3-D : In der Dritten sieht man besser

Der Kinotrend der letzten Jahre ist nicht neu: Schon um 1900 gehörten 3D-Fotos zum Alltag. Mit der Digitaltechnik erobert die Stereoskopie nun erneut die Wohn- und Kinderzimmer. Bei Berlinale steht die dritte Dimension einen ganzen Tag lang im Mittelpunkt.

von
Keine Angst vor Kopfschmerzen. Lange fristete die 3-D-Technik ein Schattendasein - jetzt ist sie ein Publikumsrenner.
Keine Angst vor Kopfschmerzen. Lange fristete die 3-D-Technik ein Schattendasein - jetzt ist sie ein Publikumsrenner.Foto: ddp

Die Brillen liegen bereit - am ersten Festivalsonntag stoßen die Filmfestspiele in die dritte Dimension vor. Im Berlinale-Palast laufen 3-D-Produktionen, allen voran Wim Wenders' Tanzfilm "Pina" über die 2009 verstorbene Choreografin Pina Bausch. Das Sujet ist glücklich gewählt: Tanz gehört - wie Fechten oder Boxen - zu den räumlichen Ereignissen, die in 3-D-Aufnahmen besonders gut zur Geltung kommen.

Dabei hat 3-D sich als neues Blockbusterformat etabliert. Von vier Produktionen, die allein die deutsche Filmgesellschaft Constantin 2010 in die Kinos brachte, erreichten drei rasch über eine Million Zuschauer: der Tanzfilm "Step Up 3-D", der Actionfilm "Resident Evil: Afterlife 3-D" und der Animationsfilm "Konferenz der Tiere". In diesem Jahr folgt mit "Die drei Musketiere" in 3-D eine in Bayern und Babelsberg gedrehte Großproduktion, besetzt mit internationalen Stars wie Orlando Bloom, Milla Jovovich und Christoph Waltz. Der Massenerfolg mit 3-D-Produktionen ist planbar geworden. Das Kinopublikum gewöhnt sich dran, eine grau getönte Brille aufzusetzen, und es verliert die Furcht, das Kino mit Kopfschmerzen zu verlassen. Das zeigte nicht zuletzt James Camerons "Avatar": Das Science-Fiction-Märchen auf dem avanciertesten Stand der Technik hat inklusive Marketing 400 Millionen Doller verschlungen, aber bisher 2,7 Milliarden eingespielt. Seither herrscht Goldgräberstimmung in der Kino- und Unterhaltungsbranche.

Die enorm gesteigerte Bildqualität ist eine Nebenrendite der weltweiten Umstellung der Kinoindustrie auf digitale Produktion und Vertrieb. Die Digitaltechnik ermöglicht eine weit bessere Auflösung und Synchronisation der für den 3-D-Effekt benötigten Bildpaare für das rechte und linke Auge. Allerdings kostet die technische Aufrüstung eines Kinosaals um die 100.000 Euro. Diese Investition rechnet sich nur, wenn die Betreiber optisch etwas bieten können, wozu andere Anbieter auf dem Medienmarkt bisher nicht in der Lage sind.

Die wachsende Nachfrage nach 3-D-Produktionen zeigt sich vor allem auf dem European Film Market der Berlinale, wo etwa 40 Vorführungen von 3-D-Filmen vor Fachleuten geplant sind. Das große Publikum bekommt im Wettbewerb nur einen Märchentrickfilm von Michel Ocelot ("Les contes de la nuit") zu Gesicht: Spezialitätenkino ohne direkte Vergleichsmöglichkeit mit den übrigen Wettbewerbern. In diese Kategorie gehört auch die Sondervorführung von Werner Herzogs Dokumentarfilm "Cave of Forgotten Dreams". Mit 3-D-Kameras ist er in die sonst nur für wenige Archäologen zugänglichen Chauvet-Höhlen in Südfrankreich hinabgestiegen, wo 1994 die ältesten bekannten Höhlenmalereien und Fußspuren von Menschen entdeckt wurden. Das enge Labyrinth ist ein besonders dankbares Sujet fürs 3-D-Format, allein die Unzugänglichkeit der Schauplätze legitimiert einen solchen Film.

