60. Geburtstag von Salomé : Die Milden und die Wilden

Ein schmales Haus am Moritzplatz hat Kunstgeschichte geschrieben. Der Maler Salomé lebt noch immer dort. Jetzt wird er 60 – und seine jungen Nachbarn wollen das alte Kreuzberg erhalten.

Cornelia Gerlach
Salomé (links) und Autor Gerhard Hoffmann bei einer Party in der Bar jeder Vernunft.
Salomé (links) und Autor Gerhard Hoffmann bei einer Party in der Bar jeder Vernunft.Foto: Georg Gerd/Eventpress

„Sollen die doch spielen“, ruft Salomé in den Raum und fährt mit seinen feinen, langen Fingern durch die Luft. „Kinder wollen spielen und Neues ausprobieren und böse sein und die Eltern ärgern, und das ist ja gut so. Nur so entwickelt sich die Gesellschaft.“ So haben sie es gemacht, seine Freunde und er, ab Mitte der Siebzigerjahre im Haus Oranienstraße 58 am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg. Sie waren jung, und sie taten das, woran sie glaubten: Mit breiten Pinseln, expressionistischem Schwung und harten Themen katapultierten sie sich in die Öffentlichkeit. Schnell waren Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Bernd Zimmer und Salomé berühmt: die Neuen Wilden.

Das, was heute im schmalen, gelben Haus am Moritzplatz passiert, ist so ganz anders. So suchend. So leise. So um sich selbst kreisend. Tango, nicht Punk. Fast ärgerlich in dem Sich-Nicht-Festlegen-Wollen. Und der Maler Salomé, der am Sonntag 60 Jahre alt wird, wohnt und arbeitet noch immer hier.

Szenen voll Begehren und Lust

Frühjahr 1975. Wie ein gammeliger Zahn ragt das Haus über flache Gewerbehöfe. Am Moritzplatz ist die westliche Welt zu Ende, hier macht die Mauer einen Knick. Salomé ist gerade aus seinem Atelier geflogen, zusammen mit seinem Freund Rainer Fetting. Sie sehen zu wild aus, befindet der Vermieter, und sie sind zu schwul.

Am Moritzplatz entdecken sie ein altes Fabrikgebäude. Die Räume stehen leer. Sie fragen den Hausmeister, der sie zur Gewerbesiedlungsgesellschaft schickt. Salomé investiert ein Drittel seines Bafögs in die Miete. Und malt. Groß und laut und bunt, die Bilder kreisen um Selbstdarstellung. „Fuck“ heißt ein Zyklus aus dieser Zeit, nackte Männerkörper auf blutrotem Grund, Szenen voll Begehren und Lust. Tabu-Themen, damals. „An der Kunsthochschule hatten die Professoren durchs Atelierfenster geglotzt, um zu sehen, was ich trieb.“ Hier am Moritzplatz kann er sich entfalten.

Die Räume sind groß und hoch und im Sommer ideal, im Winter kalt. Die Fenster sind dünn und rott, es zieht, das Geld reicht nicht für einen Ofen. „Im Winter 1976/77 bin ich fast erfroren in dieser Bude.“ Sie kleben die Fenster mit Plastikfolie ab. Ein Bad gibt es nicht, zum Duschen müssen sie ins Hallenbad gehen. Zum Jobben in die Bars und Kneipen, Salomé tanzt Striptease auf dem Tresen.

Dem etablierten Galerie-Betrieb ein Schnippchen schlagen

1977 gründet Salomé mit Freunden die Galerie am Moritzplatz. Sie mieten dafür eine weitere Etage, jeder zahlt 25 Mark im Monat und stellt sich selbst aus. Das Selbsthilfe-Projekt soll dem etablierten Galerie-Betrieb ein Schnippchen schlagen. Sie malen ein Transparent wie für eine Demo und hängen es aus dem Fenster. Die Leute kommen. Die Ausstellungen sind schnell sehr beliebt, und auch die Parties. Es spricht sich herum, dass hier etwas passiert.

Moritzboys werden sie genannt. Ihr geografisches Zentrum hat Einfluss auf die Kunst. Rainer Fetting malt die Mauer, die Grenze, die Wunde der Stadt. Auch für Salomé war der Ort wichtig. Ja, er lag „am Arsch der Welt“, wie er es nennt, hier wollte niemand wohnen. Die Nachbarn sind, wenn nicht Künstler, dann überwiegend Migranten. Am Morgen, der Blick aus dem Fenster: „Auf die scheiß Wachtürme und die blöde Mauer. Dahinter war es furchtbar grau, da war kein goldener Sozialismus, sondern Unterdrückung und Überwachung. Die Mauer hat sie geschützt, vor unseren Ideen, vor unserer Liebe zur Freiheit und unserem Drang, anders zu sein.“

Kommerziell war die Selbsthilfe-Galerie anfangs kein Erfolg. „Wir haben nichts verkauft“, erzählt Salomé. Aber darum ging es auch nicht. Es ging darum, Kunst zu machen und zu zeigen. 1980 lud das Haus am Waldsee vier Moritzboys ein, ihre Werke dort zu zeigen. „Heftige Malerei“ war die Schau betitelt. Da war Punk und Sex und diese ganzen Geschichten. Da war Aufbruch. Etwas Neues. „Eben war ich noch Meisterschüler", erzählt Salomé, „und ein Jahr später schon zeigte das Museum of Modern Art meine Bilder.“ Kunsthändler kamen und kauften das Atelier leer. Sie brachten Stapel von Geld. „Genug, dass man eine Flasche Champagner leersaufen konnte, ohne es zu bereuen.“ Viele Jahre später hat er von dem Geld auch das Atelier gekauft.

