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Feuer und Flamme fürs Musical: Eindrücke eines Jurors beim Bundeswettbewerb Gesang.

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Im Halbfinale hat er alle begeistert mit seiner kraftvollen Stimme, seiner Bühnenpräsenz. Also Durchmarsch ins Finale, wo Nicky Wuchinger wieder eine tolle Performance abliefert – und verdient den 1. Musical-Preis beim 40. Bundeswettbewerb Gesang gewinnt. Jetzt aber steht der 23-Jährige mit den muskulösen Oberarmen bei der Preisträger-Gala im Friedrichstadtpalast und soll die größte Showbühne der Welt füllen, mit der Bombast-Ballade „Music of the Night“ aus dem „Phantom der Oper“. Drei Tage zuvor, bei Arbeitslicht im nüchternen Konzertsaal der Universität der Künste, hat er den Hit von Andrew Lloyd Webber beeindruckend fokussiert gesungen. Am Montag im Friedrichstadtpalast aber wirkt Nicky Wuchinger verloren, tigert über die Weite der Szene auf der Suche nach dem atmosphärisch besten Standpunkt, atmet plötzlich falsch, ringt um die dämonische Wirkung der Nummer, die immer wieder in dem Riesenraum verpufft.

Das Abschlusskonzert im gigantischen Revueschuppen an der Friedrichstraße ist eine Feuerprobe. 196 Kandidaten hatten sich beim nationalen Sängerwettstreit angemeldet, der jeweils im Wechsel in den Kategorien Oper/Lied sowie Musical/Chanson ausgetragen wird. 78 Bewerber konnten sich bei Vorauswahlen in sieben deutschen Städten für die Finalrunden in Berlin qualifizieren, wo sie fünf Tage lang vor einer elfköpfigen Jury bestehen müssen. Singen, Tanzen, Schauspielern, Stimmtechnik, Körpergefühl, Kreativität – wer Musical-Darsteller werden will, muss multiple Begabungen haben. Und nur wer das ganze Paket anbietet, hat Chancen auf einen Preis.

Draußen, auf dem freien Unterhaltungsmarkt, ist die Konkurrenz knallhart. Ein 30-minütiges Programm müssen die Junioren, also die 17- bis 22-Jährigen, fürs Halbfinale abrufbereit haben, die 23- bis 28-Jährigen sogar 45 Minuten. Daraus darf sich das Prüfungskomitee spontan zwei bis vier Titel aussuchen. Wer im Halbfinale mit seinen Choreografien überzeugt, bekommt im Finale garantiert Nummern zugeteilt, bei denen er Stimme zeigen muss. Semi-Profis haben keine Chance. Weiter kommen nur Kandidaten, die bereits eine Hochschule besuchen. In Berlin, Leipzig, München und Essen kann man im universitären Rahmen Musical studieren, in Hamburg bildet der Konzern „Stage Entertainment“ Nachwuchs für seine Shows wie „König der Löwen“ oder „Tanz der Vampire“ aus, in Osnabrück wurde aus einer privaten Academy gerade ein Fachhochschul-Studiengang.

Zumindest für die Jury sind die Prüfungsrunden das pure Vergnügen, weil das Niveau der Teilnehmer extrem hoch ist. Und weil immer eine tolle Stimmung im Berliner UdK-Saal herrscht. In den hinteren Reihen drängen sich Fans, Freunde und Kommilitonen der Delinquenten, die sich bei tollen Leistungen extrem lachfreudig und jubelwillig zeigen, und noch die schwächste Performance mit freundlichem Applaus bedenken.

Ein Geist ehrlicher Kollegialität erfüllt den Raum, wenn ab morgens um zehn die ganz großen Gefühle zelebriert werden. Strahlende junge Menschen mit Idealfigur schmettern „Ich will sie verzaubern“, singen von Träumen, die Wahrheit werden, behaupten: „Leben heißt zu lernen, wie man fliegt!“. Sie werfen die Beine in die Luft, die Arme hinterher. Erotische Energie entlädt sich in eindeutigen Posen auf immer demselben, schwarz gestrichenen Bistro-Stuhl.

Und wenn die Kandidaten am Ende des Tages dann selber in die Zuschauerreihen einrücken müssen, damit die Jury-Vorsitzende Simone Linhof die Ergebnisse verkünden kann, dann folgt auf jeden Namen ein kollektiver Jubelschrei, dann springt der Glückliche, die Auserwählte wie ein Flummi auf die Bühne. Es ist berührend, diese jungen Leute so brennen zu sehen für ein Genre, das von Hochkultur-Puristen nicht als echte Kunst anerkannt wird. Geht es hier nicht nur um pure Zerstreuung, um Ablenkung vom Wesentlichen? Um „ein paar schöne Stunden“ für Menschen, die langweiligere Jobs haben als die Darsteller auf der Bühne – und die Träume, von denen hier gesungen wird, längst begraben haben?

Seine zweite Nummer bringt Nicky Wuchinger am Montag im Friedrichstadtpalast dann erheblich lockerer über die Rampe, rockt als Elvis-Imitator die 2000 Besucher im ausverkauften Friedrichstadtpalast. Oliver Morschel legt als Rob aus dem Nick-Hornby-Musical „High Fidelity“ eine hinreißende Liebesszene mit einer Vinyl-Platte hin, Julia Meier liefert ihren Kinderhasser-Song von den Wise Guys ebenso souverän ab wie in der Finalrunde, und die unter den Preisrichtern nicht umstrittene Laura Joeken blüht im Spotlight auf der Riesenbühne erst richtig auf.

Die Kids werden ihren Weg machen, im Stadttheater, wo die Individualisten gefragt sind, oder in den Großproduktionen der Unterhaltungsindustrie, in der es vor allem darauf ankommt, perfekt zu funktionieren. Sicherheit allerdings werden sie nicht kennenlernen, nur das Hangeln von Show zu Show, den Marter-Marathon der Auditions. Sie haben es sich so ausgesucht. Frederik Hanssen

Deutschlandradio Kultur sendet am 12. Dezember ab 20 Uhr einen Mitschnitt der Gala. Der Autor war Mitglied der Jury.

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