Kultur : 50 Jahre Suhrkamp: Der Buchmacher

Hans Christoph Buch

Der Verleger Siegfried Unseld ist das, was die deutsche Fußballnationalelf händeringend sucht: ein Teamchef - früher sagte man Mannschaftskapitän dazu -, der defensiv wie offensiv spielen, Räume eng oder weit machen und Tore schießen kann und der sich dabei mannschaftsdienlich verhält. Der Vergleich mit einem Sportler kommt nicht von ungefähr: Siegfried Unseld ist ein Langstreckenschwimmer, der täglich in einem Frankfurter Freibad oder in seinem Haus am Klettenbergweg sein Training absolviert. In jüngeren Jahren ließ er sich mit befreundeten Schweizer Autoren von Bern aus die Aare hinabtreiben, und er erzählt gern, wie er bei Kriegsende aus der von der Sowjetarmee belagerten Festung Sewastopol ins Schwarze Meer sprang und in die Dunkelheit hinausschwamm in der Hoffnung, von einem Schiff gerettet zu werden. Stunden später fischte ihn ein deutsches Schnellboot aus dem Meer, während die in Sewastopol eingeschlossenen Soldaten bei der Erstürmung der Stadt oder später in russischer Gefangenschaft ums Leben kamen.

Siegfried Unseld hat den bulligen Charme eines Bademeisters oder Skilehrers und die raumgreifenden Bewegungen von Helmut Kohl, wenn er Besucher oder Autoren in sein Büro dirigiert. Peter Suhrkamp soll den breitschultrigen jungen Mann, der 1952 auf Empfehlung von Hermann Hesse in seinen Verlag eintrat, mit einer brünstigen Dogge verglichen haben, die sich im Freien wohler fühle als hinter dem Schreibtisch, wie Max Frisch überliefert hat. "Er sah aus wie unser Bodyguard, nicht wie unser Verleger," schrieb Franz Xaver Kroetz zu Unselds sechzigstem Geburtstag und verglich den Jubilar abwechselnd mit einem Preisboxer und mit einem Dinosaurier, der viel Platz braucht.

Die physische Präsenz des Verlegers ist also unbestritten, aber wie steht es mit der geistigen Präsenz des Verlags, der heute 50 Jahre alt wird? "Marshal McLuhan hat im Dezember 1970 das Ende des Buches für Dezember 1980 vorausgesagt", hat Unseld einmal gesagt, "im Dezember 1980 starb aber nicht das Buch, sondern Marshal McLuhan, und sein Institut für Zukunftsforschung in Toronto wurde geschlossen."

Der Suhrkamp-Verlag aber lebt, und er geht seinen Weg wie eine Kamelkarawane, die mit Bücherschätzen beladen durch die Wüste zieht, von bellenden Hunden, Schakalen und Hyänen verfolgt; von Sandstürmen und Luftspiegelungen bedroht, die sie vom richtigen Weg abzulenken versuchen.

Die fünfzigjährige Erfolgsgeschichte des Verlags wurde von krisenhaften Entwicklungen begleitet, die sich manchmal zu Katastrophen zuspitzten und zusammen mit dem ökonomischen Fundament auch das literarische Profil gefährdeten. Schon die Gründung des Suhrkamp-Verlags war eine schmerzhafte Geburt. Vorausgegangen waren Querelen zwischen Peter Suhrkamp, der den S. Fischer-Verlag über die Nazizeit gerettet und für seine aufrechte Gesinnung mit KZ-Haft gebüßt hatte, und dem aus dem Exil zurückgekehrten Bermann Fischer. Dieser wollte seinen Cheflektor zum jederzeit kündbaren Verlagsberater degradieren. Um einen Prozess zwischen zwei Verfolgten des Nazi-Regimes zu vermeiden, wurde es den Autoren anheimgestellt, sich für Fischer oder Suhrkamp zu entscheiden.

