61. Kurzfilmtage Oberhausen : Andere Welten, eigene Wurzeln

Der Gewinnerfilm "Klang meiner Seele" kommt aus Polen, der deutsche Sieger "Schicht" beschäftigt sich mit den Wurzeln der eigenen Existenz: Die 61. Kurzfilmtage Oberhausen.

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Der deutsche Preisträgerfilm "Schicht".
Der deutsche Preisträgerfilm "Schicht".Foto: Kurzfilmfestival Oberhausen

Unsere Augen, sagt der Berliner Filmemacher Björn Speidel, stellen im Kino unentwegt die Schärfe nach. Sie sind im Training, um sich in illusionären Bildräumen zu orientieren, als sei die flache Leinwand eine dreidimensionale Welt. Das 3-D-Kino ist da nur eine schlüssige Weiterentwicklung, die man nicht den Blockbustern aus Hollywood überlassen sollte.

Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen verstehen sich traditionell nicht nur als Leistungsschau des aktuellen Kurzfilmschaffens. Fünf Tage lang trifft sich ein überwiegend junges Publikum im Lichtburg-Kino in der Fußgängerzone, um neben den Wettbewerbs- und den Kinderprogrammen sowie der Sektion für Musikvideos auch klug begleitete Archivbegehungen und Werkschauen profilierter Avantgardefilmer zu erleben. Und nicht zuletzt auch Debatten um die Zukunft der individuellen Produktion jenseits konventioneller Film- und Fernsehästhetik

Wildes 3-D-Kino

Die 61. Festival-Ausgabe bot einen Schwerpunkt zur Geschichte der stereoskopischen Bilder. In „Wanderlust“, Björks genialem Musikvideo-Trip, erlebt der Zuschauer eine Landschaft surreal mutierender Pflanzen und Tiere. In „5 m 80“ macht sich eine Herde täuschend echter Giraffen den Spaß, in einem Pariser Hallenbad hübsch choreografiert vom Fünfmeterturm zu springen. „Ztring Theory“ bringt animierte physikalisch-geometrische Modelle zum Tanzen, vielleicht ja sogar die Quantentheorie selbst.

3-D-Experte Björn Speidel warb dafür, die „inbrünstige Kritik“ am vorerst bloß dekorativen Mehrwert der 3-DTechnik gegen größere Offenheit einzutauschen. Viele seiner Filmbeispiele würden indes auch ohne 3-D-Brille wildes Kopfkino entzünden, bei anderen verdeckt der Raumeffekt kaum die schwachen Inhalte. Der Diskurs über die wahren Potentiale von 3-D hat gerade erst begonnen.

Polnischer Wettbewerbsgewinner

Der polnische Regisseur Wojciech Bakowski, Preisträger des Internationalen Wettbewerbs, stellt in „Klang meiner Seele“ vergleichbare Fragen nach dem Verhältnis von Sprache und Bild, von äußerer Wirklichkeit und psychischer Resonanz im digitalen Zeitalter. Sein Film kombiniert kontrastierende Bildmotive, animierte grafische Elemente, Naturbilder und Schriftzeichen mit Musikzitaten und einem Monolog des Regisseurs. Das Ergebnis ist eine lakonische Reflexion über die Diskrepanzen zwischen innerer Wahrnehmung und dem experimentellen Filmemachen unter Hightech-Bedingungen.

Ein Besuch der Kurzfilmtage ist wie der Griff in eine Lostrommel. Aussagekräftige Trends auszumachen, ist angesichts von mehr als 500 Filmen aus 55 Ländern kaum möglich. Digitale Formate haben sich nicht zuletzt aus Kostengründen durchgesetzt, um die Zirkulation der oft ohne Förderung oder Unterstützung durch eine Filmschule entstehenden Miniproduktionen rund um den Erdball zu vereinfachen. Zu den globalen Standards des Kurzfilmschaffens scheint leider auch der hemmungslose Gebrauch elektronischer Klangflächen zu gehören.

Suche nach den eigenen Wurzeln

Erstaunlich viele für das Festival ausgewählte Filme kreisten um die Suche nach den Wurzeln der eigenen Existenz oder stellten Fragen nach spirituellen Traditionen und transzendenten Anderwelten. Den Hauptpreis der Stadt Oberhausen gewann ein berührendes Beispiel solch introvertierter Selbstzeugnisse. „32 + 4“ schildert den Versuch der chinesischen Filmemacherin Chan Hau Chun, mithilfe ihrer Kamera herauszufinden, warum sich ihre im selben Gebäude (Nummer 32) in Hongkong lebenden Eltern getrennt haben und welche gescheiterten Migrationsträume sich hinter deren Sprachlosigkeit verbergen.

Ähnlich bestürzend die wuchtige Abrechnung mit dem eigenen Herkunftsmilieu, die die Berliner Filmemacherin Alex Gerbaulet in ihrem mit dem Preis für den besten deutschen Film ausgezeichneten Experimentalporträt „Schicht“ betreibt. Schauplatz ist die wie untot wirkende Erz- und Hüttenstadt Salzgitter, deren Vorleben als Görings industrielles Vorzeigemodell der Film ebenso ins Auge fasst wie ihre zweite Blüte in der bundesrepublikanischen Wirtschaftswunderära, auf die der Niedergang der Stahlindustrie folgte. Wie genau die desaströse Makro-Geschichte sich im Zusammenbruch der Familie und einer Lebensunverträglichkeits-Erkrankung der Mutter spiegelt, bleibt der kritischen Empathie der Zuschauer überlassen. Über das Festival hinaus gehen solch sehenswerte Filme durch die mutigen Verleihaktivitäten der Oberhausener nicht verloren.



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