Kultur : 30 Minuten mit ... der Berliner Polizei

Harald Martenstein wird in die Fahndung nach einem Straftäter verwickelt und will sich erfassen lassen.

Nachdem die letzten Berühmtheiten im Berlinale-Palast verschwunden waren, um den Eröffnungsfilm zu sehen, wollten die Leute, die vor dem Palast standen, nach Hause gehen. Sie wurden von einem Absperrgitter gebremst. Hinter dem Gitter standen Polizisten, so etwa zwanzig. Sie ließen niemanden durch. Ein Polizist sagte: „Wir suchen einen Straftäter.“ Was der Straftäter gemacht habe, dürfe er aus Staatsraison nicht sagen. Zu seinem Kollegen sagte der Polizist: „Der Straftäter trägt Schal und Mütze.“

Eine ganze Weile lang standen sich Polizei und Berlinale-Publikum ratlos gegenüber. Was sollte man jetzt eigentlich machen? Ich bin das Gitter entlanggegangen und stellte fest, dass man problemlos links und rechts an dem Gitter vorbei in die Freiheit spazieren konnte, die meisten anderen taten das auch. An der Absperrung verharrten etwa hundert Menschen, Leute ohne Initiative, sag ich jetzt einfach mal. Die Polizisten fassten einen Entschluss. Sie ließen alle Frauen und Kinder heraus. Es war wie auf der „Titanic“, Frauen und Kinder zuerst. Die verbleibenden etwa vierzig Männer mussten einzeln durch eine kleine Lücke im Gitter, dabei wurden sie gefilmt, nach ihrem Namen wurden sie nicht gefragt. Ich weiß nicht, ob das etwas bringt. Ein Mann schimpfte auf die Polizisten ein, ein Polizist schimpfte zurück, beide schrien gleichzeitig: „Ich verbitte mir diesen Ton!“ Ein sehr großer Mann schrie: „Ich lasse mich nicht erfassen! In Deutschland sollen alle erfasst werden! Ich will Ihre Dienstnummern!“ Er trug Schal und Mütze.

Ein Deeskalierer von der Polizei kam, er redete sanft auf den wütenden Mann ein. Ich stand inzwischen draußen, aber bin zum Spaß noch mal hinter die Absperrung gegangen, ins Gefängnis quasi. Das war total einfach. Dann habe ich mich an der Lücke im Gitter erfassen lassen, ich sagte zu dem großen Mann: „Wenn in Deutschland alle erfasst werden, möchte ich bitte auch erfasst werden, sonst fühle ich mich diskriminiert.“ Die Polizisten und der Mann, beide waren sauer auf mich. Ich glaube nicht, dass in Deutschland ein Polizeistaat droht, die Polizei ist viel zu schusselig dazu.

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