450. Todestag : Wer war Philipp Melanchthon?

Wunderkind, Humanist, Wissenschaftsstar: Eine Bildungsreise zum 450. Todestag von Philipp Melanchton.

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Zarter Kopf, große Augen. Eine Melanchthonbüste aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
Zarter Kopf, große Augen. Eine Melanchthonbüste aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Milchiges Licht fällt durch Butzenscheiben. Vom wuchtigen Schreibtisch in der Mitte des Raums sind es zwei, drei Schritte über knarrende Holzdielen bis zum Bett, das auffallend klein wirkt. Vor 450 Jahren, am 19. April 1560, ist hier Philipp Melanchthon gestorben, der Geistesriese der deutschen Reformation, der tatsächlich nur etwa 1,50 Meter groß gewesen sein soll. Neben der Waschkommode hängt ein Leinentuch, so zerschlissen, als würde sich der Humanist hier noch immer Gesicht und Hände abtrocknen. Wappen – das Kreuz mit der Schlange – und Wahlspruch über der Tür signalisieren frommes Selbstbewusstsein: „Si deus pro nobis – qui contra nos.“ Wenn Gott mit uns ist, wer sollte gegen uns sein?

Das Studier- und Sterbezimmer im Wittenberger Melanchthonhaus ist eine imposante Inszenierung des späten 19. Jahrhunderts. Es wurde 1899 in altdeutscher Gemütlichkeit eingerichtet, damals imaginierte man sich den Philologen und Theologen als immens fleißigen Wissenschaftler und rustikalen Asketen. In den übrigen Räumen des prachtvollen Renaissancegebäudes, das nur einen Steinwurf von der Lutherhalle und der Universität entfernt liegt, wohnten noch bis 1954 gewöhnliche Mieter. Ein Glücksfall, denn deshalb konnte das 1539 fertiggestellte Haus als „das authentischste Gebäude der Lutherzeit in Wittenberg“ die Zeiten überstehen, so Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt.

„Neue Schätze für Melanchthon“ heißt die Ausstellung, bei der die Stiftung Preziosen aus ihrer Sammlung und Neuerwerbungen zeigt. Die Präsentation wirkt bewusst provisorisch, denn das Haus steht vor einem Umbau. Es soll bis zum Herbst 2011 um einen Neubau mit Ausstellungsflächen von 350 Quadratmetern erweitert werden, dafür wird auf dem Nachbargrundstück ein Fachwerkhaus abgerissen. Zu sehen ist unter anderem die älteste Stadtgeschichte Wittenbergs, von Melanchthon 1555 handschriftlich auf Pergament notiert und später im Turmknauf der Stadtkirche entdeckt, der im Schmalkaldischen Krieg durch einen Kanonenturm ersetzt worden war.

Ein Dokument aus dem Rechnungsbuch der Universität belegt, dass Melanchthon 1559 der höchstbezahlte Wissenschaftler der Stadt war. Er wurde pro Quartal mit 75 Gulden entlohnt, während Kollegen nur 20 oder 25 bekamen. In Wittenberg, wohin er 1518 mit 21 Jahren als Griechischprofessor berufen wurde, war der Gelehrte von Anfang an ein Star. Seine Antrittsvorlesung, in der er sich für eine Universitätsreform und die Rückkehr zu den antiken Quellen aussprach, sorgte für Furore und fand Luthers Wohlwollen. Ein Kupferstich zeigt Melanchthon hinter dem Katheder, vor ihm drängen sich Studenten, die beeindruckende Hüte tragen. Das Jenseits stellte er sich wie eine Universität vor, als himmlische Akademie.

Das Melanchthonjahr wird mit mehr als 200 Veranstaltungen gefeiert, mit Gottesdiensten, Kongressen, Buchveröffentlichungen, einer Fülle von Ausstellungen und einem Festakt in der Wittenberger Schlosskirche am morgigen Montag (siehe Kasten). Der Reformator, von dem der Meisterbiograf Richard Löwenthal befand, er sei „immer der Zweite geblieben“, tritt aus Luthers Schatten heraus.

