Kultur : 50. Filmpreisverleihung: Der deutsche Film kann gar nicht besser sein

Günter Rohrbach

Anfang Juli, wenn die Amerikaner ihren Independents Day feiern, laufen in über 8000 amerikanischen Kinos zwei Filme an, die über Erfolg und Misserfolg dieses Kinojahres entscheiden werden. Das Independents Day-Wochenende ist traditionell der wichtigste Termin im US-Kino. Es ist entsprechend umkämpft, und wer hier starten darf, auf dem ruhen die höchsten Hoffnungen. In diesem Jahr setzt Hollywood auf zwei deutsche Regisseure, Wolfgang Petersen und Roland Emmerich, "The Perfect Storm" und "The Patriot". Wolfgang Petersen stand für seinen Film ein Budget von 290 Millionen Mark zur Verfügung. Das ist ziemlich genau die Summe, die auch der deutsche Film ausgeben kann - für seine gesamte Jahresproduktion, von 50 bis 60 Filmen.

Ein Film für das Geld von fünfzig, das sind die realen Machtverhältnisse. Für den Zuschauer ist da kein Unterschied, er erhält die amerikanische Superproduktion zum gleichen Preis wie das deutsche Aschenputtel. Freilich macht er sich so seine Gedanken. Kinobesucher sind in ihrer Mehrzahl jung, zielbewusst und anspruchsvoll. Für die kleine Abendunterhaltung haben sie das Fernsehen. Wenn sie ins Kino gehen, erwarten sie, dass auf der Leinwand die Hölle los ist. Das ist für sechs Millionen nicht zu haben.

Film ist für das heutige Publikum identisch mit Hollywood. Hollywood ist Metropolenkino, der Rest ist Provinz. Es gibt italienische Filme, französische Filme, deutsche Filme und eben Filme. Für den deutschen Zuschauer haben die einheimischen Filme, unabhängig von ihrem tatsächlichen Inhalt, den Charakter eines Genres. So gesehen gibt es Actionfilme, Science-Fictionfilme, Komödien, Thriller und eben deutsche Filme. Das marginalsiert sie, bedeutet aber auch eine Chance. Jedes Genre hat seine Fans, auch dieses.

Fraglos wollen auch unsere Kinobesucher - die Fernsehzuschauer ohnehin - deutsche Filme sehen. Möglicherweise nicht so viele, wie ihnen angeboten werden, und selbstverständlich nur die besseren. Gemessen an den realen Wettbewerbsbedingungen - Durchschnittsbudgets hier fünf bis sechs Millionen Mark, in den USA 150 Millionen - ist ein Marktanteil von etwa 15 Prozent über die Jahre hin so schlecht nicht, wie er permanent gemacht wird. Natürlich kann es immer wieder einzelne Filme geben, die mit einem kleinen Etat groß herauskommen, aber das werden stets die Ausnahmen sein. Es kann auch Vestenbergsgreuth Bayern München, wie geschehen, aus dem Pokal werfen. Auf die lange Strecke und die hohe Zahl hin wird aber die Filmindustrie dominieren, die für die Qualität ihrer Filme in jeder Hinsicht die besten Voraussetzungen bieten kann. Kein anderes Kunstprodukt ist von seinen materiellen Bedingungen so abhängig wie der Film. Glaubt denn jemand im Ernst, ausgerechnet die Amerikaner würden in ihre Filme so viel Geld investieren, wenn es auch billiger ginge?

Für den heutigen deutschen Film gilt, was Joe Hembus schon Anfang der 60er Jahre aus anderen Gründen formuliert hat: er kann gar nicht besser sein, zumindest nicht entscheidend erfolgreicher.

Der deutsche Film wird öffentlich gefördert, im Schnitt etwa mit der Hälfte seiner Herstellungskosten. Das macht ihn angreifbar. Es wird darum höchste Zeit, dass sich die deutschen Filmschaffenden gegen die sachlich ignorante und in der Tendenz diffamierende Weise zur Wehr setzen, in der Filmförderung publizistisch dargestellt wird. Gerade hat der "Spiegel" für das Jahr 1999 eine Gesamtfördersumme von 349 Millionen in die Welt gesetzt, ohne seine Leser darüber zu informieren, dass mit diesem Geld auch Filmtheater und Videotheken unterstützt, dass zahlreiche Institutionen und Veranstaltungen damit teilfinanziert werden, dass in nicht unbeträchtlichem Umfang ausländische Filme, die in Deutschland gedreht werden, Fördergelder erhalten, und eine steigende Zahl von reinen Fernsehfilmen. Fakt ist, für die Produktion von Spielfilmen wurden 1998 (das mag 1999 geringfügig mehr gewesen sein) 180 Millionen Mark aus verschiedenen Fördertöpfen zur Verfügung gestellt, einschließlich der hier gedrehten ausländischen Filme. In deutsche Filme flossen maximal 150 Millionen. Aber selbst das ist nicht die ganze Wahrheit, denn mindestens 40 Prozent dieser Summe kommt von den in die Förderung genötigten Fernsehanstalten, die dieses Geld aber bei den TV-Lizenzzahlungen mehr oder weniger wieder abziehen.

Eine Gage von Tom Cruise

Das Ärgerliche an dieser merkwürdigen Mutation ist, dass diese Fördermaskerade gegen die Filmschaffenden ins Feld geführt wird. Wer außer wenigen Eingeweihten weiß, dass die Bundesfilmförderung der FFA eine gesetzlich geregelte Selbsthilfeveranstaltung der Filmwirtschaft ist? Die Summe der tatsächlichen Steuergelder, die jährlich in die Produktion deutscher Filme fließt, liegt unterhalb der Kosten der Münchener Oper oder, wenn man so will, etwa auf der Höhe einer Gage von Tom Cruise.

Obwohl also eher von bescheidener Art, ist das Fördersystem vielschichtig und so kompliziert, dass es sich einer verständlichen Darstellung für Außenstehende entzieht. Aber selbst innerhalb der Filmwirtschaft gibt es keine klare Vorstellung davon, welche Funktion die Förderung letztlich haben sollte. Filme gelten als Hochrisikogeschäft. Nach der Meinung ihrer Erfinder solte die Förderung die Untiefen des Geländes ausgleichen, also die Wirkung der Flops mindern und dafür die Erfolge abschöpfen. Der überwiegende Teil der Förderung besteht darum aus bedingt rückzahlbaren Darlehen.

In der Realität fließt enttäuschend wenig Geld zurück. Das verstärkt den Eindruck der Erfolglosigkeit, obwohl die Gründe nicht so sehr bei den Filmen liegen, sondern bei einer Veränderung des Marktes. Seit dem Durchbruch des Privatfernsehens und der dort gebotenen Möglichkeit, gezielt für Filme zu werben, sind die Marketingkosten ins Maßlose gestiegen. Auch hier geben die Amerikaner den Takt vor. Wenn die Verleiher deutscher Filme auch nur halbwegs Schritt halten wollen, müssen sie riskant hohe Summen investieren. Im Ergebnis führt dies dazu, dass die Produzenten erst ab etwa 1,5 Millionen Besuchern mit ersten Erlösen rechnen können. Aber welcher Film erreicht schon 1,5 Million Besucher?

Einige wenige schaffen dies und manchmal auch noch etwas mehr. Wirtschaftlich erfolgreich sind aber selbst diese Filme nur dann, wenn sie zudem extrem billig waren. Und prompt sind die klugen Ratgeber zur Stelle, die meinen, es gehe doch, man müsse es halt nur immer so machen.

Die bittere Wahrheit ist, mit deutschen Filmen ist kein Geld zu verdienen. Wer in diesem Moment reich werden will, der arbeitet für das Fernsehen. Dort spielt die Musik. Für das Kino produzieren nur Träumer und Idealisten oder jene wenigen Großunternehmen, die gleich die ganze Verwertungskette kontrollieren, also neben der Produktion auch den Verleih und möglichst noch eine Reihe von Kinos.

Einige dieser Großunternehmen (und auch ein paar kleinere) sind in jüngerer Zeit an die Börse gegangen, haben damit einen Boom ausgelöst und die Sinne vernebelt. Dem deutschen Film wird die neue Gefechtslage wenig nützen, denn, wie überall im Wirtschaftsleben, entscheidet über Investitionen in ein Produkt nicht die Vermögenslage des Produzenten sondern die Gewinnerwartung im Markt. Und die verändert ein Börsengang nicht. Auch dieses neue Geld wird, wie schon das alte, in amerikanische Filme fließen.

Nicht wenige Leute meinen, man sollte sich angesichts dieser Situation in Deutschland darauf beschränken, Fernsehfilme zu produzieren und die Förderung abschaffen. Man könne ja dann gelegentlich einen der besonders gelungenen Filme versuchsweise ins Kino bringen. Will man das wirklich? Regisseure, Autoren, Schauspieler und Produzenten drängt es trotz aller Widrigkeiten mehr denn je ins Kino. Es gibt zur Zeit geradezu eine Euphorie unter den Filmschaffenden, die Förderinstitutionen werden mit Anträgen zugeschüttet. Aus den Filmhochschulen drängen junge Regisseure und Produzenten nach vorne, die die Herausforderung der großen Leinwand und der starken Bilder suchen. Auch das Fernsehen kann kein Interesse daran haben, diese Impulse abzuwürgen. Wenn es nur noch Fernsehen gibt, ist das auch für das Fernsehen schlecht. Freilich müssen wir, falls es auch in der Zukunft deutsche Kinofilme geben soll, ein paar Dinge verändern.

Zunächst muss Schluss sein mit der Verliererdemut, die sich im deutschen Film breit gemacht hat. In keinem anderen Land ist die Konkurrenz durch die übermächtigen Amerikaner auf der einen Seite und eminent starke Fernsehprogramme auf der anderen so groß wie bei uns. In diesem Höllenstrudel behauptet sich der deutsche Film verdammt gut.

Die Filmschaffenden müssen die Diskussionshoheit über ihr Thema zurückgewinnen. Heute werden die Podien fast ausschließlich von Politikern, Förderfunktionären und Journalisten besetzt, die Produzenten finden allenfalls am Rande, die Regisseure überhaupt nicht statt. Vor allem die jungen Filmschaffenden müssen lernen, ihre Interessen öffentlich zu vertreten. Politiker nehmen in der Regel nur wahr, was auf dem offenen Markt verhandelt wird. Wahrscheinlich müssen auch neue Organisationsformen gefunden werden. Die alte AG (Arbeitsgemeinschaft neuer deutscher Spielfilmproduzenten), in den 60er Jahren die Kampforganisation des jungen deutschen Films, kann das nicht mehr leisten. Dort herrscht heute das Aggressionspotential von Steifftieren. Man kommt einmal im Jahr zusammen und diskutiert den Kassenbericht. Vom Verband der Regisseure, den es gerüchteweise auch noch geben soll, hat man seit Jahren nichts mehr gehört.

Die Filmschaffenden sollten es es sich nicht länger gefallen lassen, dass von Leuten, die selbst keine Filme produzieren, die Förderung heruntergeredet wird. Ohne Förderung gäbe es keine deutschen Filme mehr. An diesem Axiom ändern Börsengänge so wenig wie Bankenfonds. Die Förderung muss nicht abgeschafft, sie muss verbessert werden. Vor allem gilt es, sie neu zu definieren.

Pauke statt Querflöte

Die Filmförderung ist nicht, wie allgemein vermutet, eine Art Ausfallbürgschaft für Flops. Sie sollte vielmehr einen Grundsockel dafür bilden, dass Kinofilme mehr kosten als Fernsehfilme. Dieser Sockel sollte außerhalb der Wirtschaftlichkeitsrechnung stehen. Das bedeutet in der Konsequenz, er muss auch im Erfolgsfall nicht zurückgezahlt werden. Faktisch würde das für die Förderinstitutionen kaum etwas verändern, sie würden aber von der frustierenden Erfahrung erlöst, auch Erfolgsfilme, weil der Rückfluss ausbleibt, in Misserfolge umdeuten zu müssen. Jedermann weiß, dass hier seit Jahren mit viel bürokratischem Aufwand Augenwischerei betrieben wird.

Man sollte darüber nachdenken, ob nicht auch in den Bundesländern die Projektförderung wenigstens teilweise durch eine Referenzfilmförderung ersetzt werden könnte, das heißt, ein erfolgreicher Film generiert Fördergeld für den nächsten. Das würde die Produzenten unabhängiger machen und ihre Dispositionsfähigkeit erhöhen. Die Länder profitieren ohnehin von der Förderung weitaus mehr, als sie dafür leisten. Nirgendwo sonst ist das Verhältnis von Aufwand auf der einen Seite und wirtschaftlichem Effekt, Arbeitsbeschaffung und Imagegewinn auf der anderen so günstig wie hier.

Nicht zuletzt sollte das Ende der Bescheidenheit ausgerufen werden. Es ist ein unerträglicher Zustand, wenn sich in Fördersitzungen dreißig Projekte und mehr um vier bis fünf Millionen Mark balgen müssen. Natürlich können nicht alle diese Projekte gleich gut und Erfolg versprechend sein, aber für alle wurden Drehbücher entwickelt, Drehpläne und Kalkulationen erstellt, Schauspieler und Teams verpflichtet, also viel Zeit, Geld und Energie aufgewendet. Hier sind starke, zukunftsgerichtete Kräfte im Spiel, die ermutigt werden sollten. Die Forderung nach mehr Geld ist legitim, überfällig und schon gar nicht unanständig.

Es reicht nicht, dass der Bundeskulturbeauftragte medienwirksam ein Bündnis für Film ausruft und die Betroffenen anschließend in ergebnisarme Palaverrunden entsorgt. Es entspricht auch nicht der prekären Wirklichkeit der Filmschaffenden, wenn, wie in Bayern üblich, der zuständige Minister einmal im Jahr bei einem Adventskränzchen auftritt und dort weder unangenehme Fragen noch peinliche Forderungen zu befürchten hat. Die Filmschaffenden in diesem Lande haben zu lange nur noch die Querflöte gespielt, es wird Zeit, mal wieder die Pauke hervorzuholen. Ihr Klang ist zwar weniger harmonisch, dafür aber unüberhörbar.

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