Stereoskopische Bilderreisen an unerreichbare Orte waren schon vor der Erfindung des Kinos ein Publikumsmagnet. Vor hundert Jahren gehörten Stereoskope, mit denen fotografierte Bildpaare von Prominenten oder exotischen Sehenswürdigkeiten betrachtet wurden, so selbstverständlich zur Ausstattung bürgerlicher Haushalte wie später Diaprojektoren und Digitalkameras. In Deutschland zogen seit 1880 die "Kaiserpanoramen" des Unternehmers August Fuhrmann die Schaulustigen in ihren Bann: In einem Zylinder mit 25 Sitzplätzen rundum zirkulierten je 50 Bildpaare von fernen Ländern, ersten Motorflügen, Erdbeben oder königlichen Hochzeiten. Hinter den kolorierten Glasplatten brannte ein Gaslicht und verstärkte die stereoskopische Illusion.

Das war der Ort, schrieb Walter Benjamin, "wo im Innern die Kinder mit dem Erdball Freundschaft schlossen, von dessen Kreisen der erfreulichste - der schönste bilderreichste Meridian - sich durch das Kaiserpanorama zog." Später komponierte Benjamin viele seiner Texte wie Bildfolgen in den Kaiserpanoramen.

Bis zu 250 Filialen in ganz Mitteleuropa belieferte die Berliner Zentrale an der Friedrichstraße mit immer neuen Fotoserien. Im Märkischen Museum, Deutschen Historischen Museum und Technikmuseum sind heute noch drei Exemplare in Betrieb. Erst das Aufkommen des Kinos verdrängte die Stereoskopie. Die Faszination durch bewegte Bilder war stärker als das Verlangen nach räumlicher Illusion.

Es fehlte nicht an Experimenten, beides miteinander zu verbinden. 1922 wurde ein erster 3-D-Langfilm fertig ("The Power Of Love"), 1936 ein italienischer Tonfilm ("Nozze vagabonde") und 1937 der erste 3-D-Farbfilm in Deutschland ("Zum Greifen nah"). In den Fünfzigern wollte die Kinoindustrie schon einmal 3-D als neues Kinoformat durchsetzen, insbesondere um der wachsenden Konkurrenz durch das Fernsehen Paroli zu bieten. So drängte der Filmkonzern Warner Bros. den Regisseur Alfred Hitchcock, seinen Thriller "Bei Anruf Mord" in 3-D-Technik zu drehen. Doch als der Film 1954 fertig war, hatte sich die 3-D-Euphorie schon soweit gelegt, dass er zumindest in Europa nur ganz konventionell in 2-D zu sehen war.

"Bei Anruf Mord" wurde bereits im Polarisationsverfahren gedreht, das eine farbechte 3-D-Illusion ermöglicht und für neuere Filme wie "Avatar" verfeinert wurde. Die Bilder für das rechte und linke Auge werden dabei nicht durch rot-grüne Farbfilter in einer Brille auseinander sortiert wie beim älteren Anaglyphenverfahren, sondern durch graue Polfilter. Man braucht außerdem eine Spezialleinwand mit Metallbeschichtung und einen Projektor für polarisiertes Licht, das in zwei verschiedenen Ebenen schwingt. Die kostspielige Umrüstung aller Säle war in den Fünfzigern nicht durchsetzbar. Deshalb blieben 3-D-Filme bis vor wenigen Jahren ein Nischenprodukt für wenige Spezialkinos. Inzwischen verfügen gut 20 Prozent der deutschen Kinos über digitale Projektion, damit haben 3-D-Filme ähnlich gute Vertriebschancen wie 2-D-Produktionen.

