Kultur : 32 Arten, Beethoven zu hören Jetzt inBerlin:Barenboim spielt alle Sonaten

Christine Lemke-Matwey

Jetzt also Berlin, die Staatsoper Unter den Linden, zu Hause. Zu Hause? Daniel Barenboim spricht sechseinhalb Sprachen, wie er selbst sagt, ist seit über einem halben Jahrhundert auf den Konzertpodien der großen weiten Welt unterwegs. Unermüdlich. Als Dirigent wie als Pianist. Wenn er Beethovens 32 Klaviersonaten an acht Abenden jetzt also auch in Berlin spielt (wie zuvor in Buenos Aires, New York und Wien), dann ist das zwar schön, aber eben nur eine Station, ein flüchtiger Aufenthalt auf einer „Reise“, die nie ans Ziel führt, sondern nur immer wieder neu ins Eingemachte, Existenzielle. Ein musikalisches Überlebenstraining in 32 unerbittlichen Lektionen.

Als 17-Jähriger debütiert Barenboim mit dem Zyklus in Tel Aviv, bald folgt eine erste Schallplattenaufnahme, später dann zwei weitere (in Interpretationsvergleichen gewinnt meist die mittlere aus den sechziger Jahren, ihrer Wissensfrische und Fingerfertigkeit wegen). So viel Erfahrung, so viel erspieltes Musikerleben aber kann auch Ballast bedeuten, kann, wenn der Kopf nicht frei ist und die Technik schon bessere, mühelosere Tage gesehen hat, durchaus blockieren. Die Umstände des ersten Abends in der Lindenoper jedenfalls waren – wenngleich selbst verschuldet – kaum dazu angetan, den Geist dieser Musik leuchten zu lassen.

Auf der Bühne drei in fleischfarbene Leintücher geschlagene Filmkameras. In der ersten Reihe Rangeleien erboster Kartenbesitzer, weil auch hier, buchstäblich zu Füßen des Pianisten, eine Kamera postiert ist, und von oben ein Scheinwerferlicht, welches Barenboim in seiner gleißenden Gnadenlosigkeit gleich zu Beginn, in der f-Moll Sonate op.2,1, den Schweiß ins Antlitz treibt. Schön, gleichwohl, seine kristalline Rokoko-Rechte im Menuett, das sich duckende, durchs musikalische Unterholz krabbelnde Trio. Schön auch sein Sangeswille im Adagio, herrlich dessen Schlussakkord, der sich wie Silberstaub von den Fingerkuppen löst. Schade, dass dem Ganzen ein wenig die Beiläufigkeit fehlte, die normale Rede.

Was Barenboim an Beethoven interessiert – und das bestätigt sich mit jedem Tastenvibrato, jedem Kreisen der Ellbogen –, ist das Harmonische, sind die Farben, jene mal opulenten, mal abgründig kargen Tonmalereien der langsamen Sätze. Dass er freilich auch ein begnadeter Rhetoriker und Theatraliker ist, zeigt der Kopfsatz der Es-Dur Sonate aus op.31. Feinster Haydn-Humor wird hier gegen allerlei Spöttelndes, Spitzes abgeglichen, und auf großem Atem segelt eine prächtig große Bühne vorbei.

Nach der Pause dann die Hammerklavier-Sonate – und ein wie ausgewechselt wirkender Barenboim. Fast wundert man sich, dass die Saiten nicht wie Sprungfedern aus dem Flügel hüpfen, so rüde greift er im Allegro in die Tasten (und bisweilen daneben). Die Kehrseite solcher Kraftmeierei erweist sich im dritten Satz, dem weit über 20-minütigen Adagio sostenuto, das derart die Klangnebel wallen und künstlich wieder ersterben lässt, dass von Beethoven – allem kompositorischen Umstürzlertum zum Trotz! – bald nichts mehr zu sehen und zu hören ist. Ovationen für einen zwiespältigen Eröffnungsabend. Aber das kann ja auch ein Versprechen sein.

Die weiteren Sonaten-Abende in der Staatsoper: 19., 21., 26., 29.6., 3., 4. und 6.7., Sonntags um 11 Uhr, sonst 20 Uhr

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