40 Jahre nach Francos Tod : Die Vergessenen

Vor 40 Jahren starb Spaniens Diktator Franco. Während sein Grab zur Pilgerstätte für Alt- und Neonazis wird, wird den Opfern seines Regimes bis heute die Anerkennung verweigert.

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Heldenplatz. Das pompöse Grabmal von General Franco in San Lorenzo de El Escorial, nördlich von Madrid.
Heldenplatz. Das pompöse Grabmal von General Franco in San Lorenzo de El Escorial, nördlich von Madrid.Foto: AFP

Der Geist des „Führers von Spanien“, wie sich General Francisco Franco anreden ließ, lebt immer noch: 40 Jahre nach seinem Tod ehren weiterhin hunderte Straßennamen und Monumente im Land den früheren spanischen Diktator. Ein Tyrann, der von 1939 bis 1975 eines der schwärzesten Kapitel der Landesgeschichte schrieb. Und dessen Menschenrechtsverbrechen, denen zehntausende Regimegegner zu Opfern fielen, weder aufgeklärt noch gesühnt wurden – weshalb das UN-Menschenrechtskomitee Spanien nun scharf kritisierte.

„Wir wollen, dass endlich die Opfer anerkannt und die Familien entschädigt werden“, rufen die Demonstranten, die sich jeden Donnerstag auf dem Madrider Platz Puerta del Sol einfinden. Viele von ihnen sind inzwischen im Greisenalter, manche stützen sich auf Gehstöcke. Sie haben Folter und Repressalien überlebt oder sie sind Nachfahren jener, die unter Franco hingerichtet wurden. Ihre „Plattform gegen die Straflosigkeit“ kämpft dafür, dass die Toten nicht vergessen werden und endlich eine Geste der Wiedergutmachung erfahren.

Die gigantische Franco-Gruft wird mit Steuergeldern finanziert

Rund 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Madrid steht das augenfälligste Symbol dafür, dass es Spanien noch nicht geschafft hat, den Schatten Francos abzuschütteln: Dort befindet sich im „Tal der Gefallenen“ die gigantische Franco-Gruft, welche – nicht nur – ein Wallfahrtsort für Alt- und Neonazis aus ganz Europa geworden ist, auch an diesem 20. November, dem 40. Todestag Francos. Zwangsarbeiter trieben eine Basilika in den Berg, in welcher der Diktator später begraben wurde. Auf der Bergspitze verkündet, weithin sichtbar, ein 150 Meter hohes Granitkreuz, dass hier der „Generalísimo“ ruht.

UN-Sonderberichterstatter Pablo de Greiff, der vor einem Jahr untersuchte, wie es in Spanien um die Vergangenheitsbewältigung steht, war schockiert: „Der Ort stellt für sich schon eine Verherrlichung des Franquismus dar.“ Und: „Solange sich im Zentrum des Monuments das mit Blumen geschmückte Grab des Diktators befindet, kann man sich dies nur schwer als Ort des Friedens und der Versöhnung vorstellen.“

Wo ist ihre Zwillingsschwester?, fragt diese Frau bei einer Demonstration 2012, die an die Zwangsadoption von Säuglingen regimekritischer Mütter erinnerte.
Wo ist ihre Zwillingsschwester?, fragt diese Frau bei einer Demonstration 2012, die an die Zwangsadoption von Säuglingen...Foto: AFP

Während der Staat die Erhaltung der Franco-Gedenkstätte sogar mit Steuergeldern finanziert, werden die Opfer der Diktatur, ihre Nachfahren und Angehörigen ignoriert. Mehr als 100 000 Regimegegner wurden während des spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) und danach ermordet; im Krieg wurde Franco auch von Hitlers Regime unterstützt. Die schlimmste Hilfsaktion: der Luftangriff der Legion Condor am 26. April 1937 unter Stabschef Wolfram von Richthofen, der in sein Tagebuch notierte: „Einfach toll – Guernica, Stadt mit 5000 Einwohnern, wurde heute buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht“. Dank Pablo Picassos nur wenige Wochen später geschaffenem Monumentalgemälde „Guernica“ blieb diese Barbarei der ganzen Welt im Gedächtnis. Auch in den ersten Jahren der nachfolgenden Rechtsdiktatur wurden Republikaner von Todeskommandos ermordet und wie zuvor anonym verscharrt. Über 2000 Massengräber gibt es im ganzen Land, die meisten Opfer gelten bis heute als verschwunden.

