• 50. Berliner Festwochen: Klaviermusik ohne Pianisten - Der Sammler Jürgen Hocker über Conlon Nancarrow

Kultur : 50. Berliner Festwochen: Klaviermusik ohne Pianisten - Der Sammler Jürgen Hocker über Conlon Nancarrow

23. September[Kammermusiksaal der Philhar],19 Uhr[Kammermusiksaal der Philhar]

"Ein Jahr Arbeit für fünf Minuten Musik", das ist meine Überschrift über Conlon Nancarrows Schaffen. Schon als Jugendlicher hat Nancarrow ungeheuer schwierige Klavierstücke geschrieben. Die waren fast unspielbar für die Interpreten. Und weil er sich immer über unzureichende Aufführungen geärgert hat, war es nur konsequent, dass er darüber nachdachte, wie er die Pianisten ganz loswerden konnte. Schließlich ist er auf eine Lochstreifenmaschine gestoßen und hat sich ein Player Piano gebaut, also ein selbstspielendes Instrument. Es besteht aus einem Konzertflügel und einer Spielapparatur, und in meinem Wohnzimmer steht das einzige authentische Exemplar, das nicht einer Sammlung oder einem Museum gehört, das also für Aufführungen zur Verfügung steht. Ich habe einen Bösendorfer-Flügel mit einem Spieleinbau von 1920, also nicht das schlechteste Instrument.

Nancarrow hat über vierzig Jahre lang in Mexiko völlig vereinsamt im Exil gelebt und dort Lochstreifen gestanzt. Zu Beginn der 80er Jahre ist er dann wiederentdeckt worden, Ligeti hat ihn sogar den "wichtigsten lebenden Komponisten" genannt. Er war ein totaler Einsiedler und bis zu seiner Wiederentdeckung und dem kometenhaften Aufstieg absolut überzeugt, dass die Lochstreifen nach seinem Tod auf dem Müll landen würden. Bis zu 200 Töne erklingen pro Sekunde in den kompliziertesten Rhythmen, diese Klangereignisse sind auf herkömmlichem Weg einfach nicht spielbar. In den letzten Jahren gab es viele Versuche, diese Kompositionen mit computergesteuerten Instrumenten oder mit Konstruktionen mit Fußpedalen nachzuspielen, aber das ist eher ein Verbrechen an dieser Musik. Es geht eben nur mit den Lochstreifen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar