Kultur : 51. Berliner Festwochen: Irritierend schön

Eckart Schwinger

Der konzessionslose Neuerer kannte sich in der alten Musik besser aus als die meisten seiner radikalen Weggefährten. Als er 1934 ein tonales Stück im alten Stil schrieb, meinten seine Gegner schon, er sei reumütig zur Tonalität zurückgekehrt. Aber Schönberg war nicht umgefallen. Nachdem er 1933 zur Aufgabe seines Berliner Lehramtes gezwungen wurde, stand er in den USA vor dem Nichts. Und so komponierte er für das Orchester der New York University die tonale Suite mit Ouvertüre, Fuga, Menuett, Gavotte und Gigue. Natürlich ist sie keine eine barocke Stilkopie, sondern ein mit altmeisterlichen Techniken und hochvirtuosen Spielarten gewaschenes, mit Brahmsschen Harmonien eingefärbtes Stück. Die Tanzmodelle werden zwar rhythmisch wie thematisch ordentlich durcheinander gewirbelt, aber das Ganze wirkt - im Gegensatz zu Strawinskys oder Prokofjews frechen neoklassizistischen Stücken - etwas schwerblütig und zähflüssig. Was man gewiß nicht Sebastian Gottschick und dem Ensemble Oriol anlasten kann, die bei ihrem zweiten Festwochenabend im Kammermusiksaal der Philharmonie die Schönbergsche Suite gehörig aufmischten und auf Hochglanz brachten. Auch Beethovens scharf gezackte Große Fuge Opus 133 (1826), erklang in der eigenen Streichorchesterfassung des Ensembles in knisternder Genauigkeit und zeitnaher Klangschönheit.

Wie irritierend schön Schönberg klingen kann, wurde nicht zuletzt bei der "Verklärten Nacht" (1899) deutlich, die von Gottschick außerordentlich sensibel und formvoll ausgeleuchtet und von seinen Streichern mit schlankem Klangstil und dynamischer Feinnervigkeit gespielt wurde. Und schließlich wurde als deutsche Erstaufführung das nur drei Minuten dauernde Notturno für Streicher und Harfe (1896) des 22-jährigen Schönberg serviert. In der Verbindung von zart aufblühender Klangphantasie und kunstvoll einfacher Faktur liegt sein Reiz. Es ging in zauberhafter Leichtigkeit über die Bühne.

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