Melanchthon, als „Praeceptor Germaniae“, Lehrer Deutschlands, gerühmt, könnte auch als Vorbild für die Gegenwart taugen. Sein Griechischlehrbuch, 1518 erschienen, erlebte über vierzig Auflagen und war hundert Jahre in Gebrauch. Bekannt wurde der „Graeculus“, das Griechlein, als Lehrer und Ausleger, das humanistische Gymnasium gilt als seine Schöpfung. Und wirkt der vorsichtig abwägende, um Ausgleich bemühte Melanchthon nicht moderner und weniger mittelalterlich als der ungestüme, oft unverblümt polternde Luther? „Sein zarter, hagerer Kopf mit den fast übergroßen Augen ist schon der schärfste Kontrast zu Luthers hartem Bauernschädel“, schreibt Löwenthal. Melanchthon, 1497 als Sohn eines Rüstmeisters und Waffenschmieds im baden-württembergischen Bretten geboren, war ein Wunderkind. Sein Studium schloss er mit 17 Jahren als Magister in Tübingen ab.

Bald darauf wechselte er Briefe mit Erasmus von Rotterdam, dem „Fürsten der Humanisten“, mit dem er später brach, weil der sich nicht rückhaltlos auf Luthers Seite schlug. Auf Luthers Drängen hin erwarb der Gräzist in Wittenberg auch die theologische Lehrerlaubnis, mit seiner reformatorischen Lehre, den „Loci communes“, prägte er die evangelische Kirche, aber Priester wollte er nie sein. Er war der Stichwortgeber, als Luther die Bibel aus dem Griechischen ins Deutsche übertrug. „Die Lutherbibel ist eigentlich eine Luther-Melanchthon-Bibel“, urteilt Melanchthon-Biograf Martin Jung.

Der Reformator neigte zur Selbstzerknirschung und Depression. Als Philipp von Hessen, einer der mächtigsten Schutzherren der Reformation, 1539 heimlich eine Doppelehe eingeht, stehen ihm Luther und Melanchthon mit theologischen Gutachten bei, Melanchthon fungiert sogar als Trauzeuge. Die Bigamie fliegt auf, Philipp gerät unter Druck und unterwirft sich dem Kaiser. Eine Niederlage für die Sache der Rom-Gegner. Melanchthon bereut – anders als Luther – sein Verhalten, klagt über „Seelenschmerzen“ und erwartet den baldigen Tod. Ärger noch trifft ihn das Leid seiner Tochter, die er als 14-Jährige in die unglückliche Ehe mit einem seiner Schüler geführt hatte. „Ich wünsche mir, aus dem Leben zu scheiden“, bekennt er 1543 und erwägt Selbstmord. Schlaflosigkeit, Hautausschläge und ein Milzleiden folgen als psychosomatische Reaktionen.

Melanchthon avanciert zum Chefdiplomaten der Reformation, weil Luther seit 1521 unter Reichsacht steht und das Territorium seines Beschützers, des Kurfürsten von Sachsen, nicht verlassen kann. Den Augsburger Reichstag verfolgt Luther von der Veste Coburg aus, dem am weitesten herausragenden Vorposten des Kurfürstentums. Melanchthon führt die Verhandlungen und hat das Glaubensbekenntnis der Evangelischen, die Confessio Augustana, maßgeblich ausgearbeitet, ist aber nicht dabei, als es in deutscher Fassung dem Kaiser und der Reichsversammlung vorgelesen wird.

Karl V., ein Spanier, der des Deutschen nicht mächtig war, schläft ein. Melanchthon sitzt in seiner Herberge und weint vor Erschöpfung. Seine Hoffnungen auf einen Kompromiss mit den Altgläubigen zerschlagen sich. Luther schreibt, er könne „nicht so leise treten“ wie der Freund. Melanchthon genoss durchaus Wertschätzung im katholischen Lager. Es gab mehrere Versuche, ihn zum alten Glauben zurückzuholen. Bei einem Gespräch mit dem päpstlichen Legaten demonstriert der Reformator Standfestigkeit. Er kämpfe für das, was er als wahr erkannt habe, nicht um eines Vorteils wegen, sondern „um der Wahrheit selbst willen“.

Vier Tage vor seinem Tod steht Melanchthon, 63 Jahre alt, um 3 Uhr früh auf. Er schreibt eine Erklärung zum Osterfest, die öffentlich angeschlagen werden soll, bringt sie zur Druckerei, besucht den Gottesdienst und geht noch einmal zur Druckerei, „damit nicht etwa Säumnis geschah“, wie es heißt. Danach habe er sich „stets inwendig gehalten“, im Haus und Sterbebett. Zuletzt sollen sich seine Lippen bewegt haben, ohne dass etwas zu verstehen war. Die Familienmitglieder und Freunde erkennen darin ein letztes Gebetsmurmeln.

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