3-D-Filme : Die riesengroße Illusion

Vier 3-D-Filme liefen auf dem Festival. Die dritte Dimension öffnet der Filmkunst Türen in die Zukunft, hat "Pina"-Regisseur Wenders gesagt. Über die Lust am Spektakel und die Tücken der Technik.

Julian Hanich

Die Debatte über die Ästhetik des 3-D-Kinos geht in eine neue Runde. So viel ist sicher nach den vier 3-D-Filmen der Berlinale – nach „Les contes de la nuit“, „The Mortician“, „Cave of Forgotten Dreams“ und „Pina“. Dabei hatte Roger Ebert, einer der meinungsführenden Filmkritiker in den USA, erst kürzlich wütende Argumentationssalven gegen die 3-D-Technologie abgefeuert und die Debatte kurzerhand für tot erklärt: „Case closed“. Aber so schnell geht’s dann doch nicht.

Die vier Berlinale-Filme zeigen, dass 3-D nicht zum Prinzipienstreit taugt. Die dritte Dimension öffnet der Filmkunst Türen in die Zukunft, hat „Pina“-Regisseur Wenders gesagt. Aber manchmal stiehlt sie dem Film auch etwas – dann ist mehr schlicht weniger. Vor allem konnte man auf dem Festival sehen, wie sich 3-D in den unterschiedlichen Genres macht, nicht nur in Action- und Fantasyproduktionen im Stile von „Tron Legacy“ und „Avatar“, die visuell überwältigen wollen. 3-D auf der Berlinale, das war Animation, Dokumentation und Independent-Thriller.

Michel Ocelots arg niedlicher Wettbewerbsbeitrag „Les contes de la nuit“ fällt ebenfalls in die Kategorie Bilderrausch. 3-D verstärkt hier die psychedelische Wirkung der knallig leuchtenden Berg- und Unterweltlandschaften. Die dritte Dimension steigert zudem den Immersionseffekt, das Eintauchen in eine fremde Märchenwelt. Ocelot nutzt die Technik außerdem zu einer netten grafischen Pointe: Durch den Kontrast zwischen flachen Scherenschnittfiguren und der dreidimensionalen Tiefenstaffelung gewinnt er den Bildern einen ungewöhnlichen Charme ab.

Anders sieht die Sache bei „The Mortician“ im Panorama aus. Gareth Maxwell Roberts’ strapaziöser Thriller über einen Bestatter führt vor Augen, was die 3-D-Gegner zur Weißglut bringt. Die Bilder sind bis zur Unkenntlichkeit verdunkelt. Bei schnellen Kamerabewegungen verwischen die Konturen. Gleichzeitig wirken die Figuren wie jene flachen Pappkameraden, die in Videotheken zu Werbezwecken herumstehen. Und: Gegenstände im Vordergrund erwecken den Eindruck, als hätte jemand versehentlich etwas vor den Projektor gestellt. Noch merkwürdiger wird es, wenn Roberts Hinterhöfe zeigt, in denen sich nichts bewegt. Plötzlich scheint das Bewegtbild zum Foto erstarrt – wie in einer der hochartifiziellen Fotografien von Thomas Demand. Eine unfreiwillige Irrealisierung. 3–D steckt hier noch in den Kinderschuhen.

Die pragmatischste Einstellung hat Großmeister Werner Herzog. In seinem Dokumentarfilm „Cave of Forgotten Dreams“ nutzt er 3-D, um dem Publikum Zutritt zu einem Ort zu ermöglichen, der ihm anders kaum zugänglich sein wird – die Höhlen von Chauvet. Die prähistorischen Malereien dort sind nicht flach, sondern in Nischen und auf Felswölbungen gemalt, was im plastischen 3-D überhaupt erst sichtbar wird. Fotos oder klassische Filme vermitteln das nicht. Doch auch hier das Problem mit Menschen im Bildvordergrund, mit schwindel- und kopfschmerzerregenden Szenen. Herzog will 3-D fürs Erste wieder ad acta legen – weil bei anderen Projekten zu viele Nachteile entstehen.

Wim Wenders, Herzogs Autorenfilmkollege, lässt sich von den Tücken der Technik nicht abschrecken. In seinen Tanzfilm „Pina“ ahnt man warum. Seinem Kameramann, sprich: Stereografen Alain Derobe ist es gelungen, das Problem mit dem Stroboskop-Effekt bei schneller Bewegung zu lösen. Wenders freut sich über den Zugewinn an räumlichem Realismus und darüber, dass sein Film das vergängliche Medium Tanz so wirklichkeitsnah wie möglich konserviert. Durch 3-D sähe man nicht mehr auf die Leinwand, sondern durch sie hindurch: wie durch ein Fenster auf die wirkliche Welt. So wird der Zuschauer nicht einfach Zaungast der Tanzstücke von Pina Bausch, sondern erlebt auch das Kino neu. „Pina“ ist weniger ein Tanzfilm als ein Filmtanz.

3-D bedeutet ja nicht, dass tatsächlich ein realer Raum entsteht; auch 3-D ist immer noch fake. Die Technik vergrößert lediglich die künstliche Raumillusion des Kinos. Was auch Probleme mit sich bringt: Selbst bei „Pina“ geht das Gefühl für die Raumtiefe verloren: Vor allem wenn Tänzer im Vorder- und im Hintergrund agieren, scheint der Mittelgrund wie weggesaugt. 3-D verhält sich zu 2-D wie das Relief zum Gemälde. Hier liegt die Herausforderung: den Raum künstlerisch zu füllen – was Wenders hervorragend gelingt. Bloß dem Verkleinerungseffekt weiß auch Wenders noch nichts entgegenzusetzen: Wer die Brille aufsetzt, für den schrumpft das Sichtfeld erheblich.

Letzte Erkenntnis der 3-D-Berlinale: Die Untertitel sind häufig ein Problem. Da sie gewissermaßen vor dem Bild schweben, irritieren sie stärker als sonst. Und es entsteht eine zusätzliche, nicht beabsichtigte Tiefenstaffelung. Aber wer an den kreativen Umgang mit den Zwischentiteln im expressionistischen Stummfilm zurückdenkt, weiß: Not macht erfinderisch – auch in der Filmkunst.

Werner Herzog bleibt pragmatisch, Wim Wenders kommt ins Schwärmen

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