Kultur : "2raumwohnung": "Eine Wohnung kann dein Freund sein"

Frau Humpe[Sie leben seit 25 Jahren mit Unterbrec]

Eigentlich waren es nur 40 Sekunden in einer Zigarettenreklame. Doch die Musik im Spot ließ die Hörer nicht ruhen. Und so kam alles heraus: Urheber des lässig-verschlonzten Liedes "Wir trafen uns in einem Garten" war ein Duo mit dem Namen "2raumwohnung", das den Song dann auf Zigarettenlänge ausdehnte und damit den Sommerhit des letzten Jahres landete. "2raumwohnung" sind Inga Humpe und Tommi Eckart. Inga Humpe zog schon mit den "Neonbabies" und "DÖF" alle Register deutschsprachiger Pop-Musik und betreute mit ihrer Schwester Annette ("Ideal") internationale Produktionen unter anderem mit den Pet Shop Boys, Kylie Minogue oder Marc Almond. Tommi Eckart komponierte neben seiner Arbeit mit Andreas Dorau Filmmusik, unter anderem für "Tatort".

Frau Humpe, Sie leben seit 25 Jahren mit Unterbrechungen in Berlin. Wo haben Sie überall gewohnt?

HUMPE: Angefangen habe ich in der Ziethenstraße in Schöneberg. Von da aus bin ich in die Pallasstraße gezogen, also die gleiche Ecke. Damals war der uralte "Dschungel" am Winterfeldtplatz, bevor der dann in die Nürnberger Straße zog. Da traf man schon mal David Bowie und Iggy Pop. Die haben wir natürlich ignoriert. Das wäre uncool gewesen sich hinzustellen und zu sagen: "Hallo, bist Du Iggy Pop?" Zum Einstieg in Berlin war die Gegend perfekt.

Waren Sie noch da, als später am Winterfeldtplatz der Häuserkampf begann?

HUMPE: Da war ich auch dabei. Ich wohnte allerdings schon in Wilmersdorf, in der Duisburger Straße. Von da bin ich in die Seesenheimer nach Charlottenburg, in die Keithstraße und dann in die Knesebeckstraße. Dort bin ich 13 Jahre geblieben. Und dann ging es weiter in die Bamberger Straße und nach Kreuzberg in die Pfuelstraße. Von Kreuzberg nach Mitte.

Tommi Eckart und Sie sind nicht nur musikalisch ein Paar. Sie wohnen zusammen. Entsteht Ihre Musik in einer Zweiraumwohnung?

ECKART: Der Zusammenhang zur 2-Raumwohnung ist eigentlich nur der, dass jeder Raum für jeweils einen Menschen steht. Hier sitzen jetzt also Raum 1 und Raum 2. Mein Studio war schon immer im Osten. Ich bin in Berlin geboren und habe lange in München gelebt. Ich kam 1989 nach Berlin zurück, zwei Wochen bevor die Mauer aufging. Im Westen gab das damals chronisch keine Wohnungen. Während der achtziger Jahre war es im Westen extrem schwierig, etwas zu finden. Ich bin dann in ein möbliertes Zimmer in der Invalidenstraße gezogen, hatte immer Westgeld und Ostgeld in der Tasche. Telefonieren im Westen, Tanken im Osten. Das war für mich das erste Mal, dass ich im Ausland wohnte.

Auch ihr Band-Name klingt etwas ostig. Im Westen hätte man wohl eher gesagt: "Ne Zweizimmrige".

HUMPE: Das Wort Raum ist viel poetischer.

ECKART: Wir haben den Osten mit Freude erlebt und genossen und fühlten uns willkommen. Für mich war damals der Studioraum viel wichtiger als der Wohnraum. Eine Weile hatte ich mit Freunden am Prenzlauer Berg ein ganzes Hinterhaus gemietet. Das war etwa 1992. Wir waren in Besetzerstimmung, aber da gab es schon nichts mehr zu besetzen. Dann fanden wir das Hinterhaus, für drei Mark den Quadratmeter. Da gab es einen schallgeschützten Raum, von dem meine Freunde immer behaupteten, es sei ein Abhörraum der Stasi gewesen. Dort konnte man einfach das Equipment reinstellen und sofort mit voller Lautstärke loslegen. Den eigentlichen Abhörraum fanden wir

später: Über unserem Studio lag eine Unmenge von Kabeln, die zum Abhören einer Adventisten-Gemeinde gedient hatten.

Was war Ihr prägendstes Erlebnis im Zusammenhang mit Wohnraumverteilung?

HUMPE: Mein Schlimmstes war, das ich mal aus einer Wohnung rausgeflogen bin, weil ich mich gezankt hatte.

Aus einer WG?

HUMPE: Ne, aus einer Zweierbeziehungswohnung. Dann stand ich nackt, ohne Schlüssel im Flur in der Seesenheimer Straße und wurde nicht mehr reingelassen. Ich hatte damals einen cholerischen Freund. Der schmiss auch immer Sachen aus dem Fenster. Meine Sachen. Ich meide diese Straße heute noch. Die Wohnung war eigentlich ganz schön, aber das war meine schlimmste Zeit.

Leiden Sie seitdem an einem Seesenheimer Trauma?

HUMPE: Ich finde die ganze Gegend an der Deutschen Oper ätzend. Auch diese schreckliche Fußgängerzone. Die Wilmersdorfer Straße ist Stein gewordene Depression.

