26. Filmfestival Cottbus : Planet Familie

Fantasiewelten, Handgranaten und Tito in der Badehose: Eindrücke vom Festival des osteuropäischen Films in Cottbus.

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Hajdu Szabolcs (2. v. l.) drehte "Ernelláék Farkaséknál - Is's not the Time of my Life" in seiner Wohnung.
Hajdu Szabolcs (2. v. l.) drehte "Ernelláék Farkaséknál - Is's not the Time of my Life" in seiner Wohnung.Foto: Cottbus Filmfestival

Oleg Senzow – zweimal fällt der Name des ukrainischen Regisseurs bei der Eröffnung des 26. Filmfestivals Cottbus im prachtvollen Staatstheater. Zwei Jahre ist es her, dass er wegen angeblicher antirussischer Terroraktivitäten inhaftiert und später in einem politisch motivierten Prozess zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Sowohl Bernd Buder, Programmleiter des Festivals, als auch Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin der Filmförderung des Medienboards Berlin-Brandenburg, erinnern an sein Schicksal. „Wir sehen das, wir schauen hin“, sagt Niehuus und meint damit nicht nur die Behandlung des Regisseurs von der Krim, sondern auch die verstörenden Entwicklungen in anderen osteuropäischen Ländern.
Weiter hinsehen, weiter reden, nicht vergessen – das sind wichtige Funktionen von Filmfestivals. Zumal in einer Zeit, in der sich das Krisen- und Katastrophenkarussell immer schneller zu drehen scheint und ein vor zwei Jahren noch sehr nah erscheinender Konflikt wie der in der Ost-Ukraine hierzulande an den Rand der Wahrnehmung gedrängt wurde. Es ist daher ein starkes Statement, dass als erstes Werk des aus vier Kurzfilmen bestehenden Eröffnungsprogramms beim Festival des osteuropäischen Films in Cottbus „Komm zurück“ des ukrainischen Regisseurs Andriy Kyryllov gezeigt wird.

Ist die Granate echt oder ist sie ein Fantasieprodukt?

Es sind fünf poetisch-pathetische Minuten, in denen sich eine aus dem Off sprechende Frau nach ihrem Geliebten, einem Soldat, sehnt. Sie erinnert sich an den gemeinsamen Alltag, helle Bilder aus ihrer Wohnung sind zu sehen, kurz auch eine ukrainische Flagge. Gegengeschnitten mit einem Mann in Uniform, der offenbar unweit ihrer Hochhaussiedlung auf der Straße steht. Die Frau wird ihn am Ende umarmen, doch er sieht nicht glücklich aus. Und er hält eine Handgranate in der Hand.

Eine solche Granate – als hätte der Soldat sie hinübergeworfen – ist auch am Ende des anschließenden 20-Minüters „Family Offline“ von Georgiy Porotov vor. In diesem russischen Schwarz-Weiß- Film explodiert sie ebenfalls nicht, regt aber um so stärker die Publikumsfantasie an: Ist sie echt oder nur ein Produkt der Einbildung des kleinen computerspielverrückten Kyrill, der bei einem Familienausflug ohne Tablet auskommen muss und stattdessen von seinen Eltern zum Spielen in den Wald geschickt wird? Hat er dort wirklich eine Schießerei von Gangstern beobachtet oder sich, inspiriert von seinen digitalen Abenteuern, etwas zusammenfantasiert?

Knapp 200 Filme aus 45 Länder

Das Spiel mit Wahrheit und Fantasie, bis hin zum Verwischen von Genregrenzen war auch im Wettbewerbsprogramm des Cottbuser Festivals, auf dem in der vergangenen Woche insgesamt knapp 200 Filme aus 45 Ländern gezeigt wurden, ein wiederkehrendes Motiv. Das virtuoseste Verwirrspiel zeigte der slowenische Regisseur Žiga Virc mit „Houston, we have a Problem!“, den er selbst als „Doku-Fiction“ beschreibt. Mit viel großartigem Archivmaterial (Tito in Badehose, Tito grüßt die Amerikaner) und angeblichen Zeitzeugen spinnt er an dem Mythos, es habe ein jugoslawisches Raumfahrtprogramm gegeben. Dass die Nasa es gekauft haben könnte, erscheint zwar höchst unwahrscheinlich, aber weil Slavoj Žižek in seinem unnachahmlich emphatischen Englisch immer wieder Erklärungen über die Wirkmacht des Glaubens als strukturierende Kraft unserer sozialen Realität abgibt, lässt man sich gern mal für eineinhalb Stunden auf den bunten Fakten- und Fiktionenmix ein.

