Kultur : 30 Minuten mit … kleinwüchsigen Filmkritikern

Harald Martenstein schaut sich den Film "Mammoth" an und macht anschließend eine interessante Beobachtung.

Ich stand in einer Menschentraube, die aus Filmkritikern bestand. Wir warteten alle vor dem Cinemaxx 7. Ich hatte gerade „Mammoth“ gesehen, ein Globalisierungsmelodram, das ich mochte – im Gegensatz zu den meisten Kritikern. Nach der Vorführung hatte es Buhrufe gegeben. Der Film ist moralisch, antimodern, für Familie, also konservativ. Das wird ideologisch den meisten Kritikern gegen den Strich gehen, dachte ich, aber ich finde es gut, Pathos, es ist endlich mal was anderes. Coolness kann ich nicht mehr sehen. Ich würde gleich den Modebranchenthriller „Rage“ sehen, den ich, wie ich jetzt allerdings noch nicht wusste, grauenhaft finden würde. Out rierte, überagierende Schauspieler in Großaufnahme, das nervt. Ein so grottenschlechter Film mit so guten Darstellern wie Dianne Wiest, Steve Buscemi und Jude Law, das ist ja auch schon fast ein Kunststück. Ich würde, in etwa 20 Minuten, denken, dass man im Zweifel besser solides Handwerk abliefern sollte als ein missglücktes Experiment.

Ich bin genau 1,77 Meter groß, laut Pass. Also, ich bin nicht gerade Danny de Vito. Aber ich bin zweifellos in der Welt von heute eher einer von den Kleineren. Ich schaute mich um. Etwas stimmte nicht. Mein Kopf ragte aus der Menschentraube heraus, größer als ich waren höchstens drei oder vier Männer, und keine Frau, von etwa hundert Leuten. Das hatte ich noch nie erlebt – nein, doch, bei der Berlinale erlebe ich das häufig! Mir wurde plötzlich klar, dass Filmkritiker im Durchschnitt eher klein sind. Es gibt, wie immer, Ausnahmen. Die beiden Filmredakteure des Tagesspiegels sind größer als ich. Aber im Ganzen stimmt es, Kritiker sind im Schnitt kleiner als andere. Sonst würden sie sich in den engen Kinosesseln auf Dauer auch gar nicht wohlfühlen. Sie sind klein.

Ich will das jetzt nicht psychologisch deuten, das wäre ja auch ziemlich platt. Es muss nichts zu bedeuten haben. Es ist nur eine Beobachtung, ein empirischer Befund. Ich schaute umher, ich, ein Leuchtturm der deutschen Kritik, und betrachtete nachdenklich das kritische Gewusel unter mir.

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