"Die Stadt bestimmt das Haus."

Wie anders ist der Ort heute. Gegenüber liegt der Neubau vom Aufbau-Verlag, daneben hieven Kräne noch mehr Beton für noch mehr kreative Projekte in die Luft. Links sind die Prinzessinnengärten, da züchten in der letzten Baulücke Aktivisten urbanes Gemüse. Teresa Steidle, 29, geht mit leichtem Schritt durch den Raum, den ihre Familie vom Vater geerbt hat, und der sich so wunderbar als Café eignen würde oder als Design-Klamotten-Laden oder als Repräsentanz für ein kreatives Gewerbe: mit üppigem Stuck unter der Decke und fleckigem Putz an den Wänden, der die vergilbten Spuren der Geschichte freilegt, und einem Schaufenster zum Moritzplatz, wo sich Berlin immer schneller neu erfindet.

Keine Schreibtische, derzeit auch keine Kunst an den Wänden. Teresa Steidle setzt sich neben Ossian Fraser, ihren Freund. „Wir kennen und wir lieben diesen Raum“, sagt sie. Fraser erklärt: „So einen Ort zu haben zwischen all den anderen Orten, wo es nur darum geht, zu konsumieren, finden wir sehr kostbar.“ Es ist ihr Plan, keinen Plan zu haben.

Früher hatte Teresas Vater hier ein Büro, eine Berliner Dependance seines großen Architekturbetriebs. „Nicht das Haus bestimmt die Stadt, sondern die Stadt bestimmt das Haus“ war seine Maxime. Und die Stadt bestimmte, dass in dieser Ecke von Kreuzberg Dinge möglich waren, die anderswo schwierig geworden wären. Auch später noch, als das Land Berlin seine Immobilien verkaufte, war der Preis günstig. Dies war ja die hinterletzte Ecke von Kreuzberg, gleich neben der Mauer. So kam der Laden in den Besitz der Familie.

Teresa Steidle ist für den Tango nach Berlin gekommen. Ossian Fraser teilt diese Begeisterung. Er ist bis Sommer 2014 Meisterschüler an der Kunsthochschule Weißensee. Manchmal schien ihnen der Gedanke, am Moritzplatz Kaffee und Kuchen zu servieren, verlockend. Aber etwas in ihnen sträubte sich dagegen. Und je intensiver sie versucht haben, Businesspläne zu schreiben, desto zäher wurden die Gespräche.

Dann kamen Studenten, um eine Ausstellung vorzubereiten. „Schwindel“ sollte sie heißen, wie das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man an diesem Platz unterwegs ist, im Kreisverkehr. Wo Berlin sich immer schneller um sich selbst dreht. Fraser und Steidle gehören zu einer Generation, die alle Möglichkeiten hat und sich nicht festlegen möchte.

Die Nische wird verteidigt

Irgendwann kam Salomé ins Spiel. Und mit ihm die Geschichte des Ortes. Sie kannten sich. Hatten zusammen Unkraut gejätet und Blumen gepflanzt, um den Hinterhof zu verschönern. Fraser wusste aus dem Studium um Salomé und die Galerie am Moritzplatz, und dass hier in diesem Haus Anfang der 80er Jahre eine Gruppe junger Maler Kunstgeschichte geschrieben hat. Frasers eigene künstlerische Arbeiten sind, wenn man so will, ein Gegenpol zu Salomés Kunst. Er arbeitet mit Interventionen im städtischen Raum. Einmal hat er zum Beispiel in den Staub auf den Glasscheiben am U-Bahnhof Jannowitzbrücke exakte Kreise freigeputzt, die den Blick durch das Fenster auf die Stadtlandschaft strukturieren. Wer aufmerksam unterwegs ist, findet diese Kunst und kann über die Wochen hinweg erleben, wie sie wieder verschwindet.

Auf seine Art ist auch der Salon am Moritzplatz eine Intervention im Stadtraum: Weil hier Ungewöhnliches passiert, die üblichen Konzepte nicht greifen. Aber das als Kunst zu bezeichnen, weisen Teresa Steidle und Ossian Fraser von sich.

Sie hatten kaum angefangen zu renovieren, da standen schon Leute in der Tür. Es war nachts um halb eins, als die ersten kamen. Sie fragten, ob man hier nicht einen Späti oder eine Sandwichbude oder einen Laden machen kann. Einer stand mit Anzug und Koffer in der Tür, und sie hatten das Gefühl, der kam gleich mit dem Geld. Sie lehnten ab. Die Interessenten fragten: „Egal, was wir bieten, ihr würdet nicht verkaufen?“

Sie verteidigen ihre Nische, wo einst die wilden Maler wohnten. Noch. Kann sein, dass sich das irgendwann ändert, festlegen wollen sie sich auch da nicht.

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