Kultur : 51. Berliner Festwochen: Mon ami Pierrot

Isabel Herzfeld

Das "missing link" der diesjährigen Festwochen-Säulen Beethoven und Schönberg ist ein Bekannter und zugleich Unbekannter: Artur Schnabel, dem die Akademie der Künste dank der großzügigen Nachlassschenkung der Söhne eine umfangreiche Ausstellung und eine fünfzehnteilige Konzertreihe widmen kann. Als Pianist weltberühmt, der größte Beethovenspieler seiner Zeit, schrieb er nicht nur mit seinen Klavierabenden und Schallplattenaufnahmen, sondern auch mit akribischen Urtextausgaben vornehmlich von Beethoven und Schubert bis heute wirkende Interpretationsgeschichte. Doch der Hohepriester des Komponistenwillens war zugleich selbst ambitionierter Verfasser eines recht umfangreichen Oeuvres, das sich in späteren Jahren zu Chor und Orchester vorwagte.

Experimentelle Initialzündung wurde Schönbergs "Pierrot lunaire", bei dessen Proben Schnabel 1912 mitwirkte. Fortan versuchte er sich in einer konsequent atonalen Schreibweise, durch die gleichwohl Traditionelles eigentümlich durchschimmerte. Wahrlich ein Verdienst der Akademie, das Universalgenie, als Komponist völlig unbekannt, in einer Konzertreihe mit seinem gesamten Kammermusikschaffen vorzustellen. In diesem nimmt das Klavier, zumindest als virtuoses Soloinstrument, längst nicht den Platz ein, den man im Vergleich mit anderen Tasten-Kollegen vermuten könnte. Ferruccio Busoni gehörte dazu, mit dem sich Schnabel zu Beginn seiner Berliner Zeit - von 1898 bis 1933! - zu messen hatte. Hier entstanden tatsächlich ambitionierte Klavierwerke von atemberaubender Virtuosität, wie der Pianist Geoffrey Tozer im Eröffnungskonzert vorführte. Die "Tanzsuite" von 1921 packt in die scheinbar populäre Satzfolge von Foxtrott und Walzer eine zarte Liebesgeschichte mit allen Stationen von "Begegnung, Werbung, Fühlung". Immer wieder aber müssen die Ragtime- und Habanera-Rhythmen gegen harmoniefremde Arpeggien oder Trillerketten ankämpfen, verlieren nachgerade ihr Profil unter immer neuen, nur flüchtig auftretenden Einfällen.

Äußerst schwierig auch der Gang durch den Stimmendschungel der Sonate von 1923. Fünf ausladende Sätze tragen schon im Titel den Stempel grenzüberschreitender Romantik, am späten Beethoven angelehnt: "Feurig, verwegen, ohne Aufenthalt, aber auch ohne Hast und Erregung, ganz gesund." Solche Überfülle regiert die mit Aufführungshinweisen übersäte Partitur und auch den Klangeindruck. Fast scheint es, als habe Schnabel, der Musik als "die ganze Welt noch einmal" ansah, hier auch alle Klänge auf einmal verwirklichen wollen - zumindest streifen enge Dissonanz-Schichtungen immer wieder Cluster-Wirkungen. Während Schönberg gerade durch die melodischen Spannungen der großen Intervalle an die Grenzen des Tonalen stieß und dies in die Konsequenz der Zwölftönigkeit ummünzte, geht Schnabels Musik in Tonschritten vor, ist damit melodisch nicht recht zu fassen. Immer noch Zukunftsmusik?

Wie sehr das Profil eines Komponisten vom Mut zum Weglassen lebt, war auch im zweiten, vom Vogler-Quartett bestrittenen Konzert zwingend zu erfahren. Karl Amadeus Hartmanns Streichquartett Nr. 1 von 1933 ist ein Werk der aussagekräftigen Gesten, die im langsamen Satz in wenigen Flageoletttönen visionäres Flair erreichen. Doch auch Schnabels Quartett Nr. 4 nimmt sich gegenüber der Sonate erstaunlich zurück, besticht durch die Verquickung barocker Gebärden mit fragil-expressiver Klanglichkeit. Diese Musik der besonderen Komplexität scheint auch der besonderen Transparenz zu bedürfen, die das Vogler-Quartett mit bewundernswert farbiger Akzentsetzung aufbrachte.

Gespannt sein kann man vielleicht gerade unter diesem Aspekt auf das Spätwerk, vor allem auf das vom Komponisten selbst am meisten geliebte Klaviertrio von 1945, gespielt vom Ravinia-Trio am 6. 9. Das Streichtrio op. 30 (1925) und die Sonate für Violoncello solo (1931) müssen sich am 7. 9. in der Interpretation des "trio recherche" mit Werken von Haubenstock-Ramati und Krenek messen. Die Altistin Monika Degenhardt bietet einen Einblick in das frühe Liedschaffen (8. 9.). Im Rahmen des Schnabel-Symposions im Musik-Instrumentenmuseum (8./9. 9.) wird auch der Meister selbst auf den Klavierrollen des Steinway-Welte-Flügels zu hören sein. Das Deutsche Symphonie-Orchester unter Jürg Wittenbach spielt am 16. 9. Schnabels Symphonie Nr. 2. Den Schlusspunkt setzt Dietrich Fischer-Dieskau am 30. 9. mit dem "Notturno" nach Richard Dehmel, mit dem Schnabel schon 1914 in klangliches Neuland vorstieß.

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