• 50 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung wird Per Højholt für Deutschland entdeckt

Kultur : 50 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung wird Per Højholt für Deutschland entdeckt

Hanns Grössel

Vor fünfzig Jahren veröffentlichte der dänische Schriftsteller Per Højholt seinen ersten Lyrikband. In Deutschland wird er jetzt erst bekannt: Peter Urban-Halle und Henning Vangsgaard legen aus seinen Gedichten und Essays eine Auswahl vor. "Der Kopf des Poeten" lautet ihr Titel - nach einem Buch, das Højholt 1963 herausbrachte, das seine "ersten guten Gedichte" enthält, wie er urteilt. Wohl deshalb haben die Herausgeber auf frühere Publikationen nicht zurückgegriffen, sich auf die Produktion aus den drei Jahrzehnten bis 1995 beschränkt.

Das Titelgedicht beginnt mit der Zeile: "Weit auf dem Meer dümpelt der Kopf des Poeten." Der Poet ist der göttliche Sänger Orpheus: dem reißen im altgriechischen Mythos thrakische Frauen den Kopf ab, nageln ihn an seine Leier und werfen ihn ins Meer, über das er, weithin tönend, zur Insel Lesbos treibt. Was die Thrakerinnen mit Orpheus tun, das tut Højholt mit bestimmten Vorstellungen vom Dichter, vom Dichten, vom Gedicht. Er zerlegt sie, um Grundlagen für sein eigenes Schreiben zu klären. Diese Klärung hat er über Jahre in mehreren Essays weitergetrieben. Vier davon sind in den Auswahlband aufgenommen worden. Sie erscheinen unterm Strich, unter den zweisprachig wiedergegebenen Gedichten, lassen sich als fortlaufende Fußnote lesen.

Zweierlei will Højholt neu bestimmen: die Funktion des Autors und die Funktion des Textes - beides mit Auswirkungen auf die Rolle des Lesers. Dabei hilft ihm die Auseinandersetzung mit dem französischen Lyriker Stéphane Mallarmé (1842-1898), wie Hugo Friedrich ihn interpretiert hat. Auf dessen Buch "Die Struktur der modernen Lyrik" (1956) bezieht Højholt sich mehrmals ausdrücklich und führt damit seinerseits jenes "Zusammentreffen von Dichtung und ranggleicher (. . .) Reflexion über Dichtung" herbei, das Friedrich zufolge "ein wesentliches Symptom der Modernität ist".

"Beschreibt nicht das Objekt selbst, sondern die Wirkung, die es hervorbringt", hatte Mallarmé gefordert. Die "Wirkung des Objekts in der Sprache" ist der Text. An ihm - und nur an ihm - kann die Wirkung abgelesen werden. Der Autor hat am Zustandekommen des Textes zwar mitgewirkt, aber als Individuum ist er im Schaffensprozess weggefallen - für Højholt "Mallarmés zweite Entdeckung". Von jetzt an ist der Leser gefordert, denn der Text wird, so Højholt, "danach streben, ein Ding an sich zu werden, selbstgültig, konkret, etwas, das weiterhin den Einsatz des Autors als Voraussetzung hat, aber kein ausschließliches Ergebnis dessen ist: Leser und Text ziehen sich gegenseitig in eine Bedeutungsproduktion."

Auch in seinen Essays bleibt Per Højholt Dichter: ein Eulenspiegel mit seinem Leser und sich selbst. Er leistet notwendige Kopfarbeit, doch der Kopf des Poeten Højholt ist nicht kopflastig. "Meine wichtigste sprachliche Inspiration ist die Alltagssprache", hat Højholt schon 1966 erklärt. Je genauer er die Funktion von Autor, Text und Leser bestimmt, desto größer wird die Leichtigkeit seiner Texte - und ihre Deutlichkeit, wie das Gedicht "Die deutliche Amsel" zeigt: "Eine Amsel kam geflogen / aus dem Nebelinnern / hier sitzt sie nun / und singt auf einer nassen Latschenkiefer / gleich fliegt sie zurück / zur Natur."

Poesie und Poetik in einem: die Amsel singt, aber nur für die Dauer ihres Singens und nur als Wort ist sie im Text anwesend. Das Gedicht stammt aus dem Band "Praksis, 1" (1977), dem bis 1996 elf weitere, fortnummerierte Bände gefolgt sind. Sie enthalten sowohl Gedichte als auch Prosatexte; "Praksis, 7" (1988) beispielsweise acht Prosatexte, von denen Tomas Edberg, seine letzten Jahre und deren Beschreibung 1991 in Nr. 162 der Zeitschrift "die horen" zu lesen war. Und in Gesprächen mit dem Filmemacher Lars Johannson erzählt Per Højholt von zwei Romanprojekten, an denen er seit 1978 wechselweise arbeitet: "Auriculum", ein Roman in sechs Büchern, der anhand eines Querschnitts durch das Jahr 1915 eine Bestandsaufnahme unseres Jahrhunderts bieten soll, und "Hans Henrik Mattesen", eine Monographie, ein Roman über ein Original, das auf dem Lande lebt wie Højholt selber, der am 22. Juli 1928 in der Hafenstadt Esbjerg geboren ist und jetzt in Jütland wohnt, 10 Kilometer südwestlich von Silkeborg.

Gedichtetes und Durchdachtes treten bei diesem Autor in ein anziehendes Wechselspiel. Was sich aufbieten lässt, um deutschsprachige Leser daran teilhaben zu lassen, vereinigt der Auswahlband in den Straelener Manuskripten auf vorbildliche Weise: Textauswahl und Nachwort aus genauer Kenntnis des Gesamtwerks, zweisprachige Wiedergabe der Gedichte und eine zweisprachige CD, auf der 25 Gedichte zu hören sind, gut die Hälfte aller ausgewählten. Die Übersetzung folgt dem Wortlaut des Originals so dicht wie möglich. Da Højholt nicht reimt, entstehen für die Übersetzer keine Zwänge zu Verlegenheitslösungen, und zu verwässernder Vielsilbigkeit lässt die Präzision seiner Texte keine Versuchung aufkommen. Die Luft um Per Højholts Poesie ist hell und tragfähig.Per Højholt: Der Kopf des Poeten. Gedichte, Essays und eine CD, zweisprachig. Herausgegeben und aus dem Daenischen übersetzt von Peter Urban-Halle und Henning Vangsgaard. Straelen 1999. 141 S. , 58 DM - Lars Johansson: Udsatte egne - det er mig. Samtaler med Per Højholt (Ausgesetzte Gegenden - das bin ich. Gespraeche mit Per Højholt). Verlag Borgen, Kopenhagen 1999. 136 S. , 169 Kronen.

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