Auch über die zwangsadoptierten Babys regimekritischer Mütter wird kaum gesprochen

Die Kriegstoten auf Francos Seite waren „für Gott und für das Vaterland gefallen“ – eine Inschrift, die man bis heute in vielen Kirchen und auf Friedhöfen findet. Die ermordeten „roten“ Republikaner hingen sind bis heute für die konservative spanische Regierung tabu.

Etwa 400 000 Franco-Gegner wurden übrigens vom Regime nach dem Krieg in Arbeitslagern und Gefängnissen interniert, viele von ihnen erlitten Folter. Rund 650 000 Republik-Anhänger flüchteten ins Ausland, zudem sollen etwa 30 000 Babys regimekritischer Mütter verschleppt worden und als „roter“ Nachwuchs von rechtskonservativen Franco-Getreuen zwangsadoptiert worden sein.

Francisco Franco, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1967.
Francisco Franco, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1967.Foto: AFP

Sogar der bescheidene Zuschuss für Opfer-Organisationen wurde gekürzt

Spaniens heutiger Regierungschef Mariano Rajoy, in dessen konservativer Volkspartei sich immer noch Anhänger des Franco-Regimes tummeln, lehnt es ab, den Franco-Opfern die Hand zu reichen. Geschweige denn, nach den Toten zu suchen – damit diese endlich eine würdevolle Ruhestätte bekommen. Rajoy strich sogar jenen bescheidenen Zuschuss, der den Opfer-Organisationen von der früheren Sozialisten-Regierung zuerkannt worden war. Mit dem Ergebnis, dass die Angehörigen nun auf eigene Faust auf Gräbersuche gehen und eventuelle Ausgrabungen selber bezahlen müssen.

Forderungen nach offiziellen Untersuchungen, nach Wiedergutmachung und strafrechtlicher Aufarbeitung schmettert Rajoy mit dem Hinweis auf ein 1977 erlassenes Amnestiegesetz ab. In der schwierigen Übergangszeit zwischen dem Ende der Diktatur und dem Beginn der Demokratie war eine Generalamnestie vereinbart worden, die allen Tätern Straffreiheit zusicherte und bis heute dafür sorgt, dass Francos Verbrechen unter den Teppich gekehrt werden.

Die Generalamnestie widerspricht freilich dem internationalen Völkerrecht, demzufolge Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht durch einen derartigen generellen Straferlass ausradiert werden können. Doch der Vorschlag von UN-Sonderberichterstatter Pablo de Greiff, endlich eine unabhängige Wahrheitskommission in Spanien ins Leben zu rufen, wurde von Regierungschef Rajoy geflissentlich überhört. Genauso wie vor einigen Monaten die Forderung des UN-Menschenrechtskomitees, „das Amnestiegesetz aufzuheben“.

Auch Deutschland spielt übrigens eine unrühmliche Rolle bei der Aufarbeitung der spanischen Vergangenheit. Für diejenigen Spanier, die im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Wehrmacht in Russland kämpften, flossen seit einem Vertrag mit der Adenauer-Regierung 1962 Gelder in Millionenhöhe nach Spanien. Noch 2014 wurden über 360 000 Euro an insgesamt 50 Empfänger überwiesen. Für den Linken-Abgeordneten Andrej Hunko ein Skandal. Dass Menschen, die „sich damals freiwillig den deutschen Faschisten angeschlossen und im Vernichtungskrieg in Osteuropa an deren Seite gekämpft“ haben, finanziell unterstützt werden, findet er völlig unverständlich. (mit KNA)

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