35. Filmfestival in Istanbul : Der Krieg bleibt draußen

Auf dem 35. Istanbuler Filmfest ist von den politischen Spannungen wenig zu spüren. Die Filmemacher weichen lieber auf unverfängliche Themen aus.

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Nicht verzweifeln.
Nicht verzweifeln.

Der Platzanweiser im altehrwürdigen Atlas-Kino, wo viele Premieren des diesjährigen Istanbuler Filmfestivals zu sehen sind, ist zum Plaudern aufgelegt. Man kennt sich seit Jahren, und bis zur nächsten Vorstellung ist noch Zeit. „Neun Monate“, erklärt er, „waren wir doch alle im Bauch unserer Mütter, oder?“ Die etwas verblüffende Gesprächseröffnung verlangt ein bestätigendes „hmhm“. Es sei schließlich egal, fährt er dann fort, ob man muslimischen, christlichen oder jüdischen Glaubens sei, alle sollten friedlich miteinander leben; im Koran stehe jedenfalls nicht, dass irgendwer irgendwen umbringen sollte. „Aber“, so erklärt er energisch, „wir haben eine fanatisch religiöse Regierung, und das führt zu nichts Gutem. Fanatismus ist nie gut.“ Mit diesem Fazit kann man sich bedenkenlos einverstanden erklären – erstaunlich immerhin, denn die in bescheidenen Verhältnissen lebende große Mehrheit des türkischen Volkes ist in der Regel gläubig und wählt AKP.

Im Stadtteil Beyoğlu, wo auch das am Sonntag zu Ende gegangene 35. Istanbuler Filmfestival stattfand, ist man davon weit entfernt. Mehr und mehr scheint das kulturelle Zentrum rund um die Einkaufsmeile İstiklâl Caddesi zu einem Sammelbecken für all diejenigen zu werden, die mit der politischen Entwicklung in der Türkei nicht einverstanden sind: Linke jeder Couleur, Umweltschützer, Veganer, Künstler, Intellektuelle, Lesben, Schwule und schließlich diejenigen, die sich vom kreativen Klima angezogen fühlen, ohne selbst dazu beizutragen: Hipsterinnen und Hipster, auch hier leicht zu erkennen an ihren Dutts und Zuckerdosenfrisuren, zu denen die Herren spatenförmige Bärte tragen. Selbst der Rezeptionist im Hotel hat einen Kringel auf dem Hinterkopf, ebenso wie die zwei flächendeckend tätowierten Früchteauspresser in einer Saftbar, die sich benehmen, als ob sie Manna über das Volk ausschütteten. Beyoğlu ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, die vielen Splittergruppen, 2013 vorübergehend durch die Proteste im Gezi-Park vereint, sind längst zerstritten.

Kaum noch europäische Touristen, dafür Großfamilien aus den Golfstaaten. Für sie ist es billig.

Auf der İstiklâl Caddesi, wo die ehrwürdigen Gründerzeitbauten immer häufiger neuen Geschäftshäusern weichen müssen, flanieren wegen der verheerenden Terroranschläge der letzten Monate deutlich weniger europäische Touristen als sonst. Dafür aber acht- bis zehnköpfige arabische Familien mit viermal so viel Einkaufstüten. Die Türkei gilt in den Golfstaaten als billiges Einkaufsparadies, nicht nur für Konsumgüter, sondern auch für größere Anschaffungen. Die Regierung verkaufe, so wird allenthalben geschimpft, mehr und mehr wertvolle innerstädtische Baugrundstücke an arabische Investoren.

Jenseits davon liegt das Hafenviertel Karaköy, dessen Gentrifizierung mit der Eröffnung des wunderschönen Museums Istanbul Modern in einem alten Werftgebäude vor über zehn Jahren eingeläutet wurde. Karaköy mit seinen zu schicken Lofts ausgebauten Lagerhäusern und den Dockanlagen mit ihren Restaurants und Clubs in fantastischer Wasserlage ist jetzt fest in der Hand der jungen Reichen, womöglich Profiteure der liberalen Wirtschaftspolitik der AKP.

In den meisten türkischen Filmen des diesjährigen Festivals ist davon nichts zu spüren. Die jungen Regisseure drehen in Anatolien, und dort vor allem im Südosten, in den kurdischen Gebieten. Aber auch wenn der Krieg, der dort herrscht, im Hintergrund präsent ist, thematisiert ihn keiner der Filme explizit. So beginnt der neunjährige Titelheld des Films „Rauf“, der nicht mehr zur Schule gehen will, eine Schreinerlehre, aber der Meister baut vor allem Särge für die gefallenen PKK-Kämpfer, schließlich auch für die eigene Tochter. Und in dem kitschigen Schmugglerfilm „Siyah Karga“ („Black Crow“) sind immer wieder Schüsse zu hören, müssen die Händler blockierte Straßen umgehen. Ansonsten sieht man viel verschneite, karge Landschaft und den dort lebenden Menschen beim Verrichten von Alltagsarbeit zu: Kochen, Waschen, Kinder und Vieh versorgen, alles ohne Elektrizität. Das ist exotisch und interessant, aber auch ein bisschen wie im Zoo. Die Filmemacher erzählen keine Geschichten, die sie selbst betreffen; sie weichen auf Unverfängliches aus – was vielleicht mehr über die derzeitige Situation der Kulturschaffenden verrät, als Filme es könnten.