Hermann Hesse, Bertolt Brecht, Max Frisch und andere, heute namhafte Autoren, optierten für Suhrkamp, doch damit war das ökonomische Überleben des Verlags, der 1950 im Hinterzimmer eines Frankfurter Buchgrossisten debütierte, in der schwierigen Nachkriegszeit keineswegs sicher. Das beginnende "Wirtschaftswunder" führte nicht zu einer verstärkten Nachfrage nach schwieriger und anspruchsvoller Literatur. Hermann Hesse war der einzige Vorkriegs-Bestseller in Peter Suhrkamps Programm; Brecht war von seiner Kanonisierung als Klassiker noch weit entfernt, Benjamin und Adorno waren nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt, während Max Frisch erst noch durchgesetzt werden musste bei Lesern und Kritikern. Der Zeitgeist der frühen fünfziger Jahre artikulierte sich anderswo: Die Werke von Kafka und Thomas Mann wurden bei S. Fischer verlegt, Sartre, Camus, Faulkner und Hemingway bei Rowohlt, Heinrich Böll bei Kiepenheuer und Witsch.

Dass Suhrkamp sich schließlich durchsetzte, lag nicht nur am persönlichen Charisma, mit dem Peter Suhrkamp seine Autoren an sich band. Es lag auch an seinem durch die zwanziger Jahre geprägten pädagogischen Eros, der sich in der Gründung der Bibliothek Suhrkamp niederschlug. Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre wurden die Autoren der frühen Nachkriegsliteratur von einer neuen Generation abgelöst, die das Profil des Suhrkamp-Verlags nachhaltig geprägt hat: Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Uwe Johnson und Peter Weiss.

Im April 1959 hatte Siegfried Unseld die Nachfolge des nach langer Krankheit verstorbenen Peter Suhrkamp angetreten. Das Wachstum des von ihm geführten Verlags lässt sich an dessen immer größer werdenden Häusern ablesen: 1968 siedelte Suhrkamp aus einer Gründerzeitvilla im Grüneburgweg in ein modernes Bürohaus in der Lindenstraße 29 über, das heute aus allen Nähten platzt. Der kastenförmige Neubau liegt in einer von Bäumen beschatteten Einbahnstraße des Frankfurter Westends, eingezwängt zwischen dem Bankhaus Löbbe, im Dritten Reich Sitz der Gestapo, und einem Wohngebäude, das im Volksmund Allende-Haus heißt, weil Unseld es mit den Einnahmen aus Isabel Allendes Bestsellern bezahlt haben soll. Gegenüber ist eine Imbissstube, rechts um die Ecke das legendäre Café Laumer, wo man Mitarbeitern der Firma Suhrkamp beim Mittagessen zuschauen kann.

1968 wurde zum Schicksalsjahr des Verlags: Studenten besetzten das Institut für Sozialforschung, und barbusige junge Frauen verspottten dessen Direktor und philosophischen Vordenker, Theodor W. Adorno, als Teddybär. Die studentischen Kulturrevolutionäre waren Opfer ihrer Lektüre, jener bunten Bändchen der von Willy Fleckhaus kreierten edition suhrkamp, die der roten Mao-Bibel zum Verwechseln ähnlich sah. Der Zeitgeist von 1968, den die edition suhrkamp und das von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene Kursbuch beschworen, drohte, den Verlag hinwegzuschwemmen: Dessen Mitarbeiter verlangten Mitbestimmung, zahlreiche Autoren solidarisierten sich mit ihnen - allen voran Enzensberger, während Peter Weiss "im Interesse der Weltrevolution" seinem Verleger die Treue hielt. In einem beispiellosen Kraftakt setzte Unseld die tüchtigsten Lektoren des deutschsprachigen Literaturbetriebs vor die Tür.