Die Weiterverwertung auf DVD oder im Fernsehen spielt derzeit keine große Rolle, dazu stehen acht Monate nach der Markteinführung zu wenige 3-D-Fernseher in den Haushalten, aber das wird sich ändern: Da die Deutschen im Schnitt alle fünf Jahre einen neuen Fernseher kaufen, wird es nicht ewig dauern, bis 3-D-Sendungen und Bluerays von einem Massenpublikum angeschaut werden können. Wer jetzt 3-D-Filme produziert, kann mit diesem Zukunftsmarkt kalkulieren.

Zu den neuen 3-D-Pionieren gehören auch die Berliner Philharmoniker. Bei ihrer jüngsten Asientournee hatte sie sechs 3-D-Kamerasets mit im Gepäck, noch in diesem Jahr wollen sie den ersten Klassik-Konzertfilm in 3-D in die Kinos bringen. Ein Kurzfilm von einer hemdsärmeligen Orchesterprobe mit Sir Simon Rattle gehörte zu den eindrucksvollsten 3-D-Demonstrationen auf der letzten Funkausstellung. Technisch unterstützt wird das Orchester vom Berliner Heinrich-Hertz-Institut. Auf der Ifa präsentierten die Tüftler eine ganze Reihe von Ideen, um die Bildqualität von 3-D-Übertragungen auch im Fernsehen zu optimieren. Künftige Fernseher sollen optische Verzerrungen und Bildstörungen automatisch korrigieren. Zuschauer können dann die Stärke des 3-D-Effekts an ihre Wünsche anpassen, so wie heute schon Farbe und Helligkeit des Bildschirms. Auch erste Prototypen von Plasmabildschirmen, die ein 3-D-Bild ohne Brille vorspiegeln, gibt es bereits. Im Juni will das Heinrich-Hertz-Institut ein 3-D-Innovationszentrum mit Showroom am Salzufer eröffnen. Unterstützt vom Wirtschaftsministerium sollen sich die Akteure auf dem neuen Markt dort frühzeitig über neue Anwendungen austauschen, damit Berlin seine technologische Spitzenposition behält.

Die Berlinale-Leitung kompensiert den Mangel an ästhetisch überzeugenden 3-D-Filmen, indem sie den ersten Festivalsonntag zum 3-D-Tag im Berlinale-Palast macht. Neben den Filmen von Herzog und Ocelot steht die Welturaufführung von Wim Wenders' erstem 3-D-Film über die Choreografin Pina Bausch auf dem Programm. Vielleicht bekommt das Autorenkino durch "Pina" ja einen ähnlichen Schubs wie das Blockbusterkino durch "Avatar".

3-D-Filme funktionieren anders als das 2-D-Kino, das hundert Jahre lang daran gearbeitet hat, räumliche Tiefe in der Fläche vorzuspiegeln. 3-D-Filme brauchen andere Räume, Kameraeinstellungen, Schnittfolgen: Da gibt es für kreative Regisseure noch viel zu entdecken. Panorama-Programmleiter Wieland Speck hat mit "The Mortician" von Gareth Maxwell Roberts einen einzigen 3-D-Film ins Programm genommen, von dem er sagt, es sei einer der wenigen gelungenen Beispiele dafür, wie man mit 3-D arbeitet.

Egal, wie schnell das Kino umlernt: Die Stereoskopie ist auf dem Weg, wieder etwas ganz Alltägliches zu werden, wie vor der Erfindung des Kinos. Dieses Jahr kommen die ersten Smartphones und Nintendo-Spielkonsolen mit kleinen 3-D-Displays, für die man keine extra Brille braucht, auf den Markt. Rund 400 Computerspiele in 3-D gibt es schon. Die jüngsten User gewöhnen sich schnell daran, durch virtuelle 3-D-Welten zu sausen und dort Gegner zu jagen. Für die nächste Generation werden Stereobilder so selbstverständlich zu den Kindheitserfahrungen gehören wie für den kleinen Walter Benjamin das Kaiserpanorama.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben