50-jähriges Jubiläum der Scorpions : Biff Bang Treue

Die Scorpions wollten aufhören. Dann haben sie es sich anders überlegt. Nun gibt es zum 50-jährigen Bandjubiläum ein neues Album und einen Film.

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Immer noch hungrig. Sänger Klaus Meine (li.) bei einem Scorpions-Auftritt in Frankreich 2014.
Immer noch hungrig. Sänger Klaus Meine (li.) bei einem Scorpions-Auftritt in Frankreich 2014.Foto: imago/PanoramiC

Es gibt viele schlaue Sprüche über die Kunst des richtigen Abschieds. In Glückskeksen etwa in der Art „Abschiednehmen ist das Los der Voranschreitenden“. Solche Weisheiten haben auch die Scorpions bemüht, um ihren Rückzug vom Big Business zu erklären. Die Fans sollten sie nicht erst von der Bühne fallen sehen, sagten sie. Was vernünftig klang, sind Sänger Klaus Meine und Gitarrist Rudolf Schenker immerhin schon 66 Jahre alt, und Matthias Jabs, als zweiter Gittarist im Bunde, mit 59 auch nicht wesentlich jünger.

An die Ankündigung schloss sich eine ausverkaufte letzte Tour an: die letzte Gelegenheit, eines der wenigen verbliebenen Rockmonster aus der goldenen Ära des Rock leibhaftig zu erleben. Und zwar des Rock mit zigfachem Dehnungs-O: Roooock! Das mit der Dehnung ist Prinzip. Drei Jahre war die Band unterwegs. Die Welt ist groß. Und, sicher, um weniger als die Welt ging es nie bei den Scorpions, dieser anfangs verlachten und in Deutschland sowieso nie richtig ernst genommenen Lederjacken-Leggins-Band, die auf wundersam uneitle Art die gespreiztesten Roooock-Posen einnimmt und dafür steht, dass man mit purem Mittelmaß Größtes erreichen kann. Nur mit eisernem Willen und einer gewissen hannöverschen Unempfänglichkeit für Lächerliches. Doch nach diesen drei Jahren stimmten plötzlich die Sprüche nicht mehr.

„Warum aufhören, wenn es doch so geil ist.“

Die Musiker erklären ihren Sinneswandel so: „Warum aufhören, wenn es doch so geil ist.“ Und ein Roadie meint: „If you live your dream, everything else is a nightmare." Wenn du deinen Traum lebst, ist alles andere ein Albtraum. Was die Frage aufwirft, ob man ein gewisses Maß an Verlässlichkeit von einer Rockband überhaupt erwarten darf.

Wahrscheinlich ist das zu altmodisch. Andererseits sind die Scorpions eine altmodische Band. Sie glauben an ein Rock'n'Roll-Lebensgefühl, das schon in den siebziger Jahren, als ihr Siegeszug begann, ausgedient hatte, aber in der Selbstbehauptung über das eigene Verfallsdatum hinweg nur immer machtvoller geworden ist. Es hätte zu ihnen gepasst, den eigenen Vorsätzen die Treue zu halten. Stattdessen sind sie wieder unterwegs. Sie nennen es ihre Geburtstagstour zum 50-jährigen Bestehen. Es gibt mit „Forever and a Day“ einen Dokumentarfilm von Katja von Garnier („Bandits“) und ein neues Album mit dem sinnigen Titel „Return to Forever“.

Die einzige halbwegs überzeugende Erklärung dafür liefert der Künstler Gottfried Helnwein, der 1982 das berühmte „Blackout“-Cover der Scorpions mit einem bandagierten Selbstporträt gestaltet hatte. Er meint, mit dem selbst gewählten Ende seien die Zwänge weggefallen. „Selbstverständlich kann man danach weitermachen mit einer viel größeren Freiheit.“ Was zählt ein Wortbruch gemessen an dieser Perspektive?

Deshalb war die Band auch gleich mal so frei, die Ausschussware von früher einzusammeln, höchstens grob zu sieben und für ein weiteres Album neu aufzunehmen. Zum Jubiläum erscheinen Songs, die früher nicht gut genug waren. Jetzt sollen sie es sein. Sie sind es nicht.

Wenn schon abtreten, dann mit einem Knall

Der Manager der Scorpions hatte ganz recht, als er 2010 meinte, besser als mit „Sting in the Tail“ würden sie nicht mehr werden. Weshalb Helnwein unrecht hat, wenn er sagt, dass ein kreativer Mensch eingehe, nehme man ihm sein Kostbarstes. Dafür muss er nämlich erstmal kreativ sein. Aber wenn jedes Rock'n'Roll-Klischee auch von Klaus Meine in eine Scorpionszeile gepresst worden ist, wenn die Rock'n'Roll-Züge, Stürme und Hurrikans, die Stachelschwanz-Metaphern und die alten Autos mit den bis zum Anschlag aufgedrehten Radios sich wie auf einem Karussell wieder und wieder drehen, ist das nur für die aufregend, die etwas anderes hinauszögern wollen. „We're going out with a bang“, unkt Meine denn auch in einem von drei passablen neuen Songs, in dem es, na klar, um die eigene Unverwüstlichkeit geht. Wenn schon abtreten, dann mit einem Knall. „No sign of slowing down.“ Der Auftaktsong überrascht mit erdigem Southern-Rock-Groove, die beiden E-Gitarren jaulen unisono durch Power-Breaks. Das ist so seventies wie nur irgendwas, aber immerhin gut gemacht. Und dann ist da noch die Freude, irgendwie connected zu sein, wie Meine sagen würde.

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