Im Siegerfilm wächst einer Frau ein Schwanz

Sinn fürs Surreale kann auch bei „Zoologiya – Zoologie“ des russischen Regisseurs Ivan I. Tverdovskiy nicht schaden. Hier steht eine Frau im Mittelpunkt, an deren Rückgrat plötzlich ein Schwanz wächst. Die unverheiratete Mittfünfzigerin Natasha (Natalia Pavlenkova), die in der Verwaltung eines Zoos arbeitet und mit ihrer Mutter zusammen wohnt, sucht vergeblich medizinischen und kirchlichen Rat.

Natalia Pavlenkova als Natasha in "Zoologiya". 
Natalia Pavlenkova als Natasha in "Zoologiya". Foto: Cottbus Filmfestival

Ganz ähnlich wie bei seinem 2014 in Cottbus mit dem Hauptpreis ausgezeichneten Debüt „Lenas Klasse“ erzählt Tverdovskiy, der auch das Drehbuch für „Zoologiya“ schrieb, wieder mit viel Empathie und Humor von einer Außenseiterin. Das sah auch die fünfköpfige Jury um die serbische Schauspielerin Mirjana Karanović so und zeichnete „Zoologiya“ mit der Lubina für den besten Film aus. Der Preis ist mit 25000 Euro dotiert. „In einer starken Metapher erzählt uns der Film eine originelle und emotionale Geschichte über Einsamkeit, Liebe, Hoffnung und Lebenswillen in einer Gesellschaft voller Bigotterie, Vorurteile und Gefühllosigkeit“, heißt es in der treffenden Begründung.

Der Maler und sein Sohn

Die beiden Spielfilme des 1988 geborenen Ivan I. Tverdovskiy sind Beispiele dafür, dass mit staatlicher Förderung in Russland durchaus gesellschaftskritische Werke entstehen können. Wie sich in Polen die Regierungsübernahme durch die nationalkonservative PiS-Partei auf die dortige Filmblüte („Ida“, „Body“, „Dibbuk“) auswirken wird, ist noch nicht recht absehbar. Dass nun auch plump die Geschichte im Sinne von Kaczyński umdeutende Werke wie „Smolensk“ in die Kinos kommen, verheißt zwar wenig Gutes. Es ist aber zu hoffen, dass daneben weiterhin Filme wie „Ostatnia rodzina – The Last Family“ von Jan P. Matuszyński entstehen können.

Größtenteils vor der PiS-Regierungsübernahme produziert, porträtiert er die Familie des Malers Zdzisław Beksiński (Andrzej Seweryn), der genau wie sein Sohn, der Radiomoderator und Übersetzer Tomasz Beksiński (Dawid Ogrodnik), in Polen sehr bekannt war. Regisseur Matuszyński hat jedoch kein Bio-Pic gedreht, sondern konzentriert sich komplett auf die innerfamiliäre Dynamik und bewegt sich mit der Kamera nie außerhalb der Warschauer Hochhaussiedlung, in die die Familie 1977 zieht. So schafft er ein ungewöhnlich intensives, anrührendes Gruppenporträt, bei dem der Fall des Eisernen Vorhangs kein Mal erwähnt wird. Denn auf dem Beksiński-Planet herrscht eine eigene Zeitrechnung, nur die Musik und die technischen Geräte verdeutlichen, in welchem Jahrzehnt er gerade kreist.

Rückzug in eine private Parallelwelt

Eine noch stärkere Fokussierung auf eine Familie und eine Wohnung betreibt Regisseur und Schauspieler Szabolcs Hajdu in „Ernelláék Farkaséknál – It’s not the Time of my Life“, der in Cottbus mit dem Spezialpreis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Der vollständig in der schönen Altbauwohnung des Regisseurs gedrehte Film wirkt ein wenig wie eine ungarische Variation auf Polanskis Yasmina-Reza-Adaption „Gott des Gemetzels“. Zwei Paare – die Frauen sind Schwestern – und ihre Kinder sitzen zusammen, trinken, streiten und finden wieder zusammen. So ähnlich könnte das auch in einer Mittelschichtfamilie in Deutschland oder Frankreich aussehen. Dass draußen Orbán regiert, spielt in „Ernelláék Farkaséknál“ keine Rolle. Und wenn die erwachsenen Familienmitglieder gerade besonders tief in ihren Konflikten stecken, setzen die Kids ihnen einfach Masken auf und führen ein Theaterstück auf. Auszeit in der Fantasiewelt – funktioniert weltweit.

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