Das alles ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass Siegfried Unseld Anfang 1968 nur knapp dem Tode entronnen ist: Am 2. Januar kam er im Nebel von einer Skipiste ab und versank bis zum Hals im frisch gefallenen Schnee. "Am Sonnabend zuvor hatte er mit seinem Freund Martin (Walser) einen Disput gehabt, ob die Abfahrt rechts oder geradeaus führe, nun ja, Orientierung im Hochgebirge ist halt nicht Martins Sache, und Brillenträger haben es ohnehin schwerer, aber ihm kann, darf das nicht passieren, ausgerechnet ihm, der die Abfahrt wie seine Westentasche kennt", schrieb Siegfried Unseld in einem Privatdruck für die Freunde des Verlags. "Keine Panik, kein Durchdrehen, kein Gehenlassen. Du gibst nicht auf. Bewegung ist alles, ist Leben." Und er schwimmt durch den Pulverschnee, wie damals im Schwarzen Meer, zu einer verlassenen Skihütte, wo er ein Feuer entfacht und, wie einst an Bord eines Schnellboots, die steif gefrorenen Glieder wärmt. Hätte Unseld die Schutzhütte nicht erreicht, gäbe es den Suhrkamp-Verlag heute vielleicht nicht mehr.

Letzter Ausläufer der Spaßguerilla von 1968 war die auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 1981 angekündigte edition sual, eine postmoderne Firmenfusion von Suhrkamp und Aldi mit Titeln wie: "Die Syntax der Bohrung", "Zur Psychologie des Heimwerkers" und "Esperaldi - Ein transformatives Kochbuch. Mit einem Palmin-Stück von Joseph Beuys".

Kaum war dieser Feind abgewehrt, drohte dem Suhrkamp-Verlag neues Ungemach in Form eines alttestamentarisch anmutenden Generationenkonflikts, der Ende der achtziger Jahre zum Bruch zwischen Vater und Sohn eskalierte. Wie in einer kitschigen Familiensaga hatte eine attraktive junge Autorin namens Ulla Berkéwicz zuerst Unselds Frau Hilde und dann dessen Sohn Joachim aus der Gunst des Vaters verdrängt. Meinungsverschiedenheiten über die Zukunft des Verlages erweiterten den Bruch, und 1990 bekam der ehedem zum Kronprinz gekürte Joachim Unseld sein Erbe ausbezahlt. Er managt heute erfolgreich die Frankfurter Verlagsanstalt. Siegfried Unselds ohnehin patriarchalischer Führungsstil wurde mit den Jahren immer autokratischer, langjährige Mitarbeiter verließen das Haus.

Wer heute das Suhrkamp-Gebäude in der Lindenstraße betritt, glaubt sich in eine Kathedrale des kritischen Geistes versetzt: Im Vestibül empfängt den Besucher eine christbaumartige Installation, an der Porträts fast aller Autoren des Verlags befestigt sind: von Thomas Bernhard und Samuel Beckett über Louis Begley bis zu Wolfgang Koeppen und Adolf Muschg. Aufschlussreicher als all die klangvollen Namen sind diejenigen, die fehlen, weil Siegfried Unseld sich vergeblich um ihr Werk bemüht hat oder weil sie nach einem Gastspiel in seinem Verlag andere Wege gegangen sind: wie Milan Kundera, der verärgert zu Hanser übergelaufen ist, oder John Updike, García Márquez und Günter Grass, die nie Suhrkamp-Autoren geworden sind. Oder Jürg Laederach, der aus Empörung über Peter Handkes Äußerungen zum Balkankrieg den Verlag verließ.

Aber was unter dem Strich übrig bleibt, ist mehr als genug: In einem atombombensicheren Keller in Unselds Wohnhaus in der Klettenbergstraße, dessen Dachstube durchreisenden Autoren als Nachtquartier dient, sind sämtliche Titel aller Autoren des Suhrkamp-Verlags eingebunkert - ein einzigartiges Archiv moderner und postmoderner Literatur, Philosophie und Wissenschaft, aus dem man, auch wenn alles Übrige vernichtet wäre, das aus der Katastrophe des Nationalsozialismus wiederauferstandene, kritische Denken des 20. Jahrhunderts lückenlos rekonstruieren könnte.

Ob dieses literarische Erbe auch für das 21. Jahrhundert reicht, ist eine Frage, die sich erst in fünfzig Jahren beantworten lassen lässt, wenn der Verlag seinen hundertsten Geburtstag begeht.

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