Hatten Sie schöne Erlebnisse mit Maklern oder haben Sie mal Abstand für eine abgelatschte Auslegeware bezahlt?

HUMPE: Ich habe alle Wohnungen ohne Makler gefunden.

Tatsächlich?

HUMPE: Ja, logo.

Haben Sie mit einem Siegerlächeln 5000 Mark rübergeschoben?

HUMPE: Überhaupt nicht. Ich habe einfach einen guten Instinkt für Wohnungen. Ich glaube, ich war in meinem früheren Leben Immobilienhändlerin.

Wem würden Sie eine Wohnung vermieten?

HUMPE: Meinen Freunden. Oder ganz spontan und rein gefühlsmäßig, jemanden sehen und sofort entscheiden. Ich selbst hatte immer Glück und super Wohnungen. Grandiose Altbauten, von denen meine Besucher weinend nach Hause schrieben: ich will hier bleiben.

Sie haben nie über Zeitungs-Annoncen gesucht?

HUMPE: Nein, das kann man vergessen. Trotzdem studiere ich heute noch die Inserate. Das ist meine Lieblingsbeschäftigung am Samstag. Den Markt beobachten. Das interessiert mich einfach. Ich muss mich regelrecht zurückhalten, wenn ich lese "Besichtigung am Sonntag", dass ich da nicht hinrenne.

Ab welcher Größe besichtigen Sie?

HUMPE: Alles. Ich gucke mir auch gern Einraumwohnungen an. Man sieht ja tolle Sachen. Wie die zum Teil verbaut sind. Oder auch unglaublich schön: mit verwinkelten Stufen und so weiter.

Sie haben Ihr Studio in der Wohnung. Brauchen Sie viel Platz? Oder haben sie schlankes Equipment?

ECKART: Das Equipment ist mittlerweile schlank: in erster Linie ein fetter Computer. Sonst steht da nicht viel drin. Nicht so wie in der klassischen Vorstellung mit meterweise Mischpult. Unser Studio heißt Appartment 1. Das ist ein kleines Appartment in der Wohnung. Wir wohnen in Appartment 2, sozusagen in der Hausmeisterwohnung darunter.

Sie wohnen also zweigeschossig. Mit Wendeltreppe?

HUMPE: Nicht Wendel, aber Treppe.

Zur Miete oder gekauft?

HUMPE: Wir mieten nicht mehr. Wir leben nach der alten kommunistischen Regel: Produktionsmittel und Räume müssen in der eigenen Hand bleiben.

Bei den Produktionsmitteln ist das vergleichsweise einfach. Sie haben vermutlich auch keine Schwierigkeiten mit den Nachbarn.

HUMPE: Wir haben überaus reizende Nachbarn, die selbst Musiker sind. Hier im Osten sind die Leute außerdem toleranter. Die Westkultur in einem großen Haus kann ja nerven, wenn alle sich gegenseitig reglementieren.

ECKART: Im Osten wird eher die Einheit gesucht. Mit seinen Nachbarn versucht man in Frieden zu leben, statt ihn als den Nächste-Wand-Konkurrenten und Lebenseingreifer wahrzunehmen. Es gibt auch nicht so eine Beschwerde-Kultur wie im Westen. Und auch keine schwäbische Kehrwoche.

Mit dem Lied "Wir trafen uns in einem Garten" haben Sie einen Ost-Sound getroffen. Haben Sie schon mit diesem Gefühl gelebt oder mussten Sie gezielt danach suchen?

HUMPE: Das ist ein schönes Kompliment: "Den Ost-Sound getroffen". Weil den gibt es ja eigentlich nicht. Wir haben versucht, uns vorzustellen, wie sich das für jemanden anhören würde der jetzt ganz jung ist. Ich lasse mich da auch gerne von Hollaender-Texten inspirieren, oder Heine oder Tucholsky.

Der Garten-Hit ist ursprünglich für eine Zigarettenreklame entstanden und Sie wollten sich nicht als Urheber zu erkennen geben.

HUMPE: Wir hatten auch nicht vor, jetzt wieder soviel auf Deutsch zu machen. Aber die Nachfrage war so groß. Und wir bemerkten ein großes Interesse an deutschsprachiger Popmusik jenseits von HipHop.

ECKART: Bei dem Projekt davor, es hieß "Institute of Love", haben wir auch inkognito gearbeitet. Es bringt einen ungeheuren Reiz: Das Gefühl, man kann in die verschiedensten Formen hineinschlüpfen, ohne dass man gleich gefragt wird: "Wie war denn das in den Achtzigern mit DÖF und Andreas Dorau"? Diesem Sachzusammenhang entziehen wir uns gern. Entweder man zeigt sich nicht wie die Residents oder setzt sich Masken auf wie Daft Punk - und macht es damit zur Selbstdarstellungsform - aber das wird irgendwann auch anstrengend.

Da ist es einfacher, mal den Namen am Klingelschild auszutauschen.

HUMPE: Der Name steht eh nicht dran. Wo wir gerade beim Thema sind: Ich lese hier etwas von Byun Chul-Han über Martin Heidegger: Wohnen kommt von altsächsisch "wunon". Diese Ausdrücke gehen auf den indogermanischen Stamm "wen" zurück. "Wen" bedeutet auch "gernhaben", "lieben" oder "wünschen". "Weni" bedeutet: Freund oder Geliebter. Soweit Heidegger über das Wohnen und Mitwohnen.

Deine Wohnung ist dein Freund?

HUMPE: Genau.

0 Kommentare

Neuester Kommentar