Szene aus „Ana Yurdu“ („Motherland“) von Senem Foto: Alamy Stock Photo
Szene aus „Ana Yurdu“ („Motherland“) von SenemFoto: Alamy Stock Photo

Ein interessantes Experiment versucht immerhin der kurdische Regisseur Adnan Akdag mit „Benim kendi hayattim“ („My Own Life“). Er zeigt die existenzielle Krise des Filmemachers, der mit einer kleinen Crew zur Familie nach Anatolien fährt, weil die nach dem plötzlichen Tod seines Bruders die Arbeit nicht mehr schafft. Gleichzeitig versucht er dort, einen Film zu drehen. Herausgekommen ist eine Art Doku-Fiktion, die die Unvereinbarkeit der einander konträr entgegengesetzten Lebensweisen zeigt. Der Held endet in einer Sackgasse. Das erinnert ein bisschen an Filme vom Großmeister Nuri Bilge Ceylan und hat mit dem Krieg im Südosten überhaupt nichts zu tun. Gerade deswegen mögen die jüngeren Istanbuler Kritiker diesen Film: Er visualisiert die Krise der Intellektuellen insgesamt. Sie waren noch nie so wenig mit dem eigenen Land identifiziert wie gerade jetzt.

Die drei Regisseurinnen, die in dem elf Filme umfassenden türkischen Wettbewerb vertreten waren, setzen auf starke Frauenfiguren: Der Gewinnerfilm in mehreren Kategorien „Toz Bezi“ („Dust Cloth“) von Ahu Öztürk, der dieses Jahr auf dem Forum der Berlinale lief und die Geschichte zweier befreundeter Putzfrauen und ihrer Sorgen und Nöte erzählt, ebenso wie „Ana Yurdu“ („Motherland“) von Senem Tüzen und „Kasap Havasi“ („Wedding Dance“) von Çiğdem Sezin. Dagegen wirkt der als Großereignis angekündigte und vom gesamten Festival mit Spannung erwartete „Kor“ („Ember“) eines der profiliertesten Regisseure der 90er Jahre, Zeki Demirkubuz, altmodisch. In seinem naturalistischen Dreiecks-Drama ist die Frau reine Attrappe. Probleme mit Zensur hat es bei keinem der Filme gegeben, tatsächlich sind die meisten vom Kultusministerium gefördert. Möglich, dass die Filmemacher selbst bereits unverfängliche Projekte einreichen. Bei diesem Festival konnte man den Eindruck haben.

Viele kichern über Erdoğans Verhalten. Aber nur hinter vorgehaltener Hand.

Wer in Beyoğlu unterwegs ist und den Rest der Stadt und erst recht der Türkei nicht kennt, wundert sich über das weltläufige, internationale Klima, so wie es viele Erstbesucher des Festivals tun. Sie erwarten verschleierte Frauen und grimmige Männer und kriegen stattdessen viel männliche und weibliche tätowierte und gepiercte Haut, kaum verhüllte Dekolletees und ein buntes, fröhliches Gewimmel zu sehen, genau wie in jeder anderen Metropole der Welt. Vom Vormarsch des religiösen Fundamentalismus ist hier wirklich nichts zu spüren. Der wird sich vielleicht erst eine Generation später auswirken, denn die Regierung ändert gerade das Bildungssystem.

Aber im Gespräch mit Kollegen manifestiert sich Bedrückung; der Präsident wird nicht mit Namen genannt, sondern als „Er“ bezeichnet, großgeschrieben, denkt man, denn es handelt sich um eine höhere Macht. Alle halten ihn für verrückt, man kichert hinter vorgehaltener Hand über sein Verhalten nach den deutschen Fernseh-Satirebeiträgen. Aber man erwartet auch nichts anderes von ihm. Diejenigen, die ihren Präsidenten sowieso hassen, haben jetzt einen Grund mehr gefunden, das zu tun. Seine Wähler wiederum interessiert die ausländische Kritik an ihm überhaupt nicht. Es sind nicht die über 50 Prozent AKP-Wähler, die um den Verlust der Meinungsfreiheit und der Demokratie fürchten, sondern die Kemalisten, die Linken, die Akademiker, die Intellektuellen. Diejenigen eben, die als Erste davon betroffen wären oder dies bereits sind.

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