Kultur : 300 Jahre Nachhaltigkeit

Zwei Bücher über Leben, Werk und Wirkung des Oberberghauptmanns Hans Carl von Carlowitz.

Stefan Parsch

Der Begriff „nachhaltig“ führte mehr als zweieinhalb Jahrhunderte ein Schattendasein als Fachbegriff in der Forstwirtschaft. Erst in den vergangenen 25 Jahren entwickelte er in der Debatte um Umweltschutz, Grenzen des Wachstums und zukünftige Lebensbedingungen eine enorme Dynamik. Das führte auch dazu, dass verstärkt nach dem Ursprung des Begriffs gesucht wurde.

Das Prinzip der Nachhaltigkeit hat erstmals Hans Carl von Carlowitz (1645–1714) in seinem Buch über die ökonomische Forstwirtschaft, das 1713 veröffentlicht wurde, dargestellt. Aus Anlass des Erscheinens vor 300 Jahren hat die Sächsische Carlowitz-Gesellschaft den Sammelband „Die Erfindung der Nachhaltigkeit“ herausgegeben. Darin wird, so der Untertitel, das „Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz“ nachgezeichnet. Parallel dazu ist eine Neuausgabe von Carlowitz’ Buch „Sylvicultura oeconomica“ erschienen. Anders als der Titel erwarten lässt, ist das Buch auf Deutsch geschrieben. Carlowitz wandte sich an die Landgutbesitzer, die mit der Waldbewirtschaftung befasst waren, nicht an die Gelehrten, die damals noch Latein bevorzugten.

Im ersten Teil des Sammelbands geht es um den historischen Ursprung des Nachhaltigkeitsbegriffs. Ulrich Grober, Autor des Buches „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit“, bietet in seinem Beitrag einen guten Überblick über Carlowitz, sein Werk und dessen Folgen. Die folgenden Aufsätze gehen vom heutigen Begriff aus und spüren seinen historischen Wurzeln nach. Ein weiterer Text rezensiert Carlowitz’ Werk aus heutiger Sicht.

Im zweiten Teil des Bandes setzen sich die Autoren mit Nachhaltigkeit als Leitbild, aber auch als inflationär benutztem Begriff und Kampfargument auseinander. Dieser Teil fasst die politische und wissenschaftliche Diskussion über Nachhaltigkeit der vergangenen 25 Jahre schlaglichtartig zusammen. Der Rechtsphilosoph Felix Ekardt leitet zum Beispiel eine Verpflichtung des Staates und der Politik zur Nachhaltigkeit aus den modernen liberal-demokratischen Verfassungen ab: Die Menschenrechte, schreibt Ekardt, gelten auch für zukünftige Generationen.

Der dritte Teil widmet sich ausführlich der Familiengeschichte derer von Carlowitz. Auch werden die Carlowitz-Gesellschaft und das Freiberger Forum zur nachhaltigen Nutzung der Rohstoffreserven der Erde vorgestellt. Der im Oekom-Verlag erschienene Sammelband ist sicherlich ein verdienstvolles Werk, das einen guten Überblick zu Begriff und Prinzip der Nachhaltigkeit bietet. Allerdings haben die Herausgeber die Themen der einzelnen Aufsätze nicht gut genug abgegrenzt, sodass einige Aspekte immer wieder vorkommen. Die meisten Texte stammen von Wissenschaftlern und sind teilweise etwas mühsam zu lesen. Das wird besonders deutlich im Vergleich zum Beitrag des Journalisten Grober.

Verdienstvoll ist auch die Neuausgabe des Carlowitz-Werks „Sylvicultura oeconomica“ durch Joachim Hamberger. Zwar gab es im Jahr 2000 bereits einen Faksimile-Nachdruck des Originals, doch die Fraktur-Schrift machte das Lesen nicht leicht. Ohnehin stellt sich die Frage, warum man sich ein 300 Jahre altes Werk antun soll, dessen Untertitel „Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“ lautet? Weil es nicht nur das Buch ist, in dem der Nachhaltigkeitsbegriff im heutigen Verständnis erstmals auftaucht (als „nachhaltende Nutzung“), sondern weil das Prinzip, bei der heutigen Bewirtschaftung auch die Interessen zukünftiger Generationen zu berücksichtigen, sich wie ein roter Faden durch das Werk zieht. Als Oberberghauptmann galt seine Sorge sicherlich auch der heimischen Holzwirtschaft und Metallverhüttung, die in großem Maße zum Wohlstand Sachsens beitrugen. Doch immer wieder erwähnt er die nachfolgenden Generationen, etwa als „liebe Posterität“. Damit zeigt er sich in seinem Denken als sehr modern.

Die Neuedition bietet neben einer Einführung in Leben und Werk von Carlowitz’ eine 40-seitige Zusammenfassung des Inhalts. Ergänzt wurden zeitgenössische Kupferstiche, ein Verzeichnis der von Carlowitz zitierten Autoren, ein Glossar der forstwirtschaftlichen Fachausdrücke und ein Personen- und Sachregister. Der Herausgeber hat den Schriftsatz vereinfacht und vereinheitlicht, was ihn lesefreundlicher macht. Markiert sind die Seitenwechsel des Originals, so dass ein Zitieren mit Angabe der ursprünglichen Seite möglich ist. Die Ausgabe erleichtert den Zugang zum Urtext des Nachhaltigkeitsprinzips und soll, so die Hoffnung des Herausgebers, auch für die Forschung hilfreich sein. Stefan Parsch

Joachim Hamberger (Hg.): Hans Carl von Carlowitz. Sylvicultura oeconomica. Oekom Verlag, München 2013. 638 Seiten, 49,95 Euro.

Sächsische Carlowitz-Gesellschaft (Hg.): Die Erfindung der Nachhaltigkeit. Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz. Oekom Verlag, München 2013. 285 Seiten, 24,95 Euro.

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