Kultur : "3 Engel für Charlie": Drei Dramen vom Grill

Ralph Geisenhanslüke

Der technische Fortschritt ist nicht zu stoppen - vor allem nicht im Kino. Mit Hilfe neuester Verfahren gelingt es zum Beispiel, Leute unsichtbar zu machen ("Hollow Man"), im Gehirn von Psychopathen herum zu spazieren ("The Cell") oder Menschen zu klonen, wie demnächst Schwarzenegger in "The Sixth Day". Da können auch Charlies Engel nicht zurückstehen. Sie wollen verhindern, dass eine Software zur Spracherkennung in falsche Hände gerät, die Benutzer von Mobiltelefonen via Satellit ausfindig macht. Eine "Audio-DNA", wie sie ehrfurchtsvoll feststellen.

High-Tech-Wissen und der korrekte Gebrauch der Handkante sind das Mindeste, was man von zeitgemäßen Heldinnen erwarten darf. Doch auch jede Menge PR setzen Drew Barrymore, Cameron Diaz und Lucy Liu im Kampf gegen die globale Bedrohung ein. Seit Wochen wird das Publikum mit der Behauptung weichgeklopft, die Kino-Version von "3 Engel für Charlie" sei die würdige Umsetzung einer "Kult-Serie". Von solchen Serien erzählen gern Menschen, die Konsumgüter für Kindheitserinnerungen halten. "Brauner Bär"-Eis und Abba-Platten und all das. In diesem Zusammenhang erlangt beinah jeder TV-Schmus Kult-Status, wenn er nur irgendwann in den Siebzigern zum ersten Mal in der Glotze lief. Und in der herbeigeredeten Euphorie werden die drei Originale zu den ersten weiblichen ActionFiguren stilisiert, als hätten nicht lange zuvor Pam Grier und ihre BlaxploitationSchwestern es wesentlich härter besorgt.

Dauerwellenwunder Farah Fawcett stieg schon nach einem Jahr aus. Kate Jackson ein Jahr später - nur Jaclyn Smith, die klassische Kelly, diente die gesamten fünf Jahre der Serie ab. Was momentan bei Kabel 1 im Nachmittagsprogramm läuft, ist ein Aufguss mit der dritten Garnitur von Darstellerinnen.

Die Kino-Fassung nun erweckt den Eindruck, unter weitgehendem Verzicht auf Autoren entstanden zu sein. Doch wurden angeblich nicht weniger als 17 Schreiber verschlissen bei dem Versuch, einen vermeintlichen Mythos mit den Prinzipien zielgruppenübergreifenden Marketings in Einklang zu bringen. Drew Barrymore, Cameron Diaz und Lucy Liu spielen ein übermütiges Kleeblatt, das unter allerhand szenischen Vorwänden Dutzende von Kostümen trägt. Auch nach größeren Explosionen lächeln sie perfekt in die Kamera. Hauptsache, die Frisur hält. Regisseur Joseph McGinty Nichol drehte bislang vornehmlich Video-Clips und Werbespot für Coca Cola. Zwischendurch hat er sich "The Matrix oder "Mission Impossible" angesehen. Möglicherweise hält er seinen Video-Brei für eine Sammlung frecher Zitate.

Besonderen Wert legen die drei Damen vom Grill der Post-Post-Moderne auf die Tatsache, selten Schusswaffen zu benutzen und stattdessen ihre männlichen Feinde manuell unschädlich zu machen. Dieser Riot-Girl-Comic-Humor ist wohl das Amüsanteste in der Kinofassung, die etwas länger dauert als eine Original-Folge mit Werbeunterbrechnungen. Danach kann man die Sonnenbrillen, Jeans und Barbie-Puppen kaufen. Oder den Soundtrack mit den Hits der 70er, 80er und 90er. Von Leo Sayer für die RetroRomantiker bis The Prodigy für den bauchnabel-gepiercten Nachwuchs ist alles dabei. Eine Mischung, die deutlich macht, dass "Kult" in der Sprache der PR-Leute vor allem bedeutet: Merchandising.

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