Kultur : 3000 Meilen bis Graceland

Martin Schwickert

Da konnte Kevin Costner noch so ausgiebig mit dem Wolf tanzen - irgendwie hat man schon damals geahnt, dass in dem politisch korrekten Herzensbrecher eigentlich ein echter Fiesepeter lauerte. In Demian Lichtensteins zynischem Gangstermovie "Crime is King" darf Costner das nun endlich zeigen. Ganze zehn Filmminuten lang metzelt er sich als rücksichtsloser Raubmörder durch ein vollbesetztes Kasino in Las Vegas. Das Originelle an dem Coup : Murphy und seine wilden Kompagnons treten in vollständigem Elvis-Presley-Outfit an. Tolle, Sonnenbrille, Kotelettenbärte und edelsteinbesetzte Ornamentjäckchen. Während die Pomade-Gang ihr Blutbad initiiert, springt der Film immer wieder zur Kasinobühne, wo Elvis-Imitatoren eines internationalen Wettbewerbes unbeirrt ihre Show fortsetzen. Kugelhagel, Scherbenmeer und Kopfschüsse aus nächster Nähe werden mit hüftschwingenden Revuegirls und einem schmissigen Elvis-Potpourri auf der Tonspur garniert.

Regisseur Lichtenstein kommt aus der Werbe- und Musikclip-Branche und er lässt dieses Massaker wie ein MTV-Commercial der Waffenindustrie aussehen. Slow-Motion, verwischte Bewegungsfolgen, halsbrecherische Schnittkombinationen - hier versucht einer ganz auf die plumpe John Woo zu imitieren, ohne jedoch ein Gespür für den Bildrhythmus der Zerstörung zu finden.

Zwischen Anfangsgemetzel und finalem Showdown ist ein dünner Handlungsfaden zu erkennen: Die Ganoven entkommen mit der Millionenbeute und streiten sich danach ausgiebig um eben diese. Nur der ruchlose Murphy und der gewitzte Michael (Kurt Russel) überleben den Machtkampf und verfolgen einander 3000 Meilen quer durch die Staaten. Michael ist von all den bösen Jungs der beste. Als seine Gelegenheitsgeliebte Cybil (Courteney Cox) mit der prallgefüllten Dollartasche und ohne ihren halbwüchsigen Sohn durchbrennt, erweist er sich sogar als verantwortungsbewusster Ersatzvater. Die Beute wechselt mehrfach ihren Besitzer, Intrigen werden gesponnen, Unstimmigkeiten mit ausdauernden Feuergefechten geklärt. "Crime ist King" kann man sich als gefriergetrocknete Nachgeburt von "Reservoir Dogs" vorstellen.

Tarantinos Regiedebüt hatte 1992 mit extracoolen Dialogen und expliziter Gewaltdarstellung Hollywood als moralische Anstalt herausgefordert. In "Crime is King" kann man nun studieren, was herauskommt, wenn diese Art von Kultkino zehn Jahre lang in den Mühlen des Mainstreams zermahlen wird. Der anarchistische Charme der Erzählung bleibt auf der Strecke. Coolness wird zur Attitüde. Grobschlächtige Gewaltszenen verkommen zum hippen Dekor. Übrig bleibt das, was man Tarantino damals zu Unrecht vorgeworfen hat: blanker, dummer Zynismus.

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