Kultur : 38. Berliner Theatertreffen: Donauwelle, Döner-Sheriff

Frank Dietschreit

Lore Stefanek und Lore Brunner schleppen Teller mit Kuchenbergen aufs Podium. Und schnell erweist sich die Süßspeise als gelungener Coup. Sobald die Lesung von Bernhard Studlars "Transdanubia - Dreaming" beginnt, werden die beiden Schauspielerinnen zu Helga Merlicek und Erna Wurm, zwei bösartig greinenden Witwen, deren einziger Lebenszweck zu sein scheint, in einem Wienerwald-Ausflugslokal Kuchen mampfend - aber bitte mit Sahne - über Gott und die Welt zu lästern.

Klaus Völker hat ein gutes Händchen für die Besetzung bisher ungespielter Theaterstücke. Seit vielen Jahren leitet der Rektor der "Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch" nun schon den jeweils parallel zum Theatertreffen veranstalteten "Stückemarkt". Er ist mit seinen Autoren und Schauspielern von der Freien Volksbühne zum Deutschen und zum Schiller-Theater gezogen und jetzt wieder in das Haus der Festspiele an der Schaperstraße zurückgekehrt. Und immer wieder ist es ihm gelungen, aus dem Wust der dramatischen Versuche einige Text-Perlen herauszupicken, die das deutschsprachige Theater bereichern könnten. Dass Völker es immer wieder schafft, Schauspieler wie Udo Samel, Peter Simonischek und Michael Maertens für die manchmal noch ganz unfertig und unspielbar erscheinden Texte zu begeistern, verdient allerhöchste Anerkennung.

Dennoch: Zum Eröffnungsritual des "Stückemarktes" gehört Klaus Völkers Klage, die Texte junger deutscher Autoren würden - wenn überhaupt - an den Studiobühnen und Experimentier-Werkstätten der großen Häuser geduldet. Vor allem in Berlin, der vermeintlichen Theatermetropole, die so gern Trends setzen möchte, finden sich außer an der neuen Schaubühne (die ihren Schimmelpfennig und Gieselmann haben) kaum neue deutsche Stücke im Repertoire. So schlecht kann es aber mir den auf dem "Stückemarkt" präsentierten Dramen nicht bestellt sein: Immerhin wird Moritz Rinkes (letztjährig von Völker vorgestellte) "Republik Vineta" am Hamburger Thalia-Theater sehr erfolgreich gezeigt.

Aus dem diesjährigen Jahrgang hat Bernhard Studlars "Transdanubia-Dreaming" die besten Aussichten für eine angemessene Inszenierung in größerem Rahmen. Und wenn diese dann wenigstens halb so gut besetzt wäre wie die Lesung in der - wie immer - gut besuchten Kassenhalle des Festspielhauses, müsste sie auch ein Publikumserfolg werden. Denn das unter dem Thomas-Bernhard-Motto "Wir sind Österreicher, wir sind apathisch" stehende Stück spielt mit den Klischees der Wiener Heurigen-Seligkeit, mit den Zentralfriedhof-Sehnsüchten und ausländerfeindlichen Bösartigkeiten des zu allem, vor allem zur Selbsterniedrigung, entschlossenen Kleinbürgers auf beinahe schon gespenstisch gekonnte Weise.

Wenn Völker Horváth oder Qualtinger bemüht, um die besonderen Qualitäten des Stückes zu preisen und es in eine historische Ahnenfolge zu stellen, greift er vielleicht zu hoch. Aber in die richtige Richtung. Denn was im Ausflugslokal des Herrn Josef Prinoszil und am Kebabstand des "Döner-Sheriff" geschieht und geredet wird, ist so hanebüchen komisch und so tieftraurig, so bizarr und doch so realistisch, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Neben den Wortungetüme und Kuchenkrümel zerkauenden Lore Brunner und Lore Stefanek hauchen auch andere dem Text Leben ein: Hans Fleischmann ist ein symphatischer Saufkopf, Margarete Schuler hat eine kleine Sehnsucht und Robert Gallinowski gibt den messerstechenden Feind aller Tschuschen. So heißen in Wiener Schmäh die türkischen Gastarbeiter, die von Hans-Jochen Wagner und Victor Calero mit melancholischer Larmoyanz zeichnen.

Kann Studlar aus dem Urschlamm des hinterhältigen Volksmundes herrliche Dialoge zimmern, gerinnt Werner Fritschs "Supermarkt" einmal mehr zur angestrengten Wortkünstelei. Bei Fritsch spürt man überall Ideen, Konzepte, Recherchen - aber kein Stück. Thomas Langhoffs Inszenierung von Fritschs "Die lustigen Weiber von Wiesau" verschwand ganz schnell wieder aus dem Spielplan des Deutschen Theaters, und Thomas Krupas Darmstädter Bearbeitung von Fritschs "Chroma" markiert den inszenatorischen Tiefpunkt des diesjährigen Theatertreffens. Das neue Stück geht von der Fiktion aus, dass der vor einigen Jahren im brandenburgischen Fürstenberg auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück geplante "Supermarkt" tatsächlich eröffnet wurde und jetzt sein 10-jähriges Bestehen feiert. Hier treffen sich alte und neue Nazis, bigotte Pfarrer und sensationsgeile Journalisten, frustrierte Ossis und kolonialistische Wessis, und das Ganze ist so verzweifelt um Komik und Belehrung bemüht, dass selbst die vereinte Berliner Bühnenmannschaft Astrid Meyerfeldt, Veit Schubert, Falk Rockstroh und Ursula Werner von der Volksbühne, Schaubühne, dem BE und dem Maxim Gorki Theater dem Text wenig dramatischen Mehrwert abgewinnen kann.

Vom Supermarkt ins Kino ist es nur ein kurzer Weg. Jedenfalls wenn man der deutsch-griechischen Autorin Tanjana Tsouvelis folgt. In ihrem Stück über die "Olive-Generation" beobachtet sie ein paar zu Zeitgeist-Klischees geronnene Figuren, die ihr Leben entweder im Kino oder im Internet verbringen und das dumpfe Gefühl haben, es könne auch irgendwo irgendwie besser und anders sein. Es passiert hier sehr wenig, aber das umso ausführlicher. Ein Stück wie ein melancholisches Roadmovie, das man gern um Mitternacht im Programmkino sehen möchte. Aber eher nicht auf einer großen Bühne.

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