die französischen Truppen unter Herzog Alberts Befehl fliehen sie Hals über Kopf zurück nach Wien, wo sie zur Strafe fortan keine weiteren Ämter ausüben dürfen. Als Ersatz bekommen sie von Kaiser Franz I. die Augustinerbastei als Residenz geschenkt, die heutige Albertina. Der ganze Ehrgeiz richtet sich fortan auf die Kunst, ein 150 Meter langer Repräsentationsflügel wird dafür angebaut, und die Erfolgsgeschichte der Sammlung beginnt.

Der Startschuss war schon 1776 gegeben mit tausend Kupferstichen, die Albert und Marie-Christine auf ihrer Grand Tour in Venedig übernahmen. Wie damals üblich hatte sich das Paar auf eine mehrmonatige Bildungsreise durch Italien begeben, als Finale überreichte ihnen der österreichische Botschafter Giacomo Conte Durazzo, den sie zuvor mit den Ankäufen beauftragt hatten, das Konvolut. Zugleich schrieb er ihnen in einer Gründungsurkunde die Ordnungsprinzipien für die künftige Sammlung nieder, die enzyklopädischen Ansprüchen genügen, die Schulen der Niederländer, Italiener, Deutschen möglichst vollständig umfassen sollte. Genau genommen müsste die Albertina mit diesem Datum ihr 250-jähriges Jubiläum also erst in zwölf Jahren feiern. Aber die Liebesgeschichte von „Mimi“ und „Berti“ geht dem Besucher eben mehr zu Herzen als ein Gründungsdokument, mag es mit noch so vielen Schnörkeln gestaltet sein.

Albert und Marie-Christine kaufen ein, dass es eine Wonne ist, am liebsten en bloc. Ihr Wohnsitz bei Brüssel bringt sie in Kontakt mit den besten Händlern in Paris und Amsterdam. Der größte Coup aber gelingt ihnen mit der Erwerbung des Handzeichnungenbestands der kaiserlichen Bibliothek, in der sich auch die Zeichnungen Albrecht Dürers befinden, der berühmte Hase, die „Betenden Hände“. Ein kleines Wunder der Zeichenkunst ist auch das abgeschlagene Flügelchen einer Blauracke, dessen Federn in allen Schattierungen von Violett bis Türkis schimmern, seitlich trieft noch tiefrot das Blut. Der Hase aber begründete den Ruhm der Sammlung und verschlägt bis heute den Atem, wie er da in einer Momentaufnahme sitzt, die Ohren gespitzt, die Lider gesenkt, jedes Haar einzeln mit einem Lichtreflex zum Glänzen gebracht.

Das berühmteste Blatt der Kollektion. Dürers Aquarell „Der Feldhase“, 1502.
Das berühmteste Blatt der Kollektion. Dürers Aquarell „Der Feldhase“, 1502.Foto: Museum

So wie Albert Luxus und Aufklärung problemlos vereinbaren konnte, bestand für ihn auch zwischen den braven Genrebildern der Niederländer und den prickelnden Galanterien eines François Boucher keine Hürde. Die Ausstellung fasst die einzelnen Schulen in eigenen Räumen zusammen, jeder Saal eine eigene Ausstellung, allesamt Spitzenblätter. Der Betrachter begibt sich auf einen Höhenflug von Rembrandt zu Goltzius weiter zu Canaletto und Lorrain, streift Watteau und Fragonard, um zu den „Maîtres modernes“ zu gelangen.

Über den kapitalen Blättern gelangt leicht in Vergessenheit, dass Albert in seinen späten Jahren mit Vorliebe Zeitgenossen erwarb. Darunter befand sich auch ein Caspar David Friedrich. In seinem Blatt streift das milde Licht des aufgehenden Mondes eine Landschaft, die aus der Zeit gefallen scheint. So mag es auch dem hochbetagten Connaisseur vorgekommen sein, als letzter Zeuge des Ancien Régime, in dessen Sammlung sich Vergangenheit und Gegenwart verbinden.

Albertina, Wien, bis 29. 6.; Katalog 29 